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Der Hoffnung entgegengehen

Palmsonntag: Die jährliche Palmarum-Prozession in Jerusalem spiegelt das Drama und die Schönheit des Menschseins: Durch Nöte und Freude hindurch suchen Menschen ihren Weg zum Ziel. Wenn dieses Jesus heißt, dürfen sie hoffen.
Von Pater Nikodemus Schnabel, Jerusalem
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Palmsonntags-Prozession in Jerusalem: Alljährlich ziehen tausende Christen vom Ölberg in die Jerusalemer Altstadt, wo sie ein großes Fest feiern. © Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Palmsonntag in Jerusalem hat etwas Faszinierendes und Irritierendes zugleich. Obwohl die Zahl der Christinnen und Christen in Israel und Palästina, die einer »Westkirche« angehören, nicht einmal ein Prozent in der Gesamtbevölkerung ausmachen, ist Jerusalem genau an einem Tag im Jahr eine gefühlt christliche Stadt: am Sonntag Palmarum. Die verschiedenen Ostkirchen feiern übrigens ihren Palmsonntag an einem anderen Datum. Aber Palmsonntag ziehen so gut wie alle Getauften des Heiligen Landes in ökumenischer Eintracht und Vielfalt nach Jerusalem zum Ölberg hinauf, zum Ort Betfage, wo die große Palmprozession beginnt, welche sich dann mehrere Kilometer und mehrere Stunden lang wie ein riesiger Lindwurm zum Stephanstor der Jerusalemer Altstadt schlängelt. Von dort geht es durch das Tor hinein nach St. Anna zum Bethesda-Teich, wo die riesige Abschlussandacht stattfindet, bevor das Ganze in einer Open-Air-Disco und Straßenumzügen der verschiedenen christlichen Pfadfindergruppen mit Dudelsäcken und Trommeln um die Jerusalemer Altstadtmauer herum endet.

Das Ganze ist ein bisschen wie eine Fronleichnamsprozession vermischt mit dem Straßenkarneval in Rio und einer Fridays-for-Future-Kundgebung: eben sehr faszinierend und irritierend zugleich!

Diese Palmsonntagsprozession ist eine wahre Gefühlsachterbahnfahrt: Es beginnt mit dem traumschönen Kirchlein in Betfage, vor deren Platz das biblische Palmsonntagsevangelium verkündigt wird, das der Tradition nach dort verortet wird und mit der atemberaubenden Kulisse der Jerusalemer Altstadt, von der die goldene Kuppel des Felsendoms, welcher sich über den Fundamenten des zerstörten jüdischen Tempels erhebt, der Prozession aus der Ferne majestätisch entgegenleuchtet.

Die Prozession, die sich daraufhin in Bewegung setzt, ist denkbar bunt: Pilgerinnen und Pilger aus aller Herren Länder – meist mit ihren Landesflaggen – mischen sich unter heimische Pfarreien, welche sowohl aus Israel als auch aus Palästina gekommen sind und fast während des gesamten Weges laut klatschen, tanzen und singen.

Immer wieder bekommen auch einige wenige Christen aus dem Gaza-Streifen eine Genehmigung, an den Osterfeierlichkeiten in Jerusalem teilzunehmen: Ihr freudig-glücklicher Gesichtsausdruck mischt sich mit Ängstlichkeit, wenn sie durch das schwerbewaffnete Spalier der israelischen Sicherheitskräfte hindurch müssen, welche die gesamte Prozession begleiten und penibel darauf achten, dass keine Palästina-Flaggen geschwenkt werden.

In der Prozession finden sich aber auch sehr viele Gastarbeiterinnen – und auch einige wenige Gastarbeiter – aus den Philippinen, aus Sri Lanka und aus Indien, welche nicht selten auf dem Weg den Ölberg hinab den Rosenkranz im modernen Hebräisch beten. Am Straßenrand schlägt dieser sehr bunten Prozession sowohl Freude und Verwunderung als auch Skepsis und Verachtung entgegen.

Hier bei der Palmsonntagsprozession kommt das ganze Drama und die ganze Schönheit des Menschseins zusammen: Freude und Hoffnung, Sorgen und Nöte dieser Menschen auf dem Weg, sind Freude und Hoffnung, Sorgen und Nöte, welche unserem Herrn und Gott Jesus Christus auf dem Palmesel nur allzu vertraut sind. Palmsonntag in Jerusalem ist der Hoffnungsfall unseres Glaubens!

Pater Dr. Nikodemus C. Schnabel OSB ist Benediktiniermönch der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg in Jerusalem. Von ihm erschien zuletzt das Buch »Zuhause im Niemandsland. Mein LEben im Kloster zwischen Israel und Palästina«e

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