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Gnade vor Recht

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Johannes, 1, Vers 16
Ines Schmidt
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Ines Schmidt ist Pfarrerin in Leipzig-Leutzsch und bei der Flughafenseelsorge Flughafen Leipzig-Halle. © privat

Johannes der Täufer hat’s schon begriffen: Es hat sich etwas verändert. Das sollen die Menschen um ihn herum begreifen. Er möchte sie aufrütteln in ihrem Leben. Er möchte, dass sie ernst nehmen, was sie gesehen und gehört haben. »Das Wort ward Fleisch.« Jetzt war der ferne Gott zum Greifen nah. Ein Mensch wie du und ich. Das hatte Konsequenzen für das Leben. Gängige Glaubensaussagen, Verhaltensweisen und Regeln, nach denen die Menschen in ihrer Umwelt und im Blick auf die vielen heidnischen Götter lebten, erfuhren eine andere Bedeutung. Das Wort ward Fleisch – das hatte etwas mit Gnade zu tun, die ich in meinem Leben erfahre. Auch das Wort Gnade – die Zuwendung zu einem anderen Menschen, bekam damit eine neue Ausrichtung. Das Warten auf Gnade war auf einmal nicht etwas, dem man voll Bangen und mit Zittern entgegensah: Dass einer Gnade vor Recht ergehen ließ, weil man sich einen gravierenden Fehler erlaubt hatte. Dass einer herablassende Gnade walten ließ, um huldvoll dem Bettler eine Münze zuzuwerfen. Dass einer gnadenvoll jemand von »oben herab« half, um ihn dann immer wieder daran zu erinnern und abhängig zu machen.

Mit Johannes wurde das auf Gnade an Jesus festgemacht. Er hatte sich bedingungslos den Menschen zugewendet. In einer Intensität, in einer Fülle, die die Menschen erfahren ließ: Sie bekommen von Gott über Jesus Christus eine Zuwendung, die zuverlässig, nicht enttäuschend und bedingungslos ist. Dass etwas zu ihren Gunsten geschieht und man daran merkt: Da hat nicht ein Mensch meiner Umgebung seine Hand im Spiel, sondern ein ganz anderer: Gott. Gut, dass uns Johannes noch einmal – jetzt am Beginn des neuen Jahres darauf hinweist. Im Vertrauen darauf können wir die einzelnen Lebenssituationen vielleicht gelassener angehen.

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