Der Analytiker

Kurt Biedenkopf mit 91 Jahren gestorben
Katharina Rögner (epd)
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Kurt Biedenkopf
© Thomas Kretschel/kairospress/Wikipedia

Kurt Biedenkopf wird als Sachsens erster Ministerpräsident nach der deutschen Wiedervereinigung in die Geschichte eingehen. In diesem Amt hat der Jurist und CDU-Politiker nach 1990 eine zweite Karriere hingelegt. Auch im Ruhestand blieb der gebürtige Rheinland-Pfälzer seiner Wahlheimat Sachsen verbunden. Am Donnerstagabend ist er im Alter von 91 Jahren in Dresden gestorben. Viele Sächsinnen und Sachsen verehrten ihn, die Medien nannten ihn „König Kurt“.

Zu seinem 90. Geburtstag wurde er im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit einem Festakt in der Dresdner Frauenkirche geehrt. Dort wie schon zuvor stets an seiner Seite: Ehefrau Ingrid Biedenkopf (90). In Sachsen gilt die erste Phase neuer Freiheit nach 1989 trotz belastender Umbrüche wie ein zweites Goldenes Zeitalter, vergleichbar dem frühen 18. Jahrhundert unter Kurfürst August dem Starken. Diese Zeit brachte auch dem gleichfalls durch manches Tal gegangenen Biedenkopf als Ministerpräsident die Ära seiner großartigsten Leistungen, ja persönlicher Triumphe. Mit taktischem Geschick, aber auch feinem Gespür und reichlich Streicheleinheiten für die sächsische Bevölkerung hatte Biedenkopf es geschafft, Symbolfigur ihrer Hoffnungen, aber auch ihres Stolzes zu werden.

Biedenkopf galt als großes Talent und musste als Politiker doch schwere Niederlagen einstecken. Vom „König Kurt“ der Jahre 1990 bis 2002 sprach später kaum noch jemand. Dennoch warnte der ehemalige Landesvater im CDU-Landtagswahlkampf 2019 die Sachsen, „sich aus der Ländergemeinschaft auszuschließen“, wenn sie die AfD wählten. Das war ein deutliche Kehrtwende Biedenkopfs, hatte er doch während seiner Amtszeit als Ministerpräsident den Mythos vom sächsischen Alleskönner genährt und Sachsens Bevölkerung 2001 sogar „Immunität gegen Rechtsextremismus“ bescheinigt. Nicht nur als Wahlkämpfer, auch bei den Medien war Biedenkopf, der 1990 kurzzeitig Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig war, bis ins hohe Alter gefragt.

Der Hochbegabte erwarb sich früh einen Ruf als unkonventioneller Denker. Wenn er mit seinem ihm gegebenen schelmischen Lächeln argumentierte und gern auch dozierte, galt er als unwiderstehlich. Der Jurist und Ökonom, der in Deutschland und in den USA studiert hatte, stieg akademisch, wirtschaftlich und politisch schnell auf. An der Ruhr-Universität Bochum wurde er mit 37 Jahren Deutschlands jüngster Universitätsrektor - in der Zeit der 1968er Studentenrevolte - dann Mitglied der Geschäftsführung des Henkel-Konzerns und als 43-Jähriger Generalsekretär der CDU Deutschlands. Von 1976 bis 1980 gehörte er dem Deutschen Bundestag an.

Das 1974 verfasste Buch „Fortschritt in Freiheit“ ist eine bis heute gültige Analyse globaler Probleme. Nicht nur politische Gegner sahen in Biedenkopf eher den besseren Analytiker als den praktischen Gestalter. In seinem Buch „Zeitsignale“ von 1990 nahm er vorweg, wozu das Wahlergebnis die Thüringer gerade zwingt: Minderheitsregierungen und wechselnde Mehrheiten. Für den Politiker, der 1984 sogar als EU-Kommissionspräsident im Gespräch war, begannen Ende der 70er Jahre die Turbulenzen. Mit dem Zerwürfnis mit Helmut Kohl (CDU), einer verlorenen Landtagswahl gegen Johannes Rau (SPD) und dem Ende des CDU-Vorsitzes in Nordrhein-Westfalen schien sich sein Stern zu neigen.

Als ihn 1990 der Ruf einiger Bürgerbewegter nach Sachsen ereilte, war er nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter. Die Sachsen und Sächsinnen verehrten Kurt Biedenkopf vor allem wegen des wirtschaftlichen Aufstiegs zum ostdeutschen Musterland. Mit dem Aufkommen der NPD und autoritärer Einstellungen in der Bevölkerung kam nach seinem wenig schmeichelhaftem Abgang 2002 die Quittung: Wirtschaftslobbyismus, Affären, persönliche Eitelkeiten, ein wenig auch die Rolle seiner handfesten, aber innig geliebten zweiten Frau Ingrid als „Landesmutter“ addierten sich.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Karl Nolle stocherte damals mit sicherem Jagdinstinkt im System Biedenkopf herum. Die Folge war der mit 72 Jahren unter Druck erfolgte Rückzug. Geblieben sind seine Lieblingsthemen wie Mitbestimmung, Rentensystem und Wachstumskrise. Ihr Anwesen am Chiemsee hatten die Biedenkopf 2018 aufgegeben und waren wieder nach Dresden gezogen.

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