»Der Prophet ist der erste Journalist«

Auch die Auflagen von Kirchenmedien wie dem Sonntag sinken – doch der Theologieprofessor und Medienexperte Roland Rosenstock glaubt an ihre Zukunft. Wenn sie sich auf ihre journalistischen Tugenden besinnen und weiterentwickeln, werden sie für eine evangelische Kirche kaum verzichtbar sein.
Das Interview führte Andreas Roth
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Roland Rosenstock ist Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Greifswald und forscht seit Jahren über religiöse Kommunikation und Ethik in den Medien. Er schrieb ein Standardwerk über die »Evangelische Presse im 20. Jahrhundert« und begleitet die Debatten um die Zukunft kirchlicher Medien wissenschaftlich. © Pressestelle der Universität Greifswald

Herr Professor Rosenstock, in der DDR gab es für den Sonntag mehr Interessenten als die politisch gedeckelte Kirchenzeitung liefern konnte – heute ist es andersherum: die Auflage schrumpft wie bei fast allen anderen Zeitungen. Wie relevant sind Kirchenzeitungen noch?

Rosenstock: Die Sonntagszeitungen haben durchaus eine hohe Relevanz bei den hoch Aktiven, den eng Verbundenen und den Entscheidern in der Kirche. Es gibt keine anderen Medien, die diesen Bedarf an Beheimatung, Spiritualität und innerkirchlicher Demokratie im Blick haben. Wenn das auch digital weiterentwickelt wird, dann bleibt auch diese Relevanz.

Trotzdem sinken die Auflagen ungebremst – liegt das nur an der Digitalisierung?

Die Reichweite ist da. Das Problem ist, Menschen für ein Abo zu gewinnen – und Pfarrerinnen und Pfarrer als Unterstützer. Die evangelischen Kirchenzeitungen haben zu wenig für die Digitalisierung getan in den letzten 15 Jahren. Wir sehen auch bei den Tageszeitungen einen Auflagenverlust – und zugleich einen Relevanzgewinn für guten Journalismus, gerade jetzt in der Corona-Zeit. Nämlich dort, wo Hintergrund­geschichten gut recherchiert sind und Medien von Nutzern einen Vertrauensvorschuss bekommen. Dieses Vertrauen hat auch die Kirchenpresse: Ihre Leser lesen diese Blätter sehr intensiv.

Entspricht ihr Angebot den Erwartungen der Leser an Journalismus?

Es mangelt Kirchenzeitungen nicht an journalistischer Qualität. Aber wenn ich sie mir anschaue, mangelt es manchmal an Mut, die Themen, die kontrovers in den Kirchen diskutiert werden, auch kontrovers darzustellen. Und da ist das Problem der Loyalität: Dass Kirchenzeitungsjournalisten auf der einen Seite Mitglieder der Kirche sind – und auf der anderen Seite eine kritische Perspektive haben müssen. Hier wünsche ich mir häufig mehr Mut, die kritischen Themen auf den Tisch zu bringen. Bevor es andere tun.

Gibt es einen theologischen Grund für kritischen Kirchenjournalismus?

Schon in der Bibel gibt es immer auch eine Herrschaftskritik – der Prophet ist der erste Journalist. Es ist seine Funktion, die Finger da hinzulegen, wo ­Probleme sind und wo es wehtun wird. Damit sich ­Institutionen wie die Kirche immer wieder reformieren können.

Auf der anderen Seite gibt es bei vielen Leserinnen und Lesern das Bedürfnis nach Stärkung, Erbauung und Selbstbestätigung. Wie passt das zur kritischen Funktion der Kirchenzeitung? Das kritische Begleiten und das Benennen von In­teressen, die sonst in der Öffentlichkeit nicht gehört werden, gehört genauso dazu wie Beheimatung in ­Kirchenräumen oder im Kirchenjahr und das Stärken der Mitglieder. Beides findet auf verschiedenen Seiten der Kirchenzeitung seinen Platz.

Hier in Ostdeutschland gehören nur noch rund 20 Prozent der Menschen einer Kirche an und ihr Geld wird knapper – sollte die Kirche da noch ein Medium finanzieren, das sich vor allem nach ­innen wendet?

Religionssoziologen wie Professor Gert Pickel von der Universität Leipzig sagen uns: Die Kirche muss zuerst die Mitglieder stärken, die nicht sehr eng mit der Gemeinde verbunden sind und sich immer stärker von ihr distanzieren. Kirchenzeitungen können die Zahl der Mitglieder stabilisieren, weil sie dezidiert für sie geschrieben werden. Auch digital könnte dieses Medium ein Ort sein, an dem die Beteiligung von Mitgliedern noch stärker praktiziert wird.

Wird es in zehn Jahren überhaupt noch einen gedruckten Sonntag geben?

In zehn Jahren wird es Menschen geben, die ihn weiterhin auf Papier lesen wollen, auch wenn das dann teurer sein wird – andere werden ihn digital lesen. Der Sonntag wird mehr Video-Formate anbieten, das Smartphone und die Sozialen Medien werden als Kanäle wichtig sein. Ich glaube sehr stark an die Zukunft der Kirchenzeitung, wenn sie lernen, regional stärker zu kooperieren, guten Journalismus anbieten und sich als crossmediale Marke etablieren. Dann werden sie auch in einer kleiner werdenden Kirche einen wichtigen Ort haben. Ich warne davor, Marken wie den Sonntag, dem Leserinnen und Leser vertrauen, auf­zugeben – denn neue Marken in der Unübersichtlichkeit des Internets zu etablieren, ist viel schwieriger, als Altes weiterzuentwickeln. Eine klare Haltung ist bei alldem wichtig: Kirchenblätter müssen erkennbar journalistisch bleiben und PR darf keinen Platz in ihnen haben.

Aber sind Kirchenleitungen und Synoden nicht gerade unterwegs, ihr weniger werdendes Geld lieber in digitale PR-Kanäle zu investieren?

Wir dürfen nicht das Eine gegen das Andere ausspielen. Viele Menschen in den Kirchenleitungen verstehen nicht, warum man weiterhin einen kritischen kirchlichen Journalismus braucht. Aber ich bin selbst Synodaler und weiß: Synodale brauchen gute Informationen, unterschiedliche Fakten und Meinungen für ihre Entscheidungen. Das können Presseerklärungen und Hochglanz-PR nicht leisten. Der gute Journalismus von Kirchenzeitungen wird von Leserinnen und Lesern mit Abos mitbezahlt und sollte auch von den Landeskirchen stärker unterstützt werden. Er hat eine Funktion für die innerkirchliche Demokratie. Schließlich wird dadurch auch das evangelische Profil einer protestantischen Kirche deutlich.

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