»Was glaubst du, Oma?«

Ökumene: Birgit Pfeiffer wuchs in einer evangelisch-katholischen Familie auf und bezeichnet sich als »konfessionell zweisprachig«. Auch wenn sie heute mit Freude und Überzeugung Lutheranerin ist, weiß sie vieles aus der katholischen Tradition zu schätzen. Und hofft auf ein baldiges gemeinsames Abendmahl.
Von Birgit Pfeiffer
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Birgit Pfeiffer
Gottsucherin im konfessionellen Grenzgebiet: Birgit Pfeiffer vor einer Engelsfigur in der evangelisch-lutherischen Peterskirche Leipzig. Diese Gemeinde ist ihr in der Jugend zur Glaubensheimat geworden. © Uwe Winkler

Es war in den Sommerferien, die ich wie jedes Jahr bei meiner Großmutter in einem Dorf in Sachsen-Anhalt verbrachte – Mitte oder Ende der 80er Jahre, ich war etwa 13 Jahre alt. Es war schon spät und wir hatten das Licht schon ausgemacht, aber ich konnte nicht einschlafen. Ich fragte meine Großmutter im Dunkeln: »Oma, woran glaubst Du?« Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, fing sie an, laut und deutlich das katholische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Ich war sehr beeindruckt von diesem klaren Zeugnis, das aus der anderen Ecke des stockdunklen und kühlen Schlafzimmers kam, in ihrer Wohnung, die sehr einfach gehalten war, wie ihr ganzes Leben. Ich glaube, ich sagte einfach nur: »Danke, gute Nacht«, und wir redeten nicht mehr darüber. Aber ihr Bekenntnis verfehlte seine Wirkung nicht. Ich war immer sehr gern bei meiner Oma. Ihre Herzensgüte, Fröhlichkeit und ihre Großzügigkeit werde ich nie vergessen.

Wie man betete, hatte mir schon frühzeitig meine ebenfalls katholische Mutter beigebracht – die Erinnerung daran gehört zu den ersten meines Lebens. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, dass meine Puppe nicht mitbeten sollte. Beten musste also etwas Ernstes und Besonderes sein.

Dass ich selbst nun allerdings evangelisch bin, ist auf meine andere Großmutter zurückzuführen, die darauf bestand, ihren lutherischen Glauben zu behalten, als sie meinen katholischen Großvater heiratete – gegen alle Widerstände. Denn damals war das noch eine große Sache, eine solche »Mischehe« zwischen Katholiken und Prote­stanten. Und auch meinem Vater war es wichtig, evangelisch zu bleiben, als er meine katholische Mutter heiratete. Und so bin auch ich evangelisch getauft und zu DDR-Zeiten zunächst mit eher mäßigem Interesse zur Christenlehre gegangen. Zu meinem persönlichen Glauben fand ich einige Jahre später über das Buch »Jesus, unser Schicksal« des evangelischen Pfarrers Wilhelm Busch, das mich in die eigene lutherische Gemeinde führte, in der ich mich fortan mit großer Begeisterung engagierte.

Nichtsdestotrotz hat es mich immer wieder auch in die katholische Kirche gezogen: Während meines Studienaufenthalts in Großbritannien etwa sang ich in der wunderschönen Kirche in der Sonntags-Schola, besuchte die katholische Studentengemeinde und ging mit anderen Studenten auf Pilgerschaft – eine sehr bereichernde Erfahrung. In jeder Stadt, in der ich bisher gelebt habe, habe ich auch die katholischen Kirchen und Gemeinden besucht, besonders gern den Aachener Dom. Zur katholischen Abendmahlsfeier, der Kommunion, gehe ich (allermeist) nur nach Rücksprache mit den verantwortlichen Geistlichen; mir die Kommunion »ermogeln« möchte ich nicht.

Am Katholizismus gefallen mir insbesondere die Andachten und Gottesdienste und die oft kurzen, knackigen Predigten katholischer Priester, welche eine Selbstverständlichkeit ihrer Sendung ausstrahlen.

Früher haben katholische Bekannte versucht, mich zur Konversion zu bewegen. Doch jedes Mal, wenn ich diese Gedanken ernsthaft in Erwägung gezogen habe, spürte ich etwas in mir, das dem sehr stark entgegenstand: die von Luther propagierte innere Freiheit des Glaubens sowie des unmittelbaren Mit-Gott-Verbundenseins, und zwar ohne institutionell verordnete Vermittlung. Für mich gibt es nur einen Heiligen Vater – Gott selbst, und nur einen Mittler: Christus, der Auferstandene.

