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Geheime Mächte am Werk?

Verschwörung: Flüchtlinge, Europa, Kriege, Klimawandel – hinter allem steht ein dunkler Plan geheimer Mächte, so glauben Verschwörungs­theoretiker. Warum ihre Ängste ernst zu nehmen sind.
Von Andreas Roth
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Pyramide auf dem amerikanischen Dollarschein: Für Verschwörungstheoretiker ist das ein Zeichen dafür, dass die eigentliche Macht in den Händen des Illuminatenordens liegt. © Foto: Björn Wylezich / Fotolia

Als sich im Juni vor zwei Jahren im Dresdner Taschenbergpalais 130 Chefs von internationalen Konzernen, Banken und Medien mit führenden Politikern und Militärs zur »Bilderberg-Konferenz« trafen, tagte für viele Demonstranten hinter den Absperrgittern die geheime Weltregierung. Dresdner Friedensbewegte riefen zur Mahnwache vor dieser »Spitze des Eisberges rücksichtsloser Elitenpolitik«.

Kriege, Ungerechtigkeit, Naturzerstörung? Die Schuldigen dafür saßen für die Protestierer in dem barocken Luxushotel. Bei ihrem Protest mischten sich Rechte und Linke, Pegida und Globalisierungskritiker. Für viele auf der ganzen Welt und auch einige auf dem Dresdner Theaterplatz ist die Sache noch einfacher: Hinter den seit 1954 in wechselnden Ländern stattfindenden Tagungen der »Bilderberger« steckten »die Juden« und »die Freimaurer«.

Die Probleme der globalen Welt wachsen – und auch der Bedarf an einfachen Antworten. Verschwörungstheorien eignen sich dafür gut. Zum Beispiel entspringe der Strom der Flüchtlinge einem geheimen Plan des Finanzinvestors George Soros, um die Nationalstaaten oder ganze Völker aufzulösen – damit ließ sich mit Verweis auf die jüdischen Wurzeln des Amerikaners für Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán erfolgreich Wahlkampf machen. Klimawandel, Impfungen, Gender-Politik? Nicht wenige Deutsche wähnen dahinter Lüge und Ziele finsterer Mächte.

Die neue Welle der Verschwörungstheorien nahm Anfang der 1990er-Jahre im christlichen Fundamentalismus der USA ihren Anfang. Hochfinanz und Freimaurer wollten den »christlichen Glauben vernichten«, schrieb der Prediger Pat Robertson in seinem Bestseller über »Die Neue Weltordnung«. Kein Zufall, dass diese Theorie parallel zum Siegeszug der Globalisierung weltweit Verbreitung fand. Denn: »In ausweglos erscheinenden Drucksituationen eröffnen Verschwörungstheorien einen trügerischen Königsweg zur Deutung kompliziertester Zusammenhänge und vermitteln das sichere Gefühl, endlich Bescheid zu wissen«, analysiert der Historiker Rudolf Jaworski. »Allein dieser Entlarvungsakt schafft Erleichterung und Entlastung, weil er für die Betroffenen den Abbau vorhandener Ängste befördert.«

Genau diese Methode wandten bereits die apokalyptischen Schriften der Bibel an, indem sie einen geheimen Plan Gottes in allem Leid enthüllten. Allerdings mit einem Unterschied: Ihnen ging es um Trost für die Ängstlichen – der Trost der Verschwörungstheoretiker dagegen ist oft mit Aggression gemischt. »Je komplexer und unübersichtlicher unsere Welt wird, desto mehr haben Verschwörungstheoretiker Zulauf, die dieses Gefüge scheinbar entwirren«, erklärt Harald Lamprecht, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der sächsischen Landeskirche. Dabei gibt es ja durchaus in der Wirklichkeit Allianzen und Einflüsse zwischen Politik, Konzernen, Medien und Geheimdiensten. Aber diese realen Vorgänge seien begrenzt, so Lamprecht weiter. »Die Verschwörungstheorie unterstellt eine größere Dimension der Konspiration, die aber unrealistisch ist.« Und sie braucht Sündenböcke. Der Millionenmord der Schoah sei auch das Ergebnis des Nazi-Mythos’ einer »freimaurerisch-zioni­stisch-jüdischen Weltverschwörung«.

