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Wie weit geht Lebensschutz?

Abtreibung: Die Diakonie berät Frauen in Schwangerschaftskonflikten – konservative Christen sehen das kritisch. Doch was dient wirklich dem Leben?
Andreas Roth
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© Foto: unlimit3d/Fotolia

»Keine Tötung auf Verlangen«: Mit solchen Plakaten werden tausende Christen am Sonnabend wieder beim »Marsch für das Leben« in Berlin gegen Abtreibungen demonstrieren. Zusätzlichen Zündstoff erhält das Thema diesmal durch eine politische Debatte und Gerichtsprozesse gegen Frauenärztinnen, denen ein Verstoß gegen das Verbot vorgeworfen wird, Schwangerschaftsabbrüche als Angebot der Praxis öffentlich zu benennen.

Und eine zentrale Frage ist: Schützt das deutsche Gesetz, das eine Pflichtberatung vor einer Abtreibung in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen vorsieht, wirklich Leben? Im sächsischen Landtag bezweifelt das die AfD besonders laut. Konservative Chri-sten halten etwa in Frankfurt/Main Mahnwachen vor Beratungsstellen für Schwangerschaftskonflikte. Auch in Sachsen haben Diakonie-Mitarbeiterinnen in den letzten Jahren Flugblätter in ihren Briefkästen gefunden, auf denen selbst ernannte »Lebensschützer« den Schwangerenberatungsstellen vorwarfen, sie stellten »Totenscheine« aus.

»Es gibt ein unterschwelliges Gefühl, dass diese Arbeit in kirchlichen Kreisen nicht so erwünscht ist«, stellt Angelika Blochwitz fest, die als Referentin bis Juli für die 19 evangelischen Schwangerenberatungsstellen in Sachsen zuständig war. »Es gibt ein Missverständnis in christlichen Kreisen: Die geben nur die Scheine für Schwangerschaftsabbrüche aus.« Die Wahrheit ist: In 84 Prozent der 10 753 Fälle in den Schwangerenberatungsstellen der sächsischen Diakonie im letzten Jahr ging es um soziale und psychologische Hilfe für werdende Eltern – und nicht um Abtreibung. Nur in 1732 Fällen war es eine Konfliktberatung.

Doch selbst da suchten die Beraterinnen gemeinsam mit Schwangeren und Lebenspartnern nach Auswegen und Hilfsmöglichkeiten. Denn das ist laut Gesetz ihr Auftrag: »Die Beratung soll ermutigen und Verständnis wecken, nicht bevormunden und belehren«, heißt es im 1992 unter Schmerzen ausgehandelten Schwangerschaftskonfliktgesetz. »Die Schwangerschaftskonfliktberatung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens.« Abtreibung ist eine Straftat – und bleibt dennoch ohne Strafe, wenn sie in den ersten zwölf Wochen geschieht und die Schwangere zuvor in eine Beratungsstelle gegangen ist. Das ist der schwierige Kompromiss für eine schwierige Lebenslage.

Die Mehrheitsmeinung in der evangelischen Kirche Deutschlands ist auch nicht einfacher: Abtreibung soll nach Gottes Willen nicht sein – doch will die Kirche Frauen und Paare in dieser Lebenskrise nicht allein lassen. Auch, weil das ungeborene Leben nur mit der Mutter geschützt werden kann. Und nicht gegen sie.

Doch wird das im Gesetzt verankerte Ziel des Lebensschutzes auch erreicht? 101 209 Schwangerschaftsabbrüche zählte das Statistische Bundesamt im letzten Jahr deutschlandweit. Auch wenn das ein leichter Anstieg gegenüber den Vorjahren war, gehen sie im großen Trend der letzten Jahrzehnte deutlich zurück.

Auch in Sachsen ist das so. Gab es 1993 unter 10 000 Frauen 105 Abtreibungen, waren es 2016 noch 72. Im Bundesdurchschnitt liegt diese Quote allerdings bei 57 Schwangerschaftsabbrüchen. Möglich, dass sich darin noch das Erbe der liberalen Abtreibungspraxis in der DDR oder die geringe Zahl an Christen hierzulande spiegelt.

Ob sich die Frauen nach einer Beratung für oder gegen eine Abtreibung entscheiden, ist allein ihre Sache. Die Beratungsstellen erfahren es nicht. Es gibt nur diese Zahlen: 8006 Beratungen in Schwangerschaftskonflikten wurden 2016 in Sachsen gezählt – und 5368 Abbrüche. Man könnte es auch so sagen: Vielleicht hätten ohne Beratung und Hilfsangebote 2638 Kinder nicht das Licht dieser Welt erblickt.

