Haltet fest an der Liebe

Anerkennung: In Zeiten von Angst und Hass ist die Liebe rar. Doch nicht Abschottung und Abwertung, sondern Anerkennung und Teilhabe sind der Ausweg. Das muss in Gottes Namen verteidigt werden gegen eine ausgrenzende Wirtschaft und populistische Hetze.
Von Stefan Seidel
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Lieben lernen: Weil jeder Mensch auf die Anerkennung anderer angewiesen ist, sollte er auch andere anerkennen. Wenn der Kampf ums Dasein in eine Kultur der Anerkennung verwandelt wird, ist gutes Leben für viele möglich. © Foto: Stillfx/Fotolia

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine Hetzparole durch die Medien geistert. Der Wind hat sich gedreht, sagen viele. Er ist kälter und schärfer geworden. Angst liegt in der Luft. Angst vor einer aus der Fugen geratenen Welt. Angst vor Verlust von Sicherheit und Wohlstand. Angst vor dem Fremden. Der Trend geht in Richtung Abgrenzung und Abschottung. So jedenfalls die lautstark artikulierte Meinung eines Teils der Bevölkerung, die sich vor der neuen Vielfalt fürchtet.

Keine Frage: Vielfalt verunsichert. Doch es könnte sein, dass die rechts­populistische Abschottungsrhetorik schlicht eine falsche Antwort gibt auf die Problemlage, ja sogar als eine psychopathologische Antwort angesehen werden muss. Die propagierte Abwehr eines vermeintlich äußeren Feindes – der Fremden – hilft nicht dabei, die wahren Probleme zu bekämpfen.

Wenn ein Grund für die gegenwärtige Krise die Angst ist – die Angst, hinten runterzufallen, abgewertet oder abgedrängt zu werden –, dann sollte nach Wegen gesucht werden, dass alle ausreichend Anerkennung erfahren. Das heißt, Teilhabe, Würde und Sicherheit haben. Das hieße, ein starkes Sozialsystem zu etablieren und zu verteidigen und das Wirtschaftssystem so zu regulieren, dass es im Dienst der Menschen steht und nicht zerstörerisch wirkt. Dieser Weg ist vielversprechender, als auf phantasierte Feindbilder loszugehen.

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Ist in unserer Gesellschaft die Anerkennung eines jeden gesichert? Dürfen Kinder die lebensnotwendige Elternliebe, die sie selbst liebesfähig macht, ausreichend erfahren? Haben also Eltern genug Möglichkeiten, sich intensiv um ihre Kinder zu kümmern? Existiert ein sicheres soziales Netz, das jeden und jede vor Absturz bewahrt? Herrscht ein Klima der Wertschätzung und des Respekts? In Ansätzen ist das noch gegeben. Der Sozialstaat, das Elterngeld, der Schutz von Minderheiten ist theoretisch gewährleistet – aber nicht mehr selbstverständlich. Der Sozialabbau, die totale Ökonomisierung vieler Lebensbereiche und die Abwertung und Stigmatisierung von Menschen – beispielsweise von Arbeitslosen – führt zu »Kämpfen um Anerkennung«. Davor hatte bereits Anfang der 90-er Jahre der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth gewarnt. Doch er blieb ungehört.

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Der Siegeszug des Neoliberalismus, also unseres Wirtschaftssystems, das auf Sozialabbau und das Recht des Stärkeren setzt, zerstört systematisch die Grundlagen, von denen die Menschen leben: gesicherte Anerkennungverhältnisse. Wenn diese erodieren, brechen Anerkennungskämpfe aus – oftmals mit falschen Gegnern, wenn auf die Schwächeren im System losgegangen wird. Doch nicht die Mitbedürftigen sind verantwortlich für die prekäre Verteilung von Lebensmöglichkeiten und Anerkennung. Sondern jene, die in Wirtschaft und Politik an einer Ökonomie mitwirken, die wenige Reiche übermäßgig begünstigt und viele Nicht-Reiche ausschließt.

Doch statt die echte Wurzel des Übels zu erkennen und zu beseitigen – die Überwindung der neoliberalen Spaltung der Gesellschaft in wenige Gewinner und viele Verlierer – wird sich in Ersatzkämpfen aufgerieben. Beispielsweise gegen den Islam. Dieses Feindbild stabilisiert kurzfristig den Selbstwert. Doch es ist keine Lösung. Es ist ein Ersatzkampf, womöglich sogar ein Verfolgungswahn. Die Lösung – oder Heilung – kann nur in der Gewährleistung eines solidarischen Lebens für alle liegen.

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Auch für die Kirche ergeben sich aus dieser Analyse Folgen. Der verführerischen Diskriminierung des Islam gilt es zu widerstehen. Die höchst absichtsvolle Züchtung dieses Feindbildes durch bestimmte politische Kräfte sollte durchschaut werden als das, was es ist: ein manipulatives Instrument im Kampf um politisches Kapital und Ausbau politischer Machtpositionen.

Die Schwierigkeiten im Umgang mit der neuen Vielfalt an Lebensstilen sollte dabei nicht kleingeredet werden. Doch Lösungen können nur im Miteinander, im sachlichen Dialog und mit politischer Besonnenheit gefunden werden. Verteidigen sollte die Kirche ihre Werte: dass jeder Mensch das Antlitz Gottes trägt, ja das Antlitz Christi und deshalb anerkannt und geliebt werden soll. Das heißt: Solidarität erfahren muss.

