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Die ostdeutsche Kränkung

Ost-West: Petra Köpping geht der Seele der Ostdeutschen auf den Grund – und entdeckt tiefe Kränkungen. Es ist Zeit, die Wunden nicht zu tabuisieren, sondern zu behandeln. Sind Ostdeutsche nun auch ein Integrationsfall?
Von Tomas Gärtner
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Der Traum von 1990, dass nun zusammenwachse, was zusammengehört, scheint der Realität nicht standzuhalten. Viele Ostdeutsche fühlen sich benachteiligt. © Foto: spql/Fotolia

Es braucht nur ein Ereignis wie die Proteste in Chemnitz, schon wird den Sachsen wie den Ostdeutschen insgesamt unterstellt, sie wären auch 28 Jahre nach der Deutschen Einheit nicht in der Demokratie angekommen. Nahezu reflexartig würden sie mit Spott, Schulmeisterei und Häme überzogen, konstatiert Petra Köpping. Doch solche Pauschalisierungen mehren nur den Frust, glaubt die sächsische Ministerin für Integration und Gleichstellung.

Gleichwohl fragt auch sie sich besorgt, warum Misstrauen und Distanz gegenüber Demokratie und Politik im Osten besonders groß sind. Sie hat mit vielen Unzufriedenen gesprochen, auch am Rande von Pegida-Demonstrationen. Rasch wurde ihr klar, dass es um etwas Tieferliegendes und Grundlegenderes geht: »Die Flüchtlinge waren der Anlass, doch der Grund der Erregung war bei vielen offensichtlich älter.« Zu finden sei er in der Nachwendezeit. »Obwohl seitdem fast 30 Jahre vergangen sind, offenbarten sich unbewältigte Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten, die die Menschen bis heute noch bewegen, unabhängig, ob sie sich nach 1990 erfolgreich durchgekämpft haben oder nicht.«

Einmal raunte ihr ein Demonstrant zu, sie solle aufhören mit den Flüchtlingen und fügte hinzu: »Integriert doch erst mal uns!« Das hat sie zum bewusst provozierenden Titel ihrer soeben erschienenen »Streitschrift für den Osten« gemacht.

Unlängst hatte schon die Migrationsforscherin Naika Foroutan in einem Interview mit der »tageszeitung« (taz) die steile These aufgestellt, die Ostdeutschen seien in gewisser Weise auch Migranten: »Migranten haben ihr Land verlassen, Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen.« Bei beiden sei die Verklärung der Vergangenheit zu beobachten, oft gekoppelt mit Scham über die eigene Herkunft. Beiden werfen Westdeutsche vor, nicht demokratiekompatibel zu sein.

Freilich, auch die schlechteste Erfahrung rechtfertige weder Fremdenhass noch faschistische Positionen, stellt Petra Köpping klar. Aber um weiterzukommen, müsse man zumindest versuchen, die Ostdeutschen besser zu verstehen. Zugleich verlangt sie von westdeutschen Politikern das Geständnis: »Die schnelle Währungsunion, die Ausrichtung der Treuhand und viele andere Instrumente der Nachwendezeit wurden – natürlich, muss man sagen – nicht ›zum Wohle‹ Ostdeutschlands gemacht, sondern gehörten zu einer Politik, um westdeutsche Bürger vor den Konsequenzen der Wiedervereinigung zu schützen.«

Deshalb fordert sie unter anderem, die Akten über die Arbeit der Treuhand von einer Kommission wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Man müsse unterscheiden können, was nötig war und wo es Fehler, Missbrauch oder Korruption gab.

Mehr Aufmerksamkeit wünscht sie sich für die Erfahrungen der Menschen. Davon sollten sie öffentlich erzählen dürfen, auf Podien etwa. Und man müsse ihnen zuhören. Nötig sei eine neue Debatte, »kritisch, aber nicht nachtragend, ehrlich, aber nicht vorwurfsvoll«. Wo Ostdeutsche benachteiligt wurden, bei Renten etwa, hält Petra Köpping Reparaturen für erforderlich. Um dauerhafte Altersarmut zu verhindern, brauche es eine Grundrente.

