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Asche auf mein Haupt

Aschermittwoch: Der Frühjahrsbußtag ist in Sachsen tief verwurzelt. Langsam wird auch das Aschekreuz wiederentdeckt. Diese Rituale der Buße sind wichtig, denn der Mensch braucht Wege, um mit Schuld und Begrenztheit umzugehen.
Von Peter Zimmerling
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© littleny/Fotolia

Zu den liturgischen Traditionen der Landeskirche Sachsens gehört die Feier des Frühjahrsbußtages, der am Aschermittwoch begangen wird. Ich habe mich schon öfter gefragt, warum Sachsen als einziges Bundesland den Buß- und Bettag als gesetzlichen Feiertag beibehalten hat.

Ein wichtiger Grund dürfte in der besonderen liturgischen Bußtradition liegen: Nur in der sächsischen Landeskirche war es bis in die jüngste Vergangenheit hinein üblich, in jedem Gottesdienst ein allgemeines Schuldbekenntnis mit nachfolgendem Zuspruch der Vergebung zu sprechen. Das hat sich tief im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung eingegraben, so dass die Politik darauf Rücksicht nehmen musste, als der Buß- und Bettag bundesweit abgeschafft werden sollte.

Der Gottesdienst zum Frühjahrsbußtag bietet die Chance, an diese Tradition anzuknüpfen oder sie neu zu beleben. Dazu kann die Übernahme des katholischen Ritus des Aschenkreuzes beitragen. Sein Empfang ermöglicht jedem persönlich, Buße und Vergebung auf sinnenfällige Weise zu erfahren.

Vor Jahren las ich vor dem Beginn der Fastenzeit in dem Buch »Feier des Lebens« von Fulbert Steffensky folgende Sätze: »Umkehr, Buße, Durchbrechungen der Geläufigkeiten des Lebens hatten früher feste Orte und feste Zeiten. Es gab den Aschermittwoch mit seinen großartigen Gesten, der die Fastenzeit eröffnete. Menschen gingen zur Kirche. Sie hörten die Bußtexte der Propheten. Sie bekamen das Aschekreuz auf die Stirn, und es wurde ihnen gesagt: ›Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst!‹«

Als Protestant waren mir bis dahin solche kirchlich verordneten Rituale ein Gräuel. Ich hegte ihnen gegenüber den Verdacht, dass feste Formen an sich tote Formen sind und sie überdies einer ritualisierten und routinierten Spiritualität Vorschub leisten. Die notwendige Umkehr des Herzens bliebe dabei auf der Strecke.

Dennoch ließen mich Steffenskys Überlegungen nicht mehr los. Der Skiurlaub in Österreich stand bevor. Am Aschermittwoch verzichtete ich zum Unverständnis der Miturlauber auf die Skipiste, um an einem katholischen Gottesdienst teilzunehmen – und mir ein Aschekreuz auf die Stirn zeichnen zu lassen. Dabei ging mir zum ersten Mal eine Ahnung davon auf, dass geprägte, sinnliche Zeichen hilfreich sein können, eine spirituelle Wahrheit mit der ganzen Existenz zu erfassen.

Dabei muss die Aufforderung, Buße zu tun – Schuld einzugestehen und Vergebung zu erfahren – heute vor einem schwerwiegenden Missverständnis geschützt werden. Der Buße zu bedürfen, ist nicht Ausdruck einer kleinmachenden und entmündigenden – so die verbreitete Vorstellung –, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung.

Schuldig zu werden gehört zum Menschsein. Niemand – weder der Einzelne noch ganze Gesellschaften – können dem entgehen. Ich nehme mein Leben ernst, indem ich meine Schuld eingestehe.

Schuld zu leugnen, zu bagatellisieren oder zu verdrängen, bedeutet demgegenüber eine Missachtung des Menschseins. Bekenntnis der Schuld und Empfang von Vergebung stellen Zeichen menschlicher Würde dar. Indem ich in der Beichte zu meinem Sündersein stehe, wird mir die Einkehr in eine Selbstbegrenzung ermöglicht, die mir letztlich zugutekommt. Das Gesagte gilt sinngemäß auch für ganze Gesellschaften.

Dass die christliche Rede von Schuld und Vergebung den Menschen zu entlasten vermag und ihm gleichzeitig seine Verantwortlichkeit zurückgibt, wird nicht von heute auf morgen im öffentlichen Bewusstsein Eingang finden. Um hier ein neues Bewusstsein zu fördern, könnte der Gottesdienst anlässlich des Frühjahrsbußtags beitragen.

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