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Raus aus der Angst-Falle

Frieden: Für den Theologen und Psychotherapeuten Eugen Drewerman ist der Weg zum Frieden die Überwindung der Angst – mit Hilfe des Glaubens an Gott und der Liebe. Auf diesen Weg führen die Bibel und die Märchen.
Die Fragen stellte Katja Schmidtke
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Eugen Drewermann bei der Abschlusskundgebung des Berliner Ostermarsches am 18. März 2018, der unter dem Motto »Abrüsten statt aufrüsten« stand. Foto: Rolf Zöllner/epd
Aufstehen für den Frieden: Eugen Drewermann bei der Abschlusskundgebung des Berliner Ostermarsches am 18. März 2018, der unter dem Motto »Abrüsten statt aufrüsten« stand. © Rolf Zöllner/epd

Können wir den Frieden lernen, den Gott verspricht?
Eugen Drewermann:
Absolut! Ich sage das mit dieser Zuversicht, weil ich in der Psychotherapie immer wieder erlebe, dass Menschen von Grundängsten hinüberfinden können zu einer Geborgenheit, die sie bei sich selber zuhause ankommen lässt. Ich kann nicht versprechen, dass das in jedem Fall gelingt, vor allem nicht, dass es im Handumdrehen gelingt. Es ist ein langer Prozess, die eigene Schönheit zu entdecken, die eigene Wahrheit wiederzufinden, Selbstbewusstsein mit der eigenen Existenz zu verknüpfen. Doch im Grunde wartet alles auf die Entdeckung: Du lebst, weil es dich gibt. Gott möchte, dass du bist! Dass es dich gibt, ist das Kostbare.

Das Haupthindernis für den Frieden ist also die Angst?
Søren Kierkegaard meinte, Angst stelle vor eine Wahl, die einzig für unser Leben entscheidend sei, indem sie das Vorzeichen der Klammer unserer Existenz definiere: Leben wir aus Angst oder überwinden wir die Angst im Vertrauen? Auf diese Weise entdecken wir die Religion als Anker, als Halt. Nur dann können wir inmitten dieser Welt, zwischen Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit, Göttlichem und Menschlichem, Bewusstem und Unbewusstem, im Denken und Fühlen einigermaßen im Gleichgewicht leben. Das biblische Bild dafür ist Matthäus 14, der Gang des Petrus übers Wasser: Sehen wir nur die Wellen, hören wir nur den Sturm, würden wir vor lauter Angst das Leben unter unseren Füßen wegbrechen spüren. Oder wir schauen auf die Gestalt, die vom anderen Ufer auf uns zukommt, dann trägt uns das Wasser.

Oft wird Religion aber abgetan, indem gesagt wird, sie vertröste nur auf ein Jenseits ...
Religion lehrt, mit dem Vertrauen, dass diese Welt nicht das Ende von allem ist, sondern eine Perspektive in einer anderen Welt eröffnet, ruhig durch die sonst schattenverwirrten Jahrzehnte unseres Lebens zu gehen. Im Vertrauen auf Gott können wir uns als gemeint und gewollt, als »Geschöpfe« entdecken; unser Dasein hört auf, im Haushalt der Natur ein bloßes Zukunftswesen ohne Bedeutung zu sein. Es gehört in diesem Zusammenhang auch das 14. Kapitel des Johannes­evangeliums mit hinein: »Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt.« Der Frieden, den die Welt verspricht, ist maximale Rüstungskapazität, das Anhäufen der tödlichsten Vernichtungswaffen. Das aber ist kein Friede. Das ist eine endlose Ausbeutung, ein wechselseitiges Schreckensszenario, ein Leben in ständiger Tötungsbereitschaft.

Diese Angst, die Frieden verhindert und in Zerstörung mündet, wird auch in Grimms Märchen thematisiert. Sie meinen, diese Märchen seien dazu da, dass Kinder einschlafen und Erwachsene aufwachen. Was lässt uns beim Grimmschen Märchen »Die Eule« aufschrecken?
Die Tatsache, dass es möglich ist, so in Angst eingeschlossen zu werden, dass wir nicht mehr imstande sind, die Realität zu sehen. Wir begreifen nicht mehr, dass, wenn wir Angst haben vor etwas, dieses andere vor uns genauso Angst hat. Wir sehen nur unsere eigene Angst, und die nötigt uns zu Zerstörung. Wir brauchen in Angst immer mehr Tötungsmaschinen, immer mehr Helden, immer mehr Wahnsinn.

Angst ist eine ansteckende Krankheit, die sich potenziert?
Im Märchen »Die Eule« beginnt es mit einem einfachen Knecht, der in die Scheune geht, dort eine Eule sieht und vor dem Tier, das er noch nie gesehen hat, so erschrocken ist, dass er seinen Herrn mit seiner Angst infiziert. Der ist eigentlich ein vernünftiger Mann, aber durch sein Ansehen vergrößert er in der Dorfgemeinde die Wahrnehmung der Angst seines Knechts. Also werden alle Maßnahmen getroffen, gegen die Eule zu Felde zu ziehen. Niemand merkt, dass gerade die Eule nur aus Angst in der Scheune sitzt.