Doch wie das mit Mythen so ist: Mit Argumenten ist ihnen nicht beizukommen. Man kann Fakten dagegensetzen. Man müsse aber auch die Ängste hinter den Verschwörungstheorien ernst nehmen, fordert der Tübinger Experte für Verschwörungstheorien Michael Butter. Zwar seien die Verschwörungstheorien selbst nicht wahr, so der Professor. Doch wiesen sie auf wahre Probleme hin. Auf eine Krise der Demokratie etwa.

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24 Lesermeinungen zu Geheime Mächte am Werk?
Peter Müller schreibt:
04. Juli 2018, 17:27

Die einzige finstere Macht am Werk ist Russland, wenn man den "Qualitätsmedien" glauben schenken darf. Das ist dann auch keine Verschwörungstheorie.

Marcel Schneider schreibt:
04. Juli 2018, 21:48

Der SONNTAG betreibt Aufklärung, und das finde ich richtig. Aufklärung in Sachen Rechtsextremismus und Antisemitismus, in Sachen Islamophobie und nun, was Verschwörungstheorien angeht. Was, wenn nicht Bildung, schützt vor den geistigen Abgründen, in die der emanzipierte und sich selbst zum mündigen Bürger erklärte Mensch von heute stürzen kann?
Da geht das Gerücht um, Kanzlerin Merkel betreibe eine Umvolkung. Den geplanten Genozid des Deutschen Volkes und den Ersatz durch ein anderes Volk, bestehend aus Flüchtlingen. Und Deutschland sei eine Firma und wir das Personal, wir haben ja einen Personal-ausweis. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll über so viel Dummheit.
Wer sich nur in Filterblasen und Echokammern bewegt und keine Rückkopplung an Verstand und Moral zulässt, der ist besonders anfällig dafür, Verschwörungstheorien auf den Leim zu gehen. Wahr muss wahr bleiben und falsch falsch.

kein Christ mehr schreibt:
05. Juli 2018, 11:25

Immer nur Ängste? Absichtliche Unterwanderung durch die Neue Rechte kommt als Ursache gar nicht in Frage? Oder ist das auch schon wieder Verschwörungstheorie?

Britta schreibt:
06. Juli 2018, 10:17

"Verschwörungstheoretiker" ist ein Kampfbegriff, um Gegner im Diskurs mundtot zu machen, wenn die Nazikeule o.ä. eben nicht mehr wirkt. Dabei werden bewußt offensichtliche Spinnereien mit durchaus ernsthaften Hintergrundrecherchen in einen Topf geworfen. Daher sollte man sich mal mit der Herkunft des Begriffes vertraut machen: "Der Begriff Verschwörungstheorie stammt von der CIA. Das war ein Begriff, um politische Diskurse zu leiten." (Prof. Rainer Mausfeld, lehrt Wahrnehmungs- und Kognitions­forschung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, bekannt auch durch seine absolut empfehlenswerte Arbeit "Das Schweigen der Lämmer" über das Wesen der Stellvertreterdemokratie). Wer sich über den Sinn der Implementierung des Begriffs "Verschwörungstheorie" (1967) genauer informieren will, dem sei das CIA-Dokument #1035-960 ans Herz gelegt, welches nach der Ermordung von J.F. Kennedy erstellt wurde, ans Herz gelegt.
Das eine großangelegte Neubesiedlung Europas geplant und in vollem Gange ist, halte ich keineswegs für eine Verschwörungstheorie. Es ist auf den deutschsprachigen Seiten der UN, der EU-Kommission und im CDU-Wahlprogramm S. 63 nachzulesen, unter den Begriffen Resettlement und Relocation. Dazu sei ausdrücklich aufgefordert. Auch das Interview mit Harvarddozent Yascha Mounk vom 20.2.2018 im den Tagesthemen (ist auf youtube noch zu finden), in dem er von dem großen Experiment sprach, aus einer monoethnischen und monokulturellen Demokratie eine multikulturelle zu machen, obwohl es dabei viele Verwerfungen geben würde (derart äußerte er sich bereits 2015), die Soros NGOs, aus denen Berater der Kanzlerin wie Gerald Knaus hervorgehen, sprechen Bände, wenn man bedenkt, daß dieser Spekulant ganze Volkswirtschaften zu seinem Nutzen ruiniert, Aufstände finanziert (Ukraine war auch erst "Verschwörungstheorie", bis nachgewiesen wurde, daß dort massiv Soros-Gelder in den Sturz der gewählten legitimen Regierung flossen) und jährlich die Aufnahme von mindestens einer Million "Flüchtlinge" von Europa fordert und dies auch finanziell über seine NGOs fördert.... Vieles, was man sich bemüht, als "Verschwörungstheorie" darzustellen,,ist doch schon längst von der Realtität eingeholt worden und kann mit etwas Aufwand meist durchaus auch in den Mainstreammedien recherchiert werden...
Daher: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Kant

