86

Armut kommt nicht in die Tüte

Ungerecht: Die Wirtschaft boomt und die Zahl der Arbeitslosen sinkt – doch tausende Kinder in Sachsen sind schon am Beginn ihrer Schulzeit arm.
Andreas Roth
  • Artikel empfehlen:
© Matthias Stolt/Fotolia

Die einen feiern den Schulanfang mit wahren Festen, Feuerwerk und Hüpfburg inklusive. Die anderen haben Mühe, die Zuckertüte ihres Erstklässlers zu füllen. Diese anderen sind in Sachsen nicht wenige. 13,7 Prozent aller Kinder im Freistaat mussten im letzten Jahr von Sozialgeldern leben.

Besonders betroffen ist eine Gruppe: die Kinder von Alleinerziehenden. Ein Drittel dieser kleinen Familien ist deutschlandweit von Armut gefährdet, weil sie weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben – unter Familien mit zwei Eltern sind es nur elf Prozent. Diese Zahlen hat das Statistische Bundesamt vor wenigen Tagen veröffentlicht. Und auch für die Gründe dafür gibt es Daten. 27 Prozent der alleinerziehenden Mütter waren im letzten Jahr ohne Beschäftigung, dabei seien mehr als die Hälfte von ihnen durchaus an einem Job interessiert, so die Statistiker. Doch offenbar fanden sie keine Arbeit, die sich mit ihren familiären Pflichten vereinbaren ließ. Oder keine Kinderbetreuung.

Und der Anteil der Alleinerziehenden steigt in der gesamten Bundesrepublik. In Sachsen leben heute in 23 Prozent aller Familien die Kinder nur noch mit ihrer Mutter oder – viel seltener – mit ihrem Vater zusammen.

Mit ganz handfesten sozialen Folgen: 39 Prozent aller Alleinerziehenden können sich nicht einmal eine Woche Urlaub außerhalb ihres Wohnortes leisten, erhielten die Statistiker des Bundes als Antwort. Und für 14 Prozent von ihnen fehle sogar das Geld für eine vollwertige Mahlzeit aller zwei Tage. Die Schuldnerberater der Diakonie Sachsen konstatieren in ihrem jüngsten Jahresbericht: »Der Status ›Alleinerziehend‹ ist seit vielen Jahren ein Überschuldungsrisiko.«

Die Misere hat viele Ursachen. Eine davon ist, dass gut die Hälfte aller Alleinerziehenden laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung keinen Cent Unterhalt von ihrem Ex-Partner bekommt. Entweder weil die selbst kein Geld haben oder weil sie nicht zahlen wollen. Eine andere Ursache ist das deutsche Sozialsystem selbst.

Der Staat gibt viele Milliarden für Kinder aus. Aber er bevorzugt die Wohlhabenden. Erwerbslosen Eltern wird das Kindergeld wieder von Hartz-IV abgezogen – reiche Eltern profitieren von Kinderfreibeträgen bei der Steuer. Eltern ohne Job können mit viel bürokratischem Aufwand ein paar Zuschüsse für das Schulessen, den Schulbedarf oder den Musikunterricht ihrer Kinder aus dem Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung beantragen – Gutverdiener können Bildungsausgaben großzügig von der Steuer absetzen.

Hinzu kommen weitere Probleme wie die stark steigenden Mieten in Großstädten, die die Ärmsten am stärksten treffen und die ungebremst weiter wachsen.

Die Große Koalition will in den nächsten Jahren die Ganztagsbetreuung in Kitas und Grundschulen weiter ausbauen, was Alleinerziehenden wie in den letzten Jahren schon weiter helfen würde. Und sie will das Kindergeld sowie den Kinderzuschlag für Geringverdiener etwas erhöhen. Doch dies wird ausgerechnet die Kinder in den ärmsten Familien nicht erreichen, kritisiert die Diakonie.

Sie fordert genau wie andere Wohlfahrtsverbände ein völlig neues Modell: eine Kindergrundsicherung in Höhe des vom Bundesverfassungsgericht festgestellten Existenzminimums von derzeit 619 Euro monatlich. Alle Kinder sollen sie bekommen unabhängig vom Verdienst ihrer Eltern und ohne den beschämenden Stempel einer Sozialleistung. Auch Sozialwissenschaftler wie der lange an der Evangelischen Hochschule Dresden lehrende Professor Ullrich Gintzel unterstützen diesen Weg. Doch auf der Agenda der großen Parteien steht die Kindergrundsicherung bislang nicht.

Diskutieren Sie mit

86 Lesermeinungen zu Armut kommt nicht in die Tüte
manfred schreibt:
11. August 2018, 14:01

Sehr geehrter Herr Schneider, langsam aber ganz sicher, verabschieden SIE sich von der Realität!
>>>Stacheldraht, Schießbefehl, Selbstschussanlagen, verfallene Innenstädte, keine Reisefreiheit, keine freien Wahlen, Meinungsdiktatur, politische Gefangene, bettelarme Rentner, Gesinnungsjustiz<<< was haben diese Hinweise, mit einer heutigen schlechten Schulbildung zu tun????????????
Gibt es einen konkreten Zusammenhang oder eine Abhängigkeit?
Müssen ihre Hinweise wieder her, damit wir eine gute Schulbildung, wie in der DDR erhalten können?
Ich glaube gerade dieses reiche Deutschland (nicht für alle Menschen!) müsste eines der besten Schulbildung haben.
Hat es aber nicht, es gehört mit zu den Schlechtesten.
Nach ihrer Einschätzung würde es bedeuten:
Diktatur, gute Schulbildung und Förderung der Kinder,
Marktwirtschaft schlechte Schulbildung.
Eigentlich ein totaler Wiederspruch!