Wer ist heute eine solche Eule?
Politisch ist heute in unseren Medien Putin zum Beispiel eine Eule. Wir müssen ihn eindämmen, wir müssen gegen Russland Handelsbarrieren errichten, heißt es. Dabei gibt Russland rund 60 Milliarden Dollar für Rüstung aus, aber die NATO über 300 Milliarden, Amerika 700 Milliarden. Aber der Westen sagt, Russland ist gefährlich. Und wir können deshalb gar nicht genug rüsten. Wir müssen Atombomben bauen, sie verbessern, sie genauer platzieren. Wir brauchen Drohnen. Wir können nicht genügend sichern, zuschlagen, töten. Nur der Tote bedroht uns nicht mehr. Nach dieser Rezeptur betreiben wir heute Politik. Nur darüber sind wir uns einig. Und wie wir 68 Millionen Flüchtlinge, die nicht wissen, wohin, mit militärischem Gerät daran hindern, übers Mittelmeer zu kommen. Karl Marx hat einmal in einem Traktat über das Holzdiebstahlgesetz geschrieben: Wenn Verzweiflung zum Verbrechen wird, dann ist das Gesetz, das die Verzweiflung als Verbrechen definiert, beides selber: Verbrechen und Verzweiflung. Wir hängen Kreuze an die Wand, aber Menschen schieben wir ab, wissend, ins Elend zurück.

Können wir auf politischer und gesellschaftlicher Ebene den Teufelskreis der Angst durchbrechen?
Wir müssen! Tausende ertrinken im Mittelmeer und Schiffe der Seenot­rettung dürfen Häfen nicht ansteuern. Um nochmal Marx zu zitieren: Es ist leicht, heilig zu sein, wenn man nicht menschlich sein will.

Inwiefern können die Märchen ein Weg zum inneren und äußeren Frieden sein?
Märchen sind die einzige Gattung der Weltliteratur, die darauf beharrt, dass Menschen nur glücklich werden können durch die Liebe. Wer die Liebe wagt, schlägt mit den Flügeln der Seele gegen die Gefängnisstäbe der sogenannten Realität. Die Gesellschaft fürchtet die Liebe deshalb als etwas Anarchisches. Was sie auch sein kann. Es gibt Märchen, die so von Gott reden, wie man es sich in der Bibel wünschen würde.

An welche denken Sie?
Die Erzählung vom Schneider im Himmel etwa spricht davon, dass wir in den Himmel nur kommen, weil Petrus Mitleid hat. Und dann stellt es die Frage, ob wir lernen, des Mitleids würdig zu werden. Der Schneider wird, kaum dass er vom Throne Gottes sieht was auf Erden los ist, den Schemel nehmen und strafend herniederschleudern. Mit unserer Neigung zum Verurteilen und Strafen zeigen wir, dass wir des Himmels noch nicht würdig sind.

Das Märchen erzählt damit etwas, das die Rechtfertigungs- und Gnadenlehre, Luther, die Reformation, Paulus, den Kern der Botschaft Jesu aufgreift und bestätigt. Deshalb behaupte ich, für die Theologen sei es sehr wichtig, die Sprache der Kinder, der Träume, der Dichtung, der Märchen zu verstehen, jene Sprache, die man selbst einmal gelernt und geliebt hat. Sonst sollte man sich nicht einbilden, ausgerechnet die Sprache Gottes im Herzen der Menschen und in der Bibel zu verstehen. Die Bibel ist natürlich kein Märchenbuch, aber sie enthält zahlreiche Märchenmotive und Mythen, die man entsprechend symbolisch auslegen muss.

In Ostdeutschland leben Christen in der Diaspora. Wie können wir hier das Vertrauen in Gott, in das Leben entfachen?
Ich kann mit Menschen eigentlich nur sprechen im Bewusstsein der Unvollkommenheit, in der alles geschieht, und ich vertraue darauf, dass mein Gegenüber auch nach dem Gespräch umhüllt ist von einem, der ihn weiterführt. Wohin und wie, weiß ich nicht. Aber ich vertraue auf eine solche bergende Güte im Hintergrund des Lebens eines jeden. Mit der tradierten Kirchenfrömmigkeit habe ich große Schwierigkeiten, im Protestantismus weniger als im Katholizismus. Aber ein Problem der christlichen Theologie liegt darin, dass man aus der Botschaft Jesu, die er in Bildern, Gleichnissen, Geschichten vortrug, fe­ste Lehren gemacht hat, Dogmen, die man die Kinder aufzusagen lehrt. Das verstellt alles.

Wir sollten mehr auf Gott vertrauen als auf Institutionen, Verordnungen, Gesangbücher und Traditionen. Die alle sind hilfreich, ich will das nicht wegstreichen, aber sie müssen von Person zu Person als Lebensformen weitergegeben werden, nicht als Doktrin. Auch Riten sind überaus kostbar, wenn sie mit Sinn erfüllt sind, aber sie schrecken ab, wenn sie nichts weiter sind als Gebetsmühlen bei ihrer Umdrehung.

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