Marcel Schneider schreibt:
09. Juli 2018, 12:12

Werte Britta,
die Entstehungsgeschichte von "Verschwörungstheoretiker" haben Sie ja schön erklärt.
Aber was ist denn mit den Begriffen "Asylindustrie", "Abschiebeindustrie", "lebenslang alimentierte Flüchtlinge" sowie "Mainstreammedien", die Sie immer benutzen?
Die bewusste Wahl dieser Begriffe zeigt mir, dass Sie an einem ernsthaften Diskurs gar nicht interessiert sind, sondern spalten, verleumden und diskriminieren wollen.
Wenn ich diese von Ihnen genutzten Begriffe eingebe, lande ich immer auf Seiten rechtsradikaler Parteien.
Und zu den ernsthaften Hintergrundrecherchen: zurzeit sind weltweit 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Im Rahmen des Resettlement hat Deutschland 2016 davon gerade mal 500 Menschen aufgenommen. Das ist doch nicht eine "großangelegte Neubesiedlung Europas"!
Europa ist dabei laut UNHCR nicht das Hauptziel der Geflüchteten. Demnach war die Türkei Ende 2017 das Land, das - mit rund 3,5 Millionen - die meisten Menschen aufnahm, gefolgt von Pakistan (1,4 Millionen) und Uganda (1,4 Millionen).
Ich möchte dabei noch mal meine Sicht wiederholen, dass es uns hier in Europa nur gutgeht, weil es den Menschen in Afrika so schlecht geht. Wir leben auf deren Kosten.
Haben Sie schon mal Hunger und Durst erlebt? Ich habe das, wie ich hier im Forum schon mal früher geschrieben habe, am eigenen Leib erlebt. Ein Jahr lang, 1999 bis 2000, habe ich in äußerster Armut und Entbehrung gelebt, ohne ausreichend Essen und Trinken, ohne richtige Kleidung...ich kenne quälenden Hunger und Durst und werde diese Erfahrung nie vergessen.
Ich habe Mitgefühl mit den geflüchteten Menschen, die aus Krieg, Hunger und Dürre zu uns kommen. In unserem Blumenladen um die Ecke gibt es Rosen zu kaufen. Schön, aber die kommen aus Kenia. Dort werden für uns hier Rosen angepflanzt, obwohl die Felder für was anderes gebraucht würden.
Menschen, die bisher Kleidung verkauft haben in Afrika, haben keine Lebensgrundlage mehr, weil der Kleidermarkt mit Artikeln aus den Altkleidercontainern überschwemmt werden. Entwicklungshilfe vor Ort hilft da nur begrenzt, weil man von Geld keinen Regen vom Himmel kaufen kann. Brunnen bohren kann man auch nur begrenzt, wenn das Wasser alle ist.
Wir leben auf Kosten der Geflüchteten Menschen und deswegen ist es richtig, diese Menschen hier aufzunehmen.

