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Warten lohnt sich

Advent: Das Warten gilt vielen als Zeitverschwendung und als Grund zur Beschwerde – dabei gibt es viel, was man dabei entdecken kann. Zum Beispiel Gott.
Andreas Roth
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© Irina Schmidt/ Fotolia

Das Warten wird heute bekämpft wie ein Feind. Die Bahn wird beschimpft für jede Verspätung, Ärzte und Ämter im Wartezimmer ebenso, und vor Staus warnt das Radio auf die Minute genau. Alles muss schnell und jetzt sein. Dafür gibt es ausgefeilte Computerprogramme und Kaffee im Becher zum Weitereilen. Und natürlich das Handy, das jede scheinbar unnütze Minute flugs füllt.

Doch die Zeit ist ein merkwürdiges Wesen: Statt sich zu vermehren, wenn das Warten schwindet, scheint sie immer weiter zu schmelzen. Trotz aller Beschleunigungen hat kaum einer mehr erfüllte Zeit. Nur das Gefühl einer Überlastung. Etwas scheint verloren gegangen zu sein.

Die Bibel weiß um die Kraft des Wartens. Es ist keine verlorene Zeit. Es kann verändern. Maria zum Beispiel, die voller Ungewissheit auf die Geburt Jesu wartet, und sich dabei doch ganz sicher ist über Gott: »Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen«, sagt sie über das, was sie warten lässt. »Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen«. Diese Befreiung ist für sie schon jetzt da. Das Warten hat ihr die Augen geöffnet.

Warten ist auch nicht Dulden, nichts Passives. Es kann in Bewegung setzen. Abraham macht sich auf in ein fernes Land, auch wenn die Einlösung von Gottes Versprechen noch lange auf sich warten lässt. Abraham und seine Frau Sara müssen lachen: Mit über 90 sollten sie noch Eltern werden? Trotzdem gehen sie.

Auch Mose und das Volk Israel müssen warten, 40 lange Jahre – bis sie das von Gott versprochene Land sehen dürfen. Für Mose muss ein Blick genügen, dann stirbt er. Ist das Warten eine göttliche Strafe, weil die Menschen ihm nicht vertrauen?

Doch das Warten kann auch selbst die Zeit zermahlen. Und die Hoffnung. Bis nur Zweifel und Verzweiflung übrig bleiben.

Die Propheten Elia und Jeremia wollen am Ende nur noch sterben. Wo ist Gott denn? Doch gerade im tiefen Brunnen des Wartens, wenn kaum noch Licht herein fällt, lässt Gott sich von ihnen finden. Ganz anders als erwartet. Als stiller, sanfter Wind um Elia, zum Beispiel. Und als Seil in der Hand eines Menschen, der Jeremia aus dem Gefängnis im Brunnen befreit.

Auch eine Versuchung kann das Warten sein. Wenn es zu lange dauert, wenn es sinnlos erscheint. Oder einfach zu ärgerlich. Das Volk Israel lässt deshalb das goldene Kalb gießen und betet es an, denn Mose kam ewig nicht zurück von seiner Begegnung mit diesem unsichtbaren Gott auf dem Berg Sinai. Die Menschen sind in der Wü­ste, sie fühlen sich verlassen. Sie wollen etwas zum Festhalten, etwas Sichtbares. Sie wollen nicht mehr warten. Das bringt doch nichts. Es endet in einer Katastrophe.

Heute ist eine ganze Industrie der Ablenkung entstanden. Milliarden werden mit ihr verdient – und Millionen Menschen leiden an der Zerstreuung der Zeit.

»Warten ist eine Kunst, die unsere ungeduldige Zeit vergessen hat«, schrieb einst der Theologe Dietrich Bonheoffer. »Auf die größten, tiefsten, zartesten Dinge in der Welt müssen wir warten, da gehts nicht im Sturm, sondern nach den göttlichen Gesetzen des Keimens und Wachsens und Werdens.« Advent feiern heißt für Bonhoeffer: warten können.

Warten darauf, dass Gott kommt. Oder schon da ist – aber ganz anders, als erwartet. So wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus, die auf die Auferstehung ihres Herrn Jesus hoffen und ihn in dem fremden Mann auf dem Weg doch nicht erkennen. Er könnte auch ein hungriger, durstiger, fremder, kranker oder gefangener Mensch sein. Jesus hat es selbst angekündigt. »Seid bereit«, sagt er seinen Jüngern. »Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.« Bitte warten.

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