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Im Ruhegebet liegt die Kraft

Beten: Der Sonntag Rogate stellt das Gebet in den Mittelpunkt. Oft wird es mit Worten praktiziert. Doch dem frühchristlichen Ruhegebet geht es um mehr: um ein Leben aus dem Urgrund der Schöpfung.
Von Peter Dyckhoff
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Vielen Menschen durfte ich seit 1971 den Weg zum Ruhegebet zeigen. Johannes Cassian, der Mönchsvater (360–435), brachte das Gebet der Ruhe als christliches Gebet ins Abendland. Diese frühe mönchische Spiritualität hat als eine Quelle christlichen Lebens ihre Bedeutung und Aktualität bis heute nicht verloren. Im Gegensatz zur orthodoxen Kirche in Russland und der Tradition auf dem Berg Athos geriet das Ruhegebet im Westen durch eine zunehmende »Verkopfung« in Vergessenheit.

Im Sinne von Cassian bedeutet Beten, alles aufzugeben: Gedanken, Gottesbilder, Vorstellungen, den eigenen Willen. Gott darf nicht irgendwie vorgestellt oder vor Augen geführt werden. Es geht um ein völlig bildloses Anschauen – »mit den reinen Blicken der Seele«. Cassian beschreibt die Methode des Ruhegebetes: Ein einziger kurzer Satz wird als Mittel benutzt, die nötige Stille zu erlangen. Die Fülle der Gedanken wird durch die strenge Armut eines einzigen Verses mehr und mehr reduziert. Dieser Prozess tiefer Ruhe für Körper, Geist und Seele reinigt das Nervensystem und die Psyche. Er führt somit letztlich zur Reinheit des Herzens.

Wenn aller »Besitz« aufgegeben und alles losgelassen wird, dann steht der Betende in absoluter Einfachheit vor Gott. Der Geist kann ganz einfach und leicht in der strengen Armut einer kurzen Anrufung schwingen, bis jener Glückszustand erreicht ist, den das Evangelium »selig« nennt. Es ist die einfache, in sich selbst schwingende Ruhe, die den Reichtum der ganzen Schöpfung in sich enthält, die Ruhe, von der auch am siebten Schöpfungstag Gott selbst spricht.

Wie viel Zeit setzen wir ein, um zu essen, zu trinken, zu schlafen, zur Körperpflege, zur Erholung? Wo bleibt in unserem Leben Raum und Zeit für das Gebet, für das Schweigen und die Ruhe, von der Gott an jenem siebten Schöpfungstag spricht und auch uns bittet, diesen Tag durch Ruhe zu heiligen?

Um in ein gesundes Gleichgewicht zu kommen oder in ihm zu bleiben, ist es neben unseren Aufgaben notwendig, ein Siebtel unserer Zeit in der von Gott geheiligten Stille und Ruhe zu verbringen. Zieht man die Nachtstunden ab, so verbleiben für jeden Tag ungefähr anderthalb Stunden, die wir – aufgeteilt in zwei oder drei Einheiten – darauf verwenden sollten, Ruhe zu suchen, um Leben spendende Stille zu erfahren. Die tiefe Ruhe für Körper, Geist und Seele, die sich gleich schon dem Betenden im Ruhegebet schenkt, befreit uns von schmerzhaften, im Wege stehenden Eindrücken und bringt uns dem Urgrund der Schöpfung, Gott, näher.

Gönne dir Zeiten, in denen du allein bist und schweigen kannst. Schaffe dem stillen Gebet oder Ruhegebet einen Platz in deinem Alltag. Achte auf genügend Schlaf. Halte dich mit voreiligen Äußerungen über andere Menschen zurück. Beschäftige dich mit einem kurzen geistlichen Text und lass ihn auf dich wirken; gib dann im Gebet der Hingabe alles ab, was dich bewegt, und lass dich in der tiefer werdenden Stille und Ruhe in die Nähe Gottes führen:

»Herr, zeig mir den Weg und gib mir die Kraft, mich für die Zeit des Gebetes ganz auf dich zu verlassen. Mein Ich möchte ich dir hingeben und alles von dir Geschaffene überschreiten, um bei dir zu sein und in deiner Ruhe zu ruhen. Wenn ich meinen Geist und meine Seele in deine Hände lege, kann mich nichts mehr, was geringer ist als du, von der anziehenden, liebevollen Bewegung zu dir abhalten. Führe mich, Herr, im stillen Gebet der Hingabe den Weg in die göttliche Ruhe – über die Gemeinschaft der Heiligen hinaus, über Engel und Erzengel, über alles Sichtbare und Unsichtbare, über alles hinaus – zu dir.«

Von Peter Dyckhoff ist soeben erschienen: Das kleine Buch vom Ruhegebet. Herder Verlag 2019, 136 Seiten, 10 Euro.

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