Alle Jahre wieder

Auszug aus einer Weihnachtserzählung von David Wagner
David Wagner
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Auszug aus einer Weihnachtserzählung von David Wagner

Kommst du Weihnachten nach Hause? Und was wünschst du dir? Mit diesen Fragen beginnt ein Telefongespräch zwischen einem Vater und seiner erwachsenen Tochter. Humorvoll und leichtfüßig diskutieren die beiden, wer wo mit welchem Familienteil das Fest verbringt und wie Weihnachten heute überhaupt gefeiert werden soll: mit geschmücktem Baum oder ohne? Vegetarisch oder doch mit Braten? Mit »Jingle Bells« oder »Stille Nacht«, Christkind oder Weihnachtsmann? So wie früher oder ganz anders? Ein berührendes Nachdenken darüber, was Weihnachten ausmacht und immer wieder besprochen werden muss. Alle Jahre wieder.

»Kommst du nach Berlin, Große? Und was wünschst du dir?«

»Ich komme, wenn du einen Baum besorgst.«

»Aber wir haben nie einen Baum!«

»Deshalb. Du sollst mal einen aufstellen.«

»Reicht es dir nicht, wenn es in Mamas Wohnung einen gibt?«

»Nein.«

»Weihnachtsbäume, weißt du doch, sind mir zu deutsch. Zu protestantisch. Zu pseudogermanisch.«

»Aber du bist Protestant, Papa! Darauf bestehst du immer!«

»Ja, formal gehöre ich der Tannenbaumreligion an, aber ich weiß, dass Luther keinen Weihnachtsbaum in der Stube stehen hatte; er hat seinen Kindern vor einer Krippe beschert. Der deutsche Weihnachtsbaum ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.«

»Blablabla, Papa, Weihnachtsbäume sind schön. Und wichtig. Und sie leuchten.«

»Könntest du es denn mit deinem ökologischen Gewissen vereinen, wenn deinetwegen ein weiterer Baum gefällt wird?«

»Ach komm, es gibt Weihnachtsbaumplantagen.«

»Deren Umweltbilanz möchte ich sehen. Nordmanntannen-Baumschulen sind ökologisch sicher sehr wertvoll. Warum bist du so tannenbaumsentimental?

In Wahrheit sehen die meisten kümmerlich aus, schief gewachsen, mickrig und krumm.«

»Papa!«

»Na gut, wenn du unbedingt willst, wenn du es dir wünschst, dass ein weiterer Baum sterben muss, kaufe ich einen. Für uns. Zu Weihnachten.« (…)

»Martha? Bist du noch da?«

»Ja.«

»Es würde helfen, wenn du ab und zu Laute von dir geben würdest, die mir verraten, dass du da bist und zuhörst.«

»Ich höre zu. Ich habe nur gerade nachgelesen, woher der Weihnachtsmann kommt. Habe gelesen, dass er eine Kompromissfigur ist, die sich während des 19. Jahrhunderts im evangelischen Norden des deutschen Sprachraums etabliert hat, weil das für Luther noch wichtige Christkind im Laufe der Zeit katholisch geworden war. Seit 1820 etwa gibt es den Weihnachtsmann als Gabenbringer in Liedern – Morgen kommt der Weihnachtsmann gehört wohl dazu –, er tritt an die Stelle des Christkinds und übernimmt auch die Funktion des katholischen Nikolauses.«

»Liest du das auf deinem Telefon? Aber du telefonierst doch!«

»Ich habe AirPods, ich muss mir das Telefon nicht an die Ohrmuschel halten. Und mein iPad liegt auch hier. Und der Computer ist an.«

»Du bist so fleißig. Und hast so viele Geräte.«

»Die hast du mir alle geschenkt. Zu Weihnachten oder zum Geburtstag.«

»Und, funktioniert noch alles?«

»Ja.«

»Hat dein iPad dir schon einen Weihnachtsrückblick gezeigt?«

»Nein, ich warte noch darauf. Und kann es kaum erwarten, Papa.«

»Opa hat mir mal gesagt, als Kind hätte ich Weihnachten kaum erwarten können. Dass ich mich immer wie wahnsinnig gefreut hätte und dass mir die Zeit bis dahin gar nicht schnell genug vergehen konnte.«

»Geht das nicht allen Kindern so?«

»Wahrscheinlich. Das Besondere an Weihnachten aber war, dass die großen Erwartungen sich meist erfüllten, es gab so viele neue Sachen, so viele Spielsachen, mit denen dann tatsächlich etwas Neues begann. Plötzlich ließen sich ganz andere Dinge spielen, bauen oder lesen. Und die Freude über die neuen Dinge hielt viel länger an als heute, sie hielt bis ins neue Jahr, oft bis in den März hinein. Und von da an, wenn sie doch nachgelassen hatte, konnte ich mich auf meinen Geburtstag freuen.«

»Irgendwann freust du dich nicht mehr, dass die Zeit so schnell vergeht. Dass sie überhaupt vergeht.«