Diese innere Ungezwungenheit bei gleichzeitiger großer Verbindlichkeit geistlichen Lebens scheint mir persönlich doch ein Prädikat insbesondere der evangelisch-lutherischen Kirche zu sein, welche ich wieder vermehrt wertzuschätzen gelernt habe – auch wenn ich Luthers Judenfeindlichkeit ablehne. Heute kann ich meine evangelische Oma viel besser verstehen als früher. An vielen Stellen erscheint mir die römisch-katholische Kirche doch mehr römisch als katholisch zu sein, und wenn ich einen Gottesdienst aus dem Petersdom mit Heerscharen an geistlichen Würdenträgern – ausschließlich Männern – am Fernseher verfolge, will sich so gar keine Herzenswärme in mir ausbreiten.

Die Heiligenverehrung und insbesondere die Anbetung Mariens als Himmelskönigin bei gleichzeitigem Ausschluss weiblicher Kompetenz aus kirchlichen Entscheidungskorridoren ist und bleibt mir unverständlich.

Wenn meine konfessionsverschiedenen Eltern überlegen, wohin sie sonntags in die Kirche gehen, werden verschiedene, eher pragmatische Faktoren abgewogen: Wer den Gottesdienst hält und wie deutlich er (oder sie) spricht, wird dabei ebenso in Betracht gezogen wie – in evangelischen Kirchen – die Form der Abendmahlsausteilung oder sogar die Festigkeit des pfarrerlichen Händedrucks nach dem Gottesdienst, was mich öfters zum Schmunzeln veranlasst. Nun, seit Corona hat sich hier ohnehin viel geändert.

Ich bin dankbar, beide Welten – die evangelische und die katholische – zu kennen; von beiden habe ich vieles gelernt und geschenkt bekommen, auch wenn ich mich bewusst zum lutherischen Glauben bekenne. Dank meiner »konfessionellen Zweisprachigkeit« habe ich auch keine Berührungsängste gegenüber anderen Konfessionen. Mit dem ökumenischen Hauskreis der Peters- und Trinitatiskirchgemeinde Leipzig besuchte ich zum Beispiel die rumänisch-orthodoxen Kirchen in der Region Moldau im Nordosten Rumäniens. Ebenfalls ging ich, vor allem als ich Altkirchenslawisch an der Uni lernte, in die Gottesdienste der russisch-orthodoxen Gedächtniskirche in Leipzig, in deren unmittelbarer Nähe meine Eltern seinerzeit wohnten.

Und in Ägypten zeigte mir ein koptischer Hotelangestellter seine Kirche vor Ort und schenkte mir ein Neues Testament auf Arabisch, das ich noch heute besitze. Er hatte gesehen, dass ich eine Kreuzkette trug.

Unabhängig vom Stand der evangelisch-katholischen Ökumene wäre es sicher schön, wenn alle Menschen, die mit Christus verbunden sind, dauerhaft gemeinsam Abendmahl feiern könnten. Aber die historisch gewachsenen Unterschiede sind da und können nicht einfach weggewischt werden. Und vielleicht ist das auch gar nicht so tragisch. Sobald Jesus den Rücken gedreht hat, und sei es nur für eine halbe Stunde, verfielen seine Jünger in ihrem Denken in sehr menschliche Kategorien. Sie überlegten zum Beispiel, wer der Größte unter ihnen sei. Vielleicht ist das normal, eben menschlich.

Ich halte es für möglich, dass nur Jesus selbst es vermag, eine bleibende Einheit herbeizuführen. Und, ja, vielleicht dauert das noch eine Weile. Aber dann wird die Freude umso größer sein.

Wir möchten bis Heiligabend mit Ihnen zurückblicken auf spannende Themen und Artikel, die Sie nur im Abo lesen konnten. 24 davon stellen wir Ihnen im Advent kostenlos bereit. Blicken Sie mit uns zurück, was uns dieses Jahr alles beschäftigt hat. Dieser Artikel erschien im DER SONNTAG, Nr. 5 | 31.1.2021. Möchten Sie mehr lesen? Alle Sonntagsthemen finden Sie bequem in unserem Abo. Ob gedruckt oder digital – Verpassen Sie keinen Artikel mehr. Bestellen Sie jetzt unter: https://www.sonntag-sachsen.de/aboservice

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