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Verzicht muss nicht wehtun

Fastenzeit: Schon Paulus widersprach einer strengen Gesetzesethik und warb für die Freiwilligkeit des Verzichts. Das wirkt befreiend – und ist mehr Gewinn als Verlust.
Von Ruben Zimmermann
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© Foto: ferkelraggae/Fotolia

Wenn du Fleisch isst, machst du die Welt kaputt!« Solche Vorwürfe mag niemand hören. Sie erzeugen Widerstand. Sie motivieren nicht zum Handeln. Die früheren ideologischen Moralpredigten der Vegetarier verhallten oft ungehört. Aber heute gibt es eine nie da gewesene Welle der vegetarischen und veganen Ernährung.

Das Beispiel des Vegetarismus offenbart unterschiedliche Begründungsmuster. Wenn ich aus Pflicht handle, habe ich keine Alternative. Dann muss ich mich so verhalten. Eine solche Prinzipien- ethik besticht durch ihre Radikalität. Sie gilt immer und überall, also universal. Eine Verzichtsethik hingegen ist pragmatisch. Ich kann mich mal so und mal so verhalten.

Es war ausgerechnet der jüdisch geprägte Apostel Paulus, der einer strengen Gesetzesethik widersprach und für die Freiwilligkeit des Verzichts warb. Ein Beispiel aus dem 1. Korintherbrief: Paulus geriet in Kritik, weil er von der Gemeinde keinen Unterhalt annahm, obwohl das andere Apostel taten. In seiner Verteidigungsrede bekräftigte er das Recht für Missionare, Unterhalt zu bekommen. Trotzdem verzichtete er selbst darauf, damit die Verkündigung des Evangeliums besser gelingt.

Der Apostel scheint sich seinen Verzicht nicht abzuringen. Er fühlt sich frei in seinem Entschluss. Und er wirbt bei den Korinthern, seinem Beispiel zu folgen und ihrerseits auch auf Rechte zu verzichten. Zum Beispiel bei dem Streit um das Götzenopferfleisch. In der Gemeinde war die Frage aufgekommen, ob man das in heidnischen Tempeln geschlachtete Fleisch als Christ essen darf. Sein Rat: Ihr dürft es essen, denn es gibt ja keine Götzen, also auch kein Götzenopferfleisch. Aber verzichtet lieber, damit sich niemand von euren Mitchristen darüber ärgert. Paulus gibt den Korinthern keine Befehle. Er lädt zu einem bestimmten Verhalten ein. Sie sollen letztlich selbst entscheiden.

Was Paulus hier vorführt, kann man als eine Ethik des Verzichts beschreiben. Ein Mensch verzichtet auf eine Möglichkeit oder ein Recht. Der Verzicht steht im Dienst einer anderen Sache. Er wirkt auch auf den Verzichtenden selbst zurück. Er wird als Befreiung empfunden, ist Gewinn, nicht Verlust. Ein wesentliches Element des Verzichts ist die Freiwilligkeit. Hier wird nicht von anderen oder von Gesetzen eingefordert, wie man sich zu verhalten hat. Die Entscheidung zum Verzicht trifft jeder Mensch für sich selbst. Er oder sie muss sich nicht für immer und ewig dafür entscheiden. Man kann auch eine Zeit lang auf etwas verzichten.

In der asketischen Tradition wurde Verzicht häufig damit begründet, dass die Dinge, von denen man Abstand nehmen soll, in ein schlechtes Licht gerückt wurden. Ganz anders beim Verzichten. Das Recht oder die Möglichkeit werden nicht prinzipiell als schlecht klassifiziert. Grundsätzlich könnte man etwas tun oder ein Recht in Anspruch nehmen. Man tut es aber nicht. Einerseits, um vielleicht ein höheres Gut zu erreichen. Andererseits wird der Verzicht als eine Chance der Befreiung für den Verzichtenden selbst wahrgenommen. Die Spirale der Maximierung, die Sucht nach dem immer Mehr, was ich haben, erleben, entwickeln soll, wird durchbrochen.

Eine Verzichtsethik soll nicht grundlegende Rechte beschneiden oder Arme zur Zufriedenheit ermahnen. Die Verzichtsethik ist in erster Linie eine Ethik der Privilegierten und Habenden. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Inanspruchnahme von Rechten selbstverständlich ist. Man nimmt mit, was man bekommen kann, selbst wenn man es eigentlich gar nicht braucht. Kann eine Gesellschaft überleben, bei der jeder das Maximum für sich selbst herausholen will? Was wäre, wenn wir eine Kultur des Verzichtens entwickelten? Verzichten kann man nicht vorschreiben, nur vorleben und hoffen, dass andere dadurch motiviert werden. Denn: Verzicht ist keine Pflicht.

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