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Stop-and-go-Synode

Strukturreform: Hunderte Christen demonstrierten vor der Landessynode – und die nahm ihre Forderungen auf. Dann folgten vier Überraschungen. Plus Verwirrung.
Andreas Roth
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Sie können nicht anders: Hunderte Christen aus ganz Sachsen protestieren vor der Dresdner Dreikönigskirche gegen die Strukturreform – Landesbischof Carsten Rentzing segnet sie. © Steffen Giersch

Diesmal kamen die Posaunen ungebeten zur Synode. »Sonne der Gerechtigkeit« bliesen sie – und es klang sehr kämpferisch. So wie der Gesang von hunderten evangelischen Christen aus ganz Sachen vor der Dresdner Dreikönigskirche. Auf ihren Plakaten: »Strukturreform stoppen«, »Lasst die Kirche im Dorf« und »Wir sind das (Kirchen-)Volk«.

Die Synodalen um Synodenpräsident Otto Guse bekamen am Sonntagnachmittag 14 mit Unterschriften gefüllte Tüten überreicht. »Liebe Synodale, macht den Schritt zurück auf Los und dann nehmt uns mit«, forderte dabei der Auerswalder Kirchvorsteher Friedhelm Zühlke, der die Internet-Petition mit zu diesem Zeitpunkt 6417 Unterzeichnern ins Leben gerufen hatte. »Lasst uns gemeinsam in die Zukunft gehen.«

Die protestierenden Prote­stanten fühlen sich vom Zukunftskonzept der Kirchenleitung »Kirche mit Hoffnung«, das von einem Rückgang an Mitgliedern und Mitarbeitern um 40 Prozent bis 2040 ausgeht und viel größere Gemeindestrukturen fordert, übergangen.

Auch der Gemeindeaufbau-Ausschuss der Synode kommt nach Sichtung vieler Eingaben zu dem Schluss: »Entscheidend für die Akzeptanz in den Kirchenvorständen ist die Möglichkeit, für die eigene Gemeinde das passende Modell zu wählen«, so Ausschussvorsitzender Jörg Hänel vor der Synode. »Wer regionale Zusammenarbeit fördern will, muss Kirchgemeinden dazu motivieren.« Viele aber fühlen sich von der Kirchenleitung unter Druck gesetzt.

Doch es geht um noch mehr. »Wir brauchen eine Frist, in der wir Vertrauen wieder herstellen können«, sagte der Synodale und Pfarrer Gilbert Peikert in der Debatte. Viele an der Basis fühlen sich überrumpelt – die Kirchenleitung verweist dagegen auf die siebenjährige Arbeit an einem Zukunftskonzept, in das auch viele Eingaben und Praxiserfahrungen eingeflossen seien. Und auf den Mitgliederschwund.

»Es kommt mir vor, als würden wir uns weigern, die Realität wahrzunehmen«, sagte der Dresdner Synodale und Polizeipfarrer Christian Mendt. »Wir können versuchen, die Dinge besser zu moderieren – aber nicht neu anfangen.«

Eine Stunde vor Mitternacht dann die erste Überraschung: Der Antrag, der sich am weitesten von »Kirche mit Hoffnung« absetzt, kam durch. Er sieht einen einjährigen »Entscheidungsfindungsprozess« vor, in dem Eingaben und Alternativmodelle »Berücksichtigung finden« sollen (siehe unten). Zudem sollen vakante Pfarrstellen sofort wieder besetzt werden können, wenn ein Kirchenbezirk sich auch für die Zeit nach 2020 zu ihnen bekennt. Im Frühjahr soll die Synode abschließend entscheiden.

»Genau dafür waren wir hier«, freute sich danach der Auerswalder Friedhelm Zühlke. Nur Minuten danach aber folgte eine zweite, ernüchternde Überraschung: Das Wahlergebnis wurde angezweifelt. 37 Synodale hatten nachweislich gegen den Antrag gestimmt. Auf Nachfrage gab Synodenpräsident Otto Guse an, dass 75 Synodale anwesend seien, was eine Mehrheit von einer Stimme für den Antrag ergeben hätte – doch das Präsidium ließ nicht noch einmal nachzählen. Was blieb, war ein Verdacht. Und viel Frust bei denen, die seit Jahren an der Strukturreform arbeiten.

Nach einer für viele Synodale sehr unruhigen Nacht folgte am Montagmorgen Überraschung Nummer drei: Das Präsidium wies in einem »Statement« auf eine Lücke in dem siegreichen Antrag hin: »Die Zahlen für die Strukturanpassung 2019 liegen vor und sind gültig«. Heißt: »Kirche der Hoffnung« gilt erst einmal. Dabei war die Absicht der Antragsteller genau anders. »Selbst wenn wir als Synode im Frühjahr 2018 ein anderes Modell beschließen, stehen wir dann vor vollendeten Tatsachen«, kritisierte der Auerbacher Synodale Lutz König. Der Zwickauer Thomas Alscher sagte: »Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die gestern demonstriert und bis in die Nacht diskutiert haben.«

Was zu Überraschung Nummer vier führte: Für die Fusion der Kirchenbezirke Auerbach und Plauen kam knapp nicht die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit zusammen. 26 Synodale wollten nicht noch einmal vollendete Tatsachen schaffen.

Weitere Überraschungen könnten folgen. Denn offen ist nun vieles. Wie genau wird der »Entscheidungsfindungsprozess« aussehen? »Damit werden völlig falsche Erwartungen in den Gemeinden geweckt«, warnte Bettina Westfeld. Die Vize-Präsidentin der Synode hat als eine von sechs Synodalen am Zukunftspapier der Kirchenleitung mitgeschrieben. »Wenn wir Menschen beteiligen und fragen, heißt das nicht, dass man sich am Ende auch so entscheidet.«

Die Konfusion ist nun in vielen Kirchgemeinden groß. »Vielleicht landen wir am Ende des Prozesses auch an dem Punkt von ›Kirche der Hoffnung‹«, sagte der Oelsnitzer Synodale Christoph Apitz. »Aber dann ist es für uns nachvollziehbar.«

Mehr als Kirchspiel und Fusion: Über diese neuen Strukturmodelle diskutierte die Synode
Das Pfarrei-Modell: Mehrere Kirchgemeinden bleiben rechtlich selbständig und bilden gemeinsam eine Pfarrei, in der ihre Verkündigungsmitarbeiter und ein Verwaltungsleiter angestellt werden. Der Nachteil: Das Modell ist sehr Pfarrer-zentriert und die Geistlichen können nicht mehr in jedem Kirchenvorstand mitarbeiten.
Das Mini-Kirchenbezirks-Modell: 17 Synodale schlagen die Errichtung von 28 bis 33 kleinen Kirchenbezirken vor. In diesen Regionen könnte ein Superintendent zusammen mit beim Kirchenbezirk angestellten Verkündigungsmitarbeitern ein Team bilden, das Gaben-orientiert in einer Region arbeitet. Gemeinden blieben selbständig. Der Nachteil: Gemeinden können bei der Mitarbeiterauswahl kaum mitreden und für viele heutige Aufgaben eines Kirchenbezirkes könnten diese Strukturen zu klein sein.
Das Stufen-Modell: In der hannoverschen Landeskirche können Gemeinden den Grad ihrer regionalen Zusammenarbeit selbst bestimmen. Kirchgemeinden können eine Verbindung allein mit einem gemeinsamen Pfarramt, eine engere Arbeitsgemeinschaft, einen noch engeren Kirch­gemeindeverband oder gar eine Gesamtkirchengemeinde bilden. Der Nachteil: Es wird ziemlich unübersichtlich.

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