»Ach, das weißt du auch schon, Tochter?«

»Ja, Papa, ich werde alt.«

»Quatsch, du wirst immer jünger. So wie ich.«

»Davon träumst du.«

»Hast du schon dein Türchen im Adventskalender geöffnet?«

»Klar. Als Vorfreude-Moderator funktioniert ein gefüllter Adventskalender noch immer. Hast du dir etwa keinen gekauft, Papa?«

»Nein, ausnahmsweise nicht. Für dich habe ich einen besorgt, er liegt hier. Du kannst dann alle Türchen auf einmal öffnen.«

»Das ist aber nicht der Sinn der Sache.« (…)

»Weißt du, was mir gerade auffällt? Morgen kommt der Weihnachtsmann, das Lied, das du eben erwähnt hast, ist eines der Weihnachtslieder, die sich nur an einem Tag im Jahr singen lassen. Genau wie Morgen, Kinder wird’s was geben.«

»Am 23. Dezember?«

»Morgen, Kinder … war für mich ein Nikolauslied, Martha. Einmal werden wir noch wach, / heißa, dann ist Nikolaustag …«

»Du musst es nicht singen, Papa.«

»Mich hat schon als Kind gestört, dass diese Lieder sich zeitlich so festlegen. Sie an einem anderen Tag zu singen, kam mir nicht richtig vor.«

»Das ist bei Stille Nacht genauso. Genau genommen lässt Stille Nacht sich bloß in der Weihnachtsnacht singen.«

»Interessant, dass ausgerechnet Stille Nacht so populär geworden ist, wo die Melodie gegen Ende diese gar nicht einfach zu singenden großen Intervalle hat. O du fröhliche ist leichter und lässt sich den ganzen Advent lang intonieren, die ganze gnadenbringende Weihnachtszeit hindurch.«

»Bringt sie Gnade, Papa? Müsste es nicht geschenkebringende Weihnachtszeit heißen?«

»Stellst du etwa den deutschen Beitrag zur Weltkultur in Frage, Tochter? Pass auf, die Deutschen bilden sich sehr viel ein auf ihre Weihnachtslieder.

Na ja, heute vielleicht nicht mehr. Heute hören sie Last Christmas von Wham!«

»Ist doch ein schönes Lied, Papa.«

»Nein, ist es nicht. Es ist ein sentimentaler Ohrwurm.«

»Last Christmas ist auch nicht kitschiger als Süßer die Glocken nie klingen. Und nein, du musst es nicht singen!«

»Das würde ich nie. Süßer die Glocken nie klingen / als zu der Weihnachtszeit, das klingt schon wie eine Parodie. Das muss niemand zu Süßer die Kassen nie klingeln verballhornen.«

»Jingle Bells ist auch nicht besser.«

»Danke, dass du es sagst. Jingle Bells mag ich nicht, weil der Song diese fast aggressive Weihnachtsfröhlichkeit verbreitet. Das kann einer richtigen Kartoffel wie mir, die lieber ergriffen dem Weihnachtsoratorium lauscht, natürlich nicht gefallen.«

»Jingle Bells hat sich aber durchgesetzt und erklingt heute überall auf der Welt, Papa.«

»Da hast du recht. In chinesischen Flugzeugen über Sibirien sowie in Aleppo, Syrien.«

»Wie kommst du jetzt auf Aleppo?«

»Eine New Yorker Freundin ist vor Jahren, lange vor dem syrischen Bürgerkrieg, mal im Dezember nach Aleppo geflohen, um dort Weihnachten und allem Weihnachtsgedudel zu entkommen. Hatte aber vergessen oder nicht gewusst, dass es in Syrien ziemlich viele Christen gibt. Während sie nun am 24. Dezember durch die vor ihrer Zerstörung wohl wunderschöne Altstadt von Aleppo spaziert, muss in einer engen Gasse ein LKW zurücksetzen. Und, welche Warnmusik spielt der während seiner Fahrt im Rückwärtsgang?«

»Jingle Bells?«

»Ja. Amerika war längst in Aleppo.«

»Und, welches Lied ist dein Lieblingsweihnachtslied, Papa?«

»Alle Jahre wieder ist das Schönste.«

»Ich finde, es klingt ein bisschen traurig.«

»Es ist traurig. So traurig, dass ich manchmal weinen möchte, wenn ich es höre. Wahrscheinlich gefällt es mir deshalb so gut.«

»So traurig ist es nun auch wieder nicht.«

»Das Lied erinnert uns daran, dass wir unten auf der Erde, auf der Erde der Mühe und Plage leben, zu der das Christkind, dieser Engel, jedes Jahr hinabsteigen muss, um uns zur Seite zu stehen. Ohne seine liebe Hand hielten wir es gar nicht aus.«

»Amen.«

»Es spendet Trost, alle Jahre wieder; das Christkind wie das Lied. Steht auch mir zur Seite / still und unerkannt, / dass es treu mich leite / an der lieben Hand.«

»Nicht singen, Papa. Oder ich muss auflegen.« (…)

David Wagner: Alle Jahre wieder. Evangelische Verlagsanstalt 2022. 112 Seiten, Hardcover, 14,00 Euro

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