Innerhalb unserer Erregungsdemokratie, in der mittlerweile derjenige am meisten Stimmungen erzeugt – und Stimmen fängt –, der am lautesten und unverfrorensten schreit, sollte die Kirche die Liebe verteidigen. Denn ihr Gott ist die Liebe. Und das heißt: die Anerkennung des Eigenen und des Anderen fördern. Es ist das Arbeiten an einer Kultur der Anerkennung, an einem sozialen Netz, das alle hält und gegen eine ausgrenzende Wirtschaft verteidigt wird. Und es ist ein Festhalten an der Empathie gegen die immer unverhohlener vorgetragenen und salonfähig gemachten Raster, mit denen Minderheiten zu hassenswerten Gruppen gemacht werden. Es ist keine Kleinigkeit, wenn zunehmend unwidersprochen Muslime in die Totalverdächtigung geraten, gewaltbereite Zerstörer zu sein. Die polnischen Rechtskonservativen beschimpfen sie schon als »Bakterien und Parasiten«. Das ist Wahn. Und das ist Hass in Rein­form. Dagegen muss das Recht des Anderen – im Namen Christi, der das Antlitz des Ausgestoßensten angenommen hat – verteidigt werden.

Nicht das Kopftuch bedroht das christliche Abendland. Es ist die absichtsvolle Entmenschlichung von Menschen, ihr Ausschluss aus dem Bereich des Menschlichen. Der große Soziologe Zygmunt Bauman hat recht: »Die Menschheit befindet sich in der Krise – und es gibt keinen anderen Ausweg aus dieser Krise als die Solidarität zwischen den Menschen.«

Buchtipp: Stefan Seidel: Für eine Kultur der Anerkennung. Beiträge und Hemmnisse der Religion. Echter Verlag Würzburg 2018, 226 Seiten, 16,90 Euro. 

 

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2 Lesermeinungen zu Haltet fest an der Liebe
Gert Flessing schreibt:
18. April 2018, 21:04

Mir kommt das alles ein wenig konfus vor.
Zunächst einmal glaube ich nicht, das "jeden Tag Hetzparolen durch die Medien geistern". Es werden Tatsachen dargestellt. Manche davon sind, bedauerlicher Weise, negativ. Aber das ist keine Hetze.
Ja. Unsere zeit ist durchaus eine harte Zeit. Es ist auch eine Zeit der harten verbalen Auseinandersetzungen. Durchaus auch eine zeit, in der Gossensprache "in der Mitte der Gesellschaft" angekommen scheint.
Doch das liegt wohl an jedem einzelnen Menschen.
Ich wünsche mir kein Land, in dem bei amerikanischen "Mikroagressionen" gejammert und geklagt wird.
In unserer Gesellschaft ist, wenn man auf die Familien blickt, die Möglichkeit, Anerkennung zu finden, durchaus gegeben. Ich behaupte mal kühn, das es Eltern möglich ist, ihren Kindern Liebe zu geben. Liebe kostet nichts. Man sollte sie nicht mit Markenklamotten oder dem neuesten Smartphon verwechseln.
Wertschätzung und Respekt lassen sich nicht kaufen. Das hat auch nichts mit Elterngeld oder ähnlichem zu tun. Es ist etwas, was sehr persönlich gelebt werden sollte.
Wie heißt es so schön? "Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."
Natürlich kann man alles auf die Ökonomie schieben. Schon Marx ging davon aus, das der Mensch per se gut ist, nur die blöde Ökonomie macht ihn schlecht.
Ich halte das für einen Irrtum und zudem für geistlichen Schwachsinn. siehe Gottes aussage nach der Sintflut.
Schön, das es scheinbar innerhalb der Kirche Leute gibt, die bereit sind, zur Revolution zu blasen, um die "neoliberale Spaltung der Gesellschaft zu überwinden". Also auf, enteignen wir die Reichen und verteilen das, was sie aufgehäuft haben. aber ob das funktioniert?
Hatten wir den Versuch der klassenlosen Gesellschaft nicht schon mal?
Ach ja. Da war doch noch was. "Die verführerische Diskriminierung des Islam". Hm. Schon gut. Man kann einen Sündenbock auch von zwei Seiten betrachten.
Wenn die Kirche ihre Werte verteidigt, nämlich Jesus, den Christus, der uns befreit hat von Sünde und Schuld, dann wird sie zumindest wissen, wer Weg, Wahrheit und Leben ist.
Ist das Kopftuch, wenn man es recht betrachtet (im Koran wird es nicht wirklich erwähnt), nicht auch eine Form der "absichtsvollen Entmenschlichung von Menschen"? Zumindest in einer Religion, in der, wie jetzt in Schweden, in einem Urteil, das Aufsehen erregte, das Wort einer Frau nicht so viel gilt, wie das des Mannes, der sie misshandelt hatte, weil sie, nun ja, eine Frau ist?
Wem gilt die Liebe denn nun, zu der wir gerufen sind?
Gert Flessing

Gert Flessing schreibt:
19. April 2018, 9:45

Jesus würde heute nicht anders reagieren, als einst.
Er würde uns fragen, wie wir Gerechtigkeit leben.
Jesus hat nie zur Revolution gerufen, außer zu einer Revolution des eigenen Gewissens.
"Was ihr getan habt einem..."
Er hat die selig gepriesen, die sich Gedanken über Frieden und Gerechtigkeit machen.
Er hat aber auch davon gesprochen, das derjenige, der das tut, kein leichtes Leben haben wird.
"Wer mir nachfolgen will..."
Das, was Jesus möchte, fängt bei uns, bei Ihnen, bei mir, an.
Aber ob wir den Mut und den willen haben, selbst Gerechtigkeit und Liebe immer zu üben?
Gert Flessing

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