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58 Lesermeinungen zu Wie weit geht Lebensschutz?
Britta schreibt:
19. September 2018, 17:47

Auch außerhalb dieser Beratungsstellen muß sich die Kirche, will sie ihrem eigentlichen Auftrag gerecht werden, wieder für das Leben stark machen. Gegen ein mittlerweile verankertes fehlendes Unrechtsbewußtsein bei Tötungen Ungeborener vorgehen, so wie in unserer Jugend in der DDR. Da wurde in kirchlichen Kreisen die Abtreibung noch als das, was sie ist, nämlich Tötung unschuldigen Lebens, bezeichnet. Von solchen Aufklärungen hört man heutzutage von der Kirche nichts mehr, wichtiger erscheinen Genderideologie, Ehe für alle und all diese zeitgeistigen, unbiblischen Auswüchse.

Gert Flessing schreibt:
20. September 2018, 7:13

Liebe Britta,
ich schreibe jetzt mal als jemand, der vierzig Jahre im Dienst der Kirche und der Gemeinden stand.
Natürlich ist das Zentrum der Verkündigung die rettende Liebe Gottes. Kreuz und Auferstehung geben uns den Hintergrund, der uns dann zu der Gnade führt, die wir, auf Grund des Glaubens geschenkt bekommen. Geschenkt!
Abtreibung ist letztlich Mord. Aber ich habe in den vierzig Jahren im Dienst nur sehr selten erlebt, das in den Gemeinden dieses Thema relevant wurde.
Das es existent war, weiß ich und war daher auch dabei, als KALEB gegründet wurde. Die Diskussionen, die wir damals führten, waren sehr bewegend. Aber wir waren uns einig, dass Frauen, die in einer Notsituation den Weg der Abtreibung gehen oder gehen wollen, Hilfe und nicht Verurteilung brauchen.
Vor allem aber sollten wir uns hüten, eine neue Gesetzlichkeit fordern zu wollen. "Zur Freiheit hat uns Christus befreit!" Wie weit diese Freiheit geht, muss immer wieder gesehen werden. Von daher hüte ich mich, zu schnell von "unbiblischen Auswüchsen" zu reden, denn Gottes Liebe reicht, wie ich erfahren durfte, weiter, als die der Menschen.
Für mich war es bewegend, als ich einer jungen Frau, die abgetrieben hatte und hinterher an Depressionen litt, Gottes Gnade zusprechen durfte. Sie kann keine Kinder mehr bekommen, weil, bei dem eingriff damals, sie war sechzehn, etwas schief lief. Aber sie ist heute eine liebevolle und sehr engagierte Tante für ihre Nichte.
Gottes Wege sind manchmal sehr anderes, als wir zu denken wagen.
Gert Flessing

Beobachter schreibt:
20. September 2018, 8:56

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, daß dieses Thema in den "JungenGemeinden" und anderen Kreisen ganz eindeutig und biblisch begründet besprochen wurde!

Britta schreibt:
20. September 2018, 10:00

Lieber Herr Flessing,
es geht nicht um eine Verurteilung der entsprechenden Frauen. Es geht darum, das Bewußtsein zu wecken, daß man mit einer Abtreibung einen Teil von sich, den Menschen, der einem am nächsten steht, tötet, und daß eine Abtreibung eben nie eine andere Art Geburtenkontrolle sein kann. Auch, daß sich vieles materielle, was vorgeschoben wird, um eine Abtreibung zu rechtfertigen, sich finden wird. Seit der Spiegelkampagne mit den Prominenten, die stolz verkündeten, abgetrieben zu haben, wird alles dazu getan, dies als Normalität im Bewußtsein der Menschen zu verankern. DAGEGEN muß die Kirche intensiv antreten, nicht mit Verurteilung o.ä.
Kaleb ein ermutigender Ansatz, aber eben zu unbekannt in der Allgemeinheit. Es ist gut, sie vertreten zu sehen bei Messen zur Entbindung etc., aber die Frauen, die dorthin kommen, wollen ja ihr Kind sowieso...
Viele Grüße
Britta

Marcel Schneider schreibt:
20. September 2018, 8:50

Die Bibel ist kein Kuchen, aus dem ich mir die Rosinenstücke herauspicken kann. Entweder ich beachte alle biblischen Vorschriften (Frauen haben in der Kirche zu schweigen, Kinder sind mit der Rute zu züchtigen, Männer haben ihren Bart und Haupthaar zu scheren, Frauen mit Menstruation haben das Haus nicht zu verlassen) oder ich gehe weg von der wortwörtlichen Interpretation hin zu der, die den Geist hinter den Vorschriften erkennt. Einen Mittelweg gibt es meiner Ansicht nach nicht. Als Kind der Moderne zu leben und gleichzeitig einzelne moderne Gesellschaftsformen abzulehnen und dafür die Bibel als Steinbruch zu gebrauchen, geht nicht.