Gert Flessing schreibt:
09. Juli 2018, 17:59

Ich weiß nicht, lieber Herr Schneider, ob Ihre Sicht wirklich objektiv ist.
Nun, wenn ich auf Ihre Beschreibung der Zeit von 99 bis 2000 schaue, ist es wohl ein wenig verständlich.
Gewiss habe ich auch Mitgefühl mit Menschen, die versuchen, einem bedrängenden Leben zu entkommen.
Ich frage mich allerdings auch, warum sie sich nicht aufraffen und ihre korrupten Regierungen abwählen oder stürzen und dann dafür sorgen, das auf Feldern, auf denen, in Kenia, Rosen wachsen, nun Hirse oder ähnliches angebaut wird.
Das "mea culpa", das wir uns so schön gegenseitig vorbeten können, halte ich für eine andere Art der Augenwischerei.
Ach, ich könnte mir schon eine Neubesiedelung von Gebieten in Deutschland, z.B. in Mecklenburg, vorstellen. Das müsste aber mit gezielten Projekten gemacht werden und dafür müssten die notwendigen Menschen bereits in den Fluchtländern, oder deren Nähe, gesammelt und gezielt vorbereitet werden.
Gert Flessing

Marcel Schneider schreibt:
10. Juli 2018, 11:06

Lieber Herr Flessing, gestern Abend sah ich eine Reportage in der ARD. Sie hieß "Unser billiges Obst". Die Kunden im Supermarkt kaufen gerne Obst und Gemüse, z.B. Orangen, Gurken und Paprika, aus Spanien, weil es deutlich billiger ist als einheimisches Obst und Gemüse. Das meiste an Import kommt dabei aus Almeria in Südspanien. Dort arbeiten illegale Flüchtlinge auf riesigen Obst- und Gemüseplantagen wie moderne Tagelöhner. Sie sind rechtelos und hausen wie Tiere in Dörfern aus Plastikplanen. Sie werden ausgebeutet, arbeiten bis zur Erschöpfung und das alles für Ketten wie Edeka oder Lidl, damit die Deutschen schön billig Obst kaufen können. Keinen hier im Land interessiert das doch. Wie traurig...

Gert Flessing schreibt:
10. Juli 2018, 12:49

Lieber Herr Schneider,
Orangen wachsen bei uns nicht. Paprika nicht eben gut.
Die illegalen Flüchtlinge, die dort, in Spanien, arbeiten sind kein Widerspruch zu dem, was ich über diese Menschen und ihre Herkunftsländer zum Ausdruck bringen wollte.
Selbst wenn ihr Schicksal jemanden hier interessiert, wird er überlegen (müssen), ob er deshalb sein Kaufverhalten ändert.
Ich selbst kaufe selten Orangen. Einheimische Äpfel tun es auch. Tomaten kommen zumeist aus Holland, aber ich freue mich, wenn es deutsche Tomaten gibt und auch bei Gurken greife ich gern zu einheimischen.
Aber ich weiß - das ist wenig bis nichts, wenn man es auf die Menge der Konsumenten hochrechnet.
Gert Flessing

Sender Jerewan schreibt:
09. Juli 2018, 16:07

Im Prinzip ja, aber...
1. heißt der Aufsatz des geschätzten Prof. Mausfeld "Warum schweigen die Lämmer?" und nicht wie der ebenfalls höchst unterhaltsame Kinofilm, der ja durchaus auch klitzekleine Bezüge zum Thema hat,
2. wurde der Begriff "Verschwörungstheorie" nicht 1967 in der heute gebräuchlichen Konotation implementiert, sondern mindestens schon 1945
3. geschah das nicht durch die CIA in ihrem Dokument #1035-960, sondern durch Karl Popper in seiner Schrift "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde"
4. lehrt Prof. Mausfeld gar nichts mehr, weil, er ist bereits emeritiert,
5. waren die Anmerkungen von Herrn Prof. Mausfeld in oben zitiertem Artikel lediglich eine Fußnote zu einem Zitat aus der Schrift "Propaganda" von Edward Bernay aus dem Jahre 1928 (sozusagen also ein mythenmetzsche Abschweifung über mehrere Ecken und Kanten, aber die können ja bekannter Maßen auch so etwas wie Beweiskraft haben), ...
aber sonst passt schon alles.

Die übrigen Ausführungen freuen uns, zeigen Sie doch, auf welch fruchtbaren Boden unsere segensreiche, unermüdliche Tätigkeit trotz widriger Umstände fällt.

Ihre Redaktion vom Sender Jerewan

Radio Tirana schreibt:
10. Juli 2018, 17:59

Aufrechte Grüße an den sozialistischen Brudersender, der die Verschwörungstheorien des Klassenfeindes entlarvt, ohne sie zu entkräften. Es lebe die sozialistische Internationale! Realitätsverdrehendes Rot Front!

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