Den Osten gegen den Westen auszuspielen, wäre jedoch grundfalsch. Ostdeutsche müssten ebenso den Strukturwandel in Gelsenkirchen oder Mannheim begreifen, betont sie. Statt einer Neiddebatte wünscht sie sich ein Ost-West-Bündnis mit gemeinsamen Forderungen. Und die zielen im wesentlichen darauf ab, den Sozialstaat zu erneuern, mehr Chancengleichheit zu schaffen, den Mindestlohn zu erhöhen, Reiche und Kapitalbesitzer hingegen höher zu besteuern.

Doch schon von der Aufarbeitung der Nachwendezeit, die alle beteilig­t, erhofft sie sich neues Vertrauen der Ostdeutschen in die Demokratie – eben jene notwendige Integration. »Zurückblicken ist zutiefst partizipatorisch und bringt Politik, Verwaltung, Verwaltung und Bürger zusammen.«

Petra Köpping: Integriert doch erst mal uns! Eine Streitschrift für den Osten. Ch. Links Verlag 2018, 204 S., 18 Euro.

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3 Lesermeinungen zu Die ostdeutsche Kränkung
Gert Flessing schreibt:
01. Oktober 2018, 21:01

Ich finde es mutig von Frau Köpping, dass sie es gewagt hat, dieses Thema aufzugreifen. Wobei ich schon denke, das "die Ostdeutschen" durchaus in der Demokratie angekommen sind. Das Problem ist, dass sie eigentlich eine andere Sicht auf das, was Demokratie ist, haben.
Diese Sicht wurde in den Zusammenkünften der Menschen vor der Wende geboren. Auch in den Demonstrationen der Massen, die sich als Vertreter eine Demokratie sahen, die eben Herrschaft des Volkes und nicht Herrschaft einer Politelite sein sollte. "Wir sind das Volk!" rief man Politikern zu, die nur noch sich selber gefeiert haben.
Der Aufbruch, nach der Wende, sah Menschen aller Schichten, die begierig waren, Demokratie zu leben. Das wurde nicht nur in den Parteigründungen sichtbar. Auch bei den ersten freien und geheimen Wahlen war die gesamte Bürgerschaft mobilisiert. Und wenn es die ersten Kommunalwahlen waren. Da meldeten sich Menschen, die sonst nur rumgemosert haben, freiwillig zum auszählen der Stimmen.
Die Ernüchterung kam später.
Sie kam mit dem, was Frau Köpping schrieb. Ich greife nur die "Treuhand" heraus, die keineswegs als "Treuhand", sondern als "Verramschhand" und "Veruntreuhand" empfunden wurde und es wohl, teilweise, auch war. DAS tat echt weh.
Gewiss war da noch mehr. Von der überbordenden Regelungswut und Bürokratie, bis hin zu den schlechteren Löhnen, die gezahlt wurden und bis heute gezahlt werden.
Das Vertrauen ging verloren. Weniger in die Demokratie, als in die Parteien, die, wie man meinte, ebenso, wie einst, in der DDR, den Kontakt zu den Menschen verloren hatten.
Was nun den Strukturwandel im Ruhrgebiet anbelangte, der ja schon, z.T. in den achtziger Jahren vollzogen war, so scheute man sich, zu Beginn der Wiedervereinigung, davon zu reden. Als ich einmal andeutete, dass die Entwicklung, die wir nehmen, auch bedeutet, das wir Arbeitslose bekommen und Drogenprobleme und stillgelegte Betriebe, wollte das niemand hören oder glauben. Mehr noch, meine damalige Partei verdächtigte mich des Defätismus, hatte doch unser werter Vorsitzender von "blühenden Landschaften" gesprochen.
Ich wünschte mir, das unsere Parteien endlich begreifen, dass man Politik nicht mit den Delegierten von Parteitagen machen kann, sondern mit allen Menschen eines Landes und dass man folglich zu denen hingehen sollte, die nicht auf Parteitagen zu finden sind. Ist ein wenig so ähnlich, wie bei unserer Kirche. Wenn man wissen möchte, was die Gemeindeglieder bewegt, muss man die fragen, die sich rar machen, nicht die, die jeden Sonntag da sind.
Gert Flessing

