Es ist Zeit zu streiten

Auf der Frauenkonferenz in Dresden diskutierten Teilnehmerinnen brisante Themen
Mandy Weigel
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  • Frauenkonferenz im Dreikönigsforum Dresden © Frauenarbeit/I. Richter

  • Frauenkonferenz im Dreikönigsforum Dresden: Dr. Erik Panzig im Gespräch mit Juliane Nagel/DIE LINKE © M. Weigel

  • Frauenkonferenz im Dreikönigsforum Dresden: Abschlussdiskussion mit Referentinnen © M. Weigel

Die diesjährige Frauenkonferenz der sächsischen Landeskirche fand an einem geschichtsträchtigen Datum statt: Am 9. Oktober – dem Tag, an dem 1989 in Leipzig 70000 Menschen auf dem Ring demonstrierten. Die Tagung im Dreikönigsforum Dresden widmete sich passend dazu dem Thema »Demokratie im Dialog«. Dabei ging es auch um die erste Begegnung von Ost- und Westfrauen 1990 beim ersten deutsch-deutschen Frauenkongress.

Jessica Bock blickte in ihrem Beitrag mit dem Titel »Deutschland (k)ein einig Schwesternland« auf die aus ihrer Sicht noch unerledigte Aufarbeitung der unterschiedlichen Zugänge der Frauen aus Ost und West. Sie hatte sich in ihrer Dissertation mit der ersten Begegnung nach der Wiedervereinigung beschäftigt und herausgefunden, warum das Treffen damals scheiterte: Die Kluft war zu groß, die Lebenswirklichkeiten und Erwartungen von Ost- und Westfrauen zu unterschiedlich. »Frauen waren maßgeblich am Herbst '89 beteiligt« danach seien sie aus der Öffentlichkeit verschwunden. Dabei hatten sich die Ostfrauen immer für emanzipierter gehalten – ein Mythos, so die Historikerin.

Wie beim ersten Frauenkongress tauschten sich die Frauen in Workshops aus. Hier ging es um die aktuelle Situation bei Erwerbsarbeit, häuslicher Gewalt, um Familienbilder und Frauenwiderstand. Eine Gruppe beschäftigte sich mit Familienbildern in Ost und West und der Veränderung in Familien. »Hier waren sich alle Teilnehmerinnen einig, dass die Vielfältigkeit von Familienformen – von Patchwork bis Alleinerziehenden, von Lebenspartnerschaften bis verheirateten Paaren – weiter zunehmen wird«, berichtet Eva Brackelmann, Geschäftsführerin der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen Sachsen. Die Pandemie habe eine Verschiebung oder auch einen Rücklauf der geschlechterspezifischen Arbeitsverteilung in der Familie mit sich gebracht. Andere sprachen über Erwerbstätigkeit: Frauen seien auf dem Arbeitsmarkt strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt. Ehegattensplitting und gemeinschaftliche Besteuerung abzuschaffen, wäre ein wichtiger Schritt zur Gleichstellung.

Über autonome Projekte und Kriminalisierung von Frauenwiderstand sprach Juliane Nagel, Landtagsabgeordnete der LINKEN. Mit Anfang 20 war sie in die PDS eingetreten. Feministisches Handeln habe für sie keine Rolle gespielt. »Ich habe mich nie als Vorkämpferin für Frauenrechte gesehen.« Aber als Ostfrau würde sie sich schon bezeichnen. Ost-West spiele ansonsten bei Jüngeren keine Rolle. Zum Fall der angeklagten Leipzigerin Lina E. erklärt sie: »Sie ist zu einer Identifikationsfigur für junge Frauen geworden. Das sehe ich sehr kritisch.« Gegen Lina E. und drei Männer läuft vor dem Oberlandesgericht Dresden ein Strafverfahren. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen die Bildung einer kriminellen linksextremen Vereinigung und gewalttätige Angriffe auf mutmaßliche Rechtsextremisten vor. »Ich sympathisiere nicht mit ihr. Gezielt auf Menschen loszugehen, das verurteile ich«, so Nagel. Menschenfeindliche Äußerungen, wie auf einer Sympathiekundgebung für die Angeklagten, seien mit linken Zielen nicht vereinbar. Kritik am Auftritt der Politikerin gab es bei den Zuhörerinnen nicht. »Ich finde es gut, dass Frau Nagel ein Podium bekommen hat«, erklärt Annette Kalettka, Mitglied im Beirat der Frauenarbeit nach dem Gespräch. »Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Man muss sich mit den Themen auseinandersetzen.« Und auf die Tagung bezogen: »Die Frauenarbeit ist wieder stärker an politischen Themen dran.« Christliche Frauen würden hier gebraucht – auch in der sächsischen Landeskirche, die als konservativ gelte. Für Kalettka kein Widerspruch. »Ich bin Feministin«, bekennt sie. Gleichzeitig habe sie eine konservative bewahrende Seite. Diese Vielfalt sieht sie auch in der Landeskirche. Auf die könne man stolz sein.

»Wir brauchen Streit und Auseinandersetzung«, erklärte Oberlandeskirchenrätin Margrit Klatte im Grußwort der Landeskirche. »Es ist an der Zeit zu streiten« und nicht, sich aus dem Weg zu gehen. Dialog brauche Gewalfreiheit. »Wirken Sie für einen kritischen Geist des Beisammenseins«, ermutigt sie die Zuhörerinnen. 

Quelle
VERÖFFENTLICHT AM 13.10.2021 Artikel drucken

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