Die Feindschaft heilen

Kirche und Israel: Am Israelsonntag wird auch daran erinnert, wie schwer die Christenheit schuldig geworden ist am Volk Israel. Doch es hat ein Umdenken begonnen. Es zeigt: das Verlernen von Feindschaft ist möglich.
Von Stefan Seidel
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Es war ein langer Weg, bis christlicherseits die Jüdinnen und Juden nicht mehr als Feinde schlechthin angesehen wurden. Leider bedurfte es dazu erst der Verbrechen der Shoa und eines anschließenden jahrzehntelangen Lernweges, um die Geschwisterschaft der Christen mit dem Volk Israel zu entdecken.

In der Landeskirche Sachsens begann dieser Lernweg am 10. Sonntag nach Trinitatis 1948, als die Landessynode ein Schuldbekenntnis in den Gemeinden verlesen ließ. Darin heißt es: »Auch unsere sächsische Kirche hat zur Verfolgung der Juden, selbst der christlichen, beigetragen. Seit 1933 wurde durch die damalige Kirchenführung planmäßig der Weg beschritten, die Judenchristen aus der kirchlichen Gemeinschaft auszuschließen. Viele Pfarrer und Gemeinden haben dazu geschwiegen, ja manche haben sich an dieser Haltung sogar persönlich beteiligt. (…) Indem wir uns unter diese Schuld beugen, bitten wir Gott um Vergebung der begangenen oder geduldeten Sünde am jüdischen Volk.«

Im Jahr 1988 wurde der verlernten Feindschaft gegenüber den Juden ein erstes öffentliches Zeichen gesetzt: An der Dresdner Kreuzkirche wurde eine Gedenktafel angebracht, auf der das Schweigen der Christen zur Entrechtung und Ermordung der Juden in der NS-Zeit bekannt wird und sie als »Brüder und Schwestern« bezeichnet werden. Der landeskirchliche Lernweg setzte sich im selben Jahr mit der Gründung der »Forschungsstelle Judentum« am Theologischen Seminar Leipzig sowie einem »Wort der Landeskirche zum 50. Jahrestag der Progromnacht« fort. Darin wurde von der »bleibenden Berufung Israels« gesprochen sowie davon, dass Juden und Christen an »denselben einen Gott« glauben.

Schließlich verkündete die Kirchenleitung im Juni 2017 ein »Wort zum gemeinsamen Weg von Juden und Christ­en«. Darin wird sich auch gegen die Judenmission ausgesprochen: »In Römer 9,4 bekräftigt der Apostel Paulus ›Israel ist mein erstgeborener Sohn‹ (Exodus 4,22) und fügt in Römer 11,29 hinzu: ›Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen.‹ Das bestärkt unser Vertrauen auf die Kindschaft der Juden, in die wir Christen durch den Zusammenhang mit Jesus, dem Christus aus Israel, hineingenommen worden sind. Christliches Zeugnis stellt die bleibende Erwählung Israels nicht infrage. Alle Bemühungen, Juden zum Religionswechsel zu bewegen, widersprechen deshalb dem Bekenntnis zur Treue Gottes und der Erwählung Israels. Wo die bleibende Erwählung Israels infrage gestellt wird, entsteht die Gefahr, judenfeindlichem Denken Raum zu geben

Eine weitere Frucht der Wiederentdeckung christlich-jüdischer Geschwisterschaft ist die seit Advent 2018 gültige neue Text- und Liederordnung für evangelische Gottesdienste. In ihr hat sich die Zahl der alttestamentlichen Lesungen und Predigttexte verdoppelt. Damit soll deutlich werden, dass der Bund Gottes mit Israel bleibend besteht und wir gemeinsam unterwegs sind zum großen Ziel der Erlösung.

Doch dass der Lernweg für die Kirchen noch weitergehen muss, bemerkte jüngst der Potsdamer Rabbiner Walter Homolka gegenüber der Wochenzeitung »Die Zeit«, als er sich für die Abnahme des umstrittenen Judensau-Reliefs an der Stadtkirche Wittenberg aussprach: »Das Gift solcher Zerrbilder ist noch wirksam. Und die Kirchen müssen erkennen: Der christliche Antijudaismus wirkt weiter.«

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm jedenfalls ist sich der Verantwortung bewusst. Nach dem Besuch im ehemaligen KZ Auschwitz vergangene Woche erklärte er: »Die Entschlossenheit, dem Antisemitismus, dem Antiziganismus und allen anderen Formen von Menschenfeindlichkeit entgegenzutreten, wo immer sie sich zeigen, die wird mich weiter begleiten.«

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