Was nach dem Urlaub zählt

Nach dem Urlaub beginnt die Arbeit wieder – und die Schule. Doch haben die Ferien die ersehnte Entspannung gebracht? Beziehungsglück statt Leistungsstress mahnt unser Autor an: für Erwachsene wie für Kinder.
Hans-Joachim Maaz
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Foto: vschoenpos0

Die meisten Menschen sind heute so sehr auf Anstrengung und Leistung gedrillt, dass sie auch ihren Urlaub nur noch stressig gestalten können, um keinen »Entzug« erleiden zu müssen, so dass die Sehnsucht nach einem entspann­ten Leben gar nicht erst zur Wirkung kommen kann. So wird Urlaub immer häufiger zu einem von Erlebnishunger und verkauften Illusionen pervertiertem Event. Wir haben das Gleichmaß von Anspannung und Entspannung, von Aktivität und Passivität, von sinnvoller Anstrengung und verdienter Erholung in einer Welt, in der Geldwerte über Beziehungswerte dominieren, verloren. Wir glauben an ewiges Wachstum und verleugnen Begrenzung und verlieren dabei den sinngebenden Rahmen für unser Leben.

Der materielle Gewinn, den wir anstreben, der uns hetzen lässt und der Ruhe beraubt, ersetzt nicht das verlorene Beziehungs-Glück. Das, was wir wirklich brauchen: verstanden, bestätigt und gemocht zu sein, kann man weder kaufen noch durch angestrengtes Leisten erwerben. Diese bittere Erkenntnis wollen wir nicht zulassen und verteidigen wie Süchtige das falsche Leben: Die Mütter sollen sehr früh ihre Kinder abgeben und Karriere machen; frühkindliche Bildung soll die fehlende Bindung ersetzen; in den Schulen wird nicht fürs Leben, sondern für Zensuren gelernt; das soziale Leben wird durch Konkurrenzen belastet und gesellschaftlich dominieren materielle Werte über Beziehungswerte. Auf ein Wort: Geld statt Liebe.

Ein Mangel an früher elterlicher Zuwendung und Bestätigung bleibt ein Leben lang wie ein Stachel im Fleisch: beweisen zu wollen, dass man doch liebenswert und anerkennungswürdig ist, ohne erst etwas leisten zu müssen. Es ist nicht Liebe, Kinder erst für Wohlverhalten, für Leistungserfolge und erfüllte Erwartungen zu bestätigen. Die Bedeutung guter Mütterlichkeit und Väterlichkeit, die Notwendigkeit gesicherter früher Bindung, die Beachtung und angemessene Beantwortung ganz individueller Bedürfnisse des Kindes für seine Persönlichkeitsentwicklung sind längst wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse. Umso mehr sind Antworten gefordert, weshalb wider besseren Wissens das Kindeswohl so missachtet wird. Was ist mit den Eltern, Erziehern, Lehrern, Managern und Politikern geschehen, die die Orientierung von Kindern auf erfolgsbezogene Anstrengungen, eine »Zurichtung« auf äußere Werte kritiklos gutheißen? Ist es ein Spiegelbild der selbst erlittenen Entfremdung, die weitergegeben werden muss, um die eigene tiefe seelische Not nicht mehr zu erleiden: ein Mangel an wirklicher Befriedigung und Entspannung, der Schmerz unerfüllter Liebes-Sehnsucht?

So wird auch verständlich, weshalb mancher Urlaub unbefriedigend bleibt, weil bloß der Erfolgsanspruch fortgesetzt worden ist: großer Reisestress, viel erleben – um sich doch endlich mal im Äußeren etwas zu gönnen und sich entschädigen zu wollen, was im Inneren unerfüllt geblieben ist. Unser Leben wird nicht durch Weite, Vielfalt und Aktionismus zum wirklichen Erfolg. Wir sollten lernen, unsere Entfremdung zu verstehen und durch Erkenntnis und emotionale Verarbeitung den Stress des falschen Lebens abzubauen. Das Ziel wäre: weniger machen zu müssen – nicht immer mehr haben zu wollen; uns nicht durch Erlebnisse zu betäuben, sondern uns in Beziehungen ehrlich mitteilen zu können, um verstanden und akzeptiert zu werden und auch Gefühle zeigen zu dürfen.

Das kann aber nur gelingen, wenn ich selbst anderen dieses Beziehungsglück gewähre. Durch zuhören und von-sich-sprechen, durch geben und nehmen, durch wechselseitige Empathie können wir etwas vom natürlichen Lebensrhythmus zurückgewinnen.

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2 Lesermeinungen zu Was nach dem Urlaub zählt
Meckerer schreibt:
22. August 2015, 16:09

Na so etwas, wieder mal einer der seltenen Lichtblicke im SONNTAG. Herzlichen Glückwunsch, liebe Redaktion, weiter so!!!

Gert Flessing schreibt:
25. August 2015, 10:49

Urlaub. Ach ja, schön war er. Entspannend, Frei von Zwängen und Stress. Zeit, viel Zeit, drei Wochen.
Das kann man haben. Jedes Jahr wieder kann man das.
Freilich muss man sich drauf einlassen.
Gourdon. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich das Küchenfenster meiner Ferienwohnung und früh, um neun, die ersten Gleitschirmflieger über die Hänge schweben und ich spüre den Duft und die Wärme des Morgens.
Mit Gelassenheit in den Tag gehen und ihn mit Gelassenheit beschließen, sich, Sprachbarrieren hin oder her, mit fremden Menschen am Abend zu einem Glas Wein zusammenfinden.
In der kleinen Kirche, die ich (irgendwie finde ich das auch sinnfällig) zwischen einer öffentlichen Toilette und einem Restaurant, fand, still werden vor Gott oder auch einmal einen Choralvers anstimmen. Wie soll man da nicht Kraft finden, für sein Tun im Alltag?
Früher, als die Kinder noch mitgefahren sind, haben wir es nicht anders gemacht. Ob in Güstrow oder in der Lüneburger Heide, Urlaub war Zeit, frei von allem, was Zwang ist und frei für alles, was schön ist.
Gert Flessing

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DER SONNTAG, Nr. 34 | 23.8.2015 Artikel drucken Artikel im ePaper anzeigen

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