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Abschiede üben

Ein Buch versammelt literarische Texte zum Thema Sterben – und eröffnet überraschende Sichtweisen
Von Stefan Seidel
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Passend zum Herbst versammelt das Büchlein »Abschied« kleine Erzählungen der Gegenwartsliteratur zum Thema Loslassen. Hermann Hesse vergleicht darin in der Geschichte »Reiselust« das Reisen in ferne Länder mit der letzten großen Reise, die jedem bevorsteht. Der Tod sei das letzte und kühnste Erlebnis dieses Daseins, heißt es da. Warum ihn nicht als eine Reise in ein unbekanntes Land verstehen? Dieses Bild ist tröstlich.

Doch ganz so einfach ist es mit dem Loslassen und Abschiednehmen oftmals nicht. Daran erinnert die tschechische Schriftstellerin Lenka Reinerová (1916–2008) in ihrer Erzählung »Die letzten Minuten«. Darin beschreibt sie die Hilflosigkeit in den Wartesälen der Bahnhöfe und erinnert sich an den Abschied von ihrer Mutter und Schwester im Jahr 1939 im Prager Bahnhof. Es sollte unerwarteterweise ein Abschied für immer sein. Und so wird der abfahrende Zug zum Bild für das schmerzhafte Loslassen im Angesicht des Todes. Diese Tragik ohne einen Funken Spiritualität ertragen zu müssen, erscheint geradezu unmenschlich. Vielleicht findet sich deshalb auch noch ein zweiter Text Reinerovás mit dem Titel »Der Anfang von etwas Neuem« im Buch. Darin behält der Tod nicht das letzte Wort. Reinerová ertappt sich bei dem Gedanken, sich zu fragen: »Und was werde ich tun, wenn ich gestorben bin?« Das erlebte sie als tröstlich und ermutigend. »Denn auf diese Weise wartet man nicht auf ein endgültiges Ende, sondern auf die erträumte Möglichkeit eines unbekannten, zweifellos völlig andersartigen Anfangs.«

Schließlich bemüht Stefan Zweig die Landschaft Südtirols im Wechsel der Jahreszeiten, um anschaulich zu machen, was ein gutes Leben und Sterben wäre: seine Existenz als fließend zu erleben und zu gestalten – dass sich darin die Farben und Formen der einzelnen Phasen nicht abrupt ablösen, sondern gegenseitig durchdringen. Denn jede Phase im Leben, so könnte man interpretieren, habe ihr eigenes Recht, ihren Sinn und ihre jeweilige Schönheit. »So liebe ich diese Meraner Welt mit an den Jahren nur gesteigerter Sehnsucht, von ihr zu lernen, die notwendige innere Zwiespältigkeit des Lebens sich durch Harmonie zu lösen (...)«, schreibt Zweig in seiner Erzählung »Herbstwinter in Meran«.

Das Büchlein zeigt: Die Poesie erweist sich als eine Kraft, die es auch mit dem Widrigsten des Lebens aufnehmen kann und das Leben tiefer und ein wenig leichter machen kann.

Georg Magirius (Hrsg.): Abschied. Geschichten vom Loslassen und Neuanfangen. Ed. Chrismon 2017, 160 S., 15 €. 

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