Gert Flessing schreibt:
20. September 2018, 13:10

Lieber Herr Schneider,
ich erlaube mir mal, Ihr Bibelverständnis zu hinterfragen. Es geht ja gar nicht um wortwörtliche Interpretation. Das sind einige wenige, die so argumentieren.
Es geht darum, das die Bibel uns immer wieder anmahnt, nicht vom Weg der Liebe abzukommen, die, ihrerseits, im Gottvertrauen ruht. Gott ist die Liebe und wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott und Gott in ihm.
Der ständige Hinweis auf solche Sachen, wie Haupthaar oder Fragen der Hygiene, bei Menstruation u.ä. verdunkeln eine sachliche Diskussion.
Es gibt in unserer Zeit schon manches, was ich ablehnenswert finde. Dazu gehört auch eine zügellose Darstellung der Abtreibung als eine Form der Schwangerschaftsverhütung oder Familienplanung. Es gibt andere und bessere Methoden, das zu tun.
Britta hat Recht und meine Gespräche mit besagter junger Frau, die ich dann segnen durfte, bestätigen das. Die Tötung eines Kindes im Embryonalzustand ist eine Tötung eines Stückes der eigenen Menschlichkeit, des eigenen Lebens. Das traumatisiert und all jene, die so tun, als wäre das nicht der Fall, lügen sich selbst in die Tasche. Es folgt Trauer, es folgt Depression und es folgen, oft sogar, Selbstvorwürfe, Probleme in der Partnerschaft und in der Familie, vor allem, wenn diese Menschen mit dran schuld sind, dass es dazu kam.
Nu nebenbei: Jene Menschen, die, aus dem kirchlichen Raum heraus, sich so stark politisch artikulieren, könnte man auch mit dem Vorwurf konfrontieren, dass sie die Bibel als Steinbruch verwenden.
Gert Flessing

Marcel Schneider schreibt:
20. September 2018, 16:44

Hallo Herr Flessing,
nehmen wir an, eine kirchliche Beratungsstelle würde eine Schwangere, die ihr Kind abtreiben möchte, zum Austragen nötigen. Die Frau würde ihr Kind bekommen, dann trennt sich aber, so hatte sie es vorhergesehen, ihr Mann, weil er kein weiteres Kind mehr will, und die Frau rutscht in Hartz IV. Als sie aus der Elternzeit wiederkommt, sagt ihr Chef, dass er lieber ihre kinderlose Elternzeitvertretung behalten möchte und kündigt ihr. Sie steht nun vor dem Nichts: mit Kind, aber ohne Mann, Job und Geld. Diese Frau rutscht genauso in eine Depression. Deshalb: keine Abtreibung gegen den Willen der Frau.

Britta schreibt:
20. September 2018, 22:37

Wer propagiert denn "Abtreibung gegen den Willen der Frau"?
Ein Kind hat Priorität über den von Ihnen genannten Umständen, es ist an der Zeit, daß eben gerade die Kirche die Prioritäten im Leben in Frage stellt und beiträgt, sie wieder an die richtige Stelle zu bringen. Zudem, wenn selbst "Flüchtlinge" ohne Beschäftigung zuweilen mit mehreren Frauen und dutzenden Kindern hier (von Steuergeldern) leben, warum sollte es für eine alleinstehende Frau mit einem Kind nicht möglich sein? Wird diese nicht in dem Maße unterstützt?

Marcel Schneider schreibt:
21. September 2018, 10:18

Da haben wir es wieder: Flüchtlinge gegen Einheimische ausspielen. Die rassistische Keule hat wieder zugeschlagen.

Britta schreibt:
21. September 2018, 17:09

Immer diese stereotypen Floskeln: Was ist bei der klaren Benennung der Realität "Ausspielen"? Was ist daran "rassistisch"? Fehlen Ihnen die Sachargumente?

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