L. Schuster schreibt:
11. August 2018, 17:43

Herr Schneider,
immer schön rausreden und bei dem Thema ist das niederträchtig, es ging nicht um DDR sondern um hier und heute das man z. B. von betreff Schulspeisung von Skandinavien lernen kann.
Was die Zeit nach der DRR betrifft, hier sind mit ihr nun mal Fehler passiert und die zu verschweigen zeigt nur die Charakterlosigkeit mancher Menschen. Wie das man oft gleich nach der Wende generell die Schulspeisung abschaffte oder das man erst jetzt, fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR sagen kann, es gibt wieder genügend Lehrstellen auch im Osten. Notlagen fast einer Generation, die man offiziell verschweigt und das wird sich sicherlich noch rächen.

Marcel Schneider schreibt:
13. August 2018, 7:59

Herr Schuster, Sie haben erwähnt, dass in der DDR kaum ein Kind hungrig in der Schule sitzen musste.
Und da das für mich nach DDR-Verklärung und Nostalgie klingt, habe ich auf folgendes hingewiesen: wer sich aus der DDR die "Rosinen" herauspickt, der sollte auch alles andere "mitnehmen".

Gert Flessing schreibt:
13. August 2018, 14:05

Lieber Herr Schneider,
sie wissen schon, dass Ihre Reaktion nicht von Logik gesteuert war?
Herr Schuster hat auf etwas hingewiesen, was in einem Staat (wir haben heute den 13. August), der sehr vieles an Freiheiten nicht hatte, was wir heute haben dürfen, einfach da war.
Wie das möglich war, darauf habe ich ein wenig, mit meiner Bemerkung über LPG Kantinen, hingewiesen.
Wenn ich höre, das es in anderen Staaten ähnliche Möglichkeiten gibt, dann scheint mir doch hier etwas schief zu laufen.
Das hat nichts mit einer Verklärung des Regimes der DDR zu tun.
Wenn ich dann noch die Diskussion mit erlebe, was denn heute in Schulküchen angeboten werden soll, dann reicht es mir vollends.
In den Kantinen, die ich erlebt habe, gab es das, was man so schön "Hausmannskost" nennt. Es war nahrhaft und sättigend. Das wars.
Auch ich habe es nicht immer gern gegessen.
Ich habe auch andere Dinge nicht immer gern gehabt und gemacht.
Das ist bis heute so.
Doch es recht zu machen jedermann....
Die DDR? Zum Glück ist sie weg. Aber hin uns wieder erinnert man sich an dieses oder jenes.
Ich denke gerade an die leckeren Bouletten, die eine Frau Henke in der Betriebsküche des VEG meines Vaters gemacht hat.
Gert Flessing

Klaus schreibt:
13. August 2018, 15:17

Man pickt sich gerne die Rosinen heraus, lieber Herr Schneider.
Ich höre so oft, wie toll doch das Rentensystem in Österreich sei und dass sich da Deutschland eine Scheibe abschneiden könne. Ja, das stimmt. Was aber immer unter den Tisch fällt: in Österreich müssen Renten viel höher als in Deutschland besteuert werden. Das wird dann immer nicht erwähnt.
Und so könnte man bei jedem Land etwas finden, was auf den ersten Blick besser ist als in Deutschland. Aber es lohnt sich genaues Hinschauen!

Thomas aus Leipzig schreibt:
12. August 2018, 15:56

Sehr geehrter Herr Schneider,
Sie haben noch SERO vergessen. Das war das Einsammeln von Sekundärrohstoffen. Hätten wir nicht bildungsferne Schichten in Brüssel oder Berlin, dann müßte man auch nicht Plastetüten verbieten. Diesel und Plastetüten haben den gleichen Ausgangsrohstoff. Dann braucht man nur die Plastikabfälle einsammeln und sie in Diesel umwandeln. Ist aber bestimmt nicht gewollt, weil dann die Erdölbesitzer weniger verdienen.

Seiten

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Marienberg
  • Mundartgottesdienst
  • Festzelt aus dem Kulle
  • , – Dresden
  • Gottesdienst
  • Kreuzkirche
  • , – Pegau
  • Gottesdienst
  • Festzelt Sportplatz Großstorkwitz
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Kritik an #Bundeswehr: Aktuelle Plakate wie Slogan ›Gas, Wasser, Schießen‹ Handwerker für die Bundeswehr gesucht« w… https://t.co/wBPu8GwAv1
gestern
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Sachsens Bischof #Rentzing besucht heute ein sächsisches Unternehmen: die #Friweika eG in #Weidensdorf bei… https://t.co/lkBLHskg24
vor 2 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
15 Kirchgemeinden im Raum #Freiberg gehen die von der Landeskirche geforderte Strukturreform an und haben sich zu e… https://t.co/BqVEcy0ke0
vor 4 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Warum feiern wird #Pfingsten? Antworten für Neugierige. https://t.co/F3yaxn2BDQ
vor 8 Tagen