Britta schreibt:
02. Oktober 2018, 10:19

Vor allem sehen viele mitteldeutsche Bürger, was in den alten Bundesländern los ist. Warum wird ihnen das Recht abgesprochen, das nicht zu wollen? Und wenn die Mehrheit der Bürger eine "Bestandserhaltungsmigration" mit allen mit ihr verbundenen heimatzerstörenden Problemen eben nicht will, wieso wird dann trotzdem klammheimlich (unter Umgehung der parlamentarischen Gremien) im Dezember die Marakesch-Erklärung unterschrieben? Es macht betroffen, wenn ältere Menschen neuerdings die Abendsprechstundentermine nicht mehr wollen, weil sie Angst haben, sich in Chemnitz nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus zu trauen - und das liegt nicht an irgendwelchen "Neonazis"!
Da hat Seehofer ausnahmsweise recht: Das Grundproblem ist die Migration!
(Hinzukommt, daß die Eurokrise nicht im Ansatz gelöst ist, sondern ein Funke ausreicht, daß das Finanzsystem uns um die Ohren fliegt. Das die Energiewende völlig unausgegoren ist. Daß das Rentensystem am Kollabieren ist. Daß das Gesundheitswesen zunehmend ausblutet und epidemiologische Verwerfungen schon längst da sind....)
Ohne Gottvertrauen könnte man verzweifeln! Denn als Bürger hat man nirgendwo ein echtes Mitspracherecht, weder bei der Politik noch bei der Verteilung der exorbitanten Steuern in alle Welt, noch bei den neuerlichen Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien. Die sogenannte Stellvertreterdemokratie ist in Wahrheit eine Lobbyistenwunscherfüllmaschine - und viele Ossis haben das eben schneller erkannt als jene, die nichts anderes kennen. Denn warum wird denn der Volksentscheid gefürchtet, sogar und zuvorderst von den Parteien, die früher vorgaben, dafür zu sein? Womöglich käme nicht das raus, was gutzahlende, einflußreiche Lobbygruppen wünschen?
Wenn diese vorgenannten Probleme nicht mal offen auf den Tisch kommen, wird sich die Spaltung der Gesellschaft verstärken, egal, wie viele Bücher dazu geschrieben werden.

manfred schreibt:
03. Oktober 2018, 17:17

Frau Köpping will ein Thema anfassen, was aber bei den Verantwortlichen in der Berliner Politik nicht besonders beliebt ist.
Heute ist der Tag der sogenannten Einheit, aber wir brauchen für den Osten immer noch einen Ostbeauftragten (Aufpasser).
Der Osten hat Sonderlöhne und Sonderrenten, für ein angeblich geeintes Deutschland unnormal.
Die Bezahlung im Bundestag ist dagegen EINHEITLICH, ohne Unterscheidung nach Ost oder West.

Was mir aber auch noch auffällt ist, dass die sogenannten Gegenbewegungen im Osten immer die Nationalfahne in großer Zahl mit sich tragen (Schwarz/Rot/Gold).
Sie sind für Deutschland!
Bei den Gegendemonstrationen fehlen diese Symbole zu Deutschland fast gänzlich.
Warum überlässt man diesen sogenannten Rechten das Symbol für Deutschland?

Heute sind wieder große Reden geführt worden und die Politiker haben SICH gefeiert.
Morgen ist wieder alles vergessen.

Ein Teil der Dresdner hat sich einen wirklichen sächsischen Feiertag eingerichtet, die Krönung des sächsischen Wortes 2018.
Das ist die wirkliche Liebe zu Sachsen und zu der sächsischen Mundart, welche langsam ausstirbt.

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