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Geh aus, mein Herz

Gottvertrauen: Trotz des großen Leides, das der Dreißigjährige Krieg brachte, konnte Paul Gerhardt Lieder tiefsten Gottvertrauens dichten – als Abglanz der höheren Ordnung Gottes, die auf uns wartet.
Von Sibylle Lewitscharoff
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© SasaStock/Fotolia

Paul Gerhardt (1607–1676) kam in Gräfenhainichen, nahe der Lutherstadt Wittenberg, zur Welt, was im damaligen Kursachsen lag. Die Zeit, in die er hineingeboren wurde, war eine turbulente und desaströse. In seine Lebensspanne – er starb 1676 mit 69 Jahren – fiel der Dreißigjährige Krieg mit den bekannten mörderischen Konsequenzen, der Unzahl von Toten, der Zerstörung der Lebensgrundlage vieler Bauern und kleiner Leute. Im Schlepp der Verwahrlosung, der krassen Verarmung in den betroffenen Regionen, der vielen herumliegenden Leichen und Tierkadaver, siedelte sich alsbald die Pest an und forderte in den Jahren 1636 und 1637 weiterhin eine Unzahl von Opfern. Abertausende starben einen fürchterlichen Tod. Wahrlich, eine Zeit des Schreiens und Wehklagens, in der das einzelne Leben nichts galt.

Paul Gerhardt hat die fürchterliche Not auch in seinen Liedtexten bearbeitet, aber nicht als Aufschrei gegen einen Gott, der solche Gräuel auf Erden zulässt, in denen massenweise Unschuldige gemetzelt werden, die an der Kriegstreiberei keinen Anteil haben. Nein, er war kein Hiob, der im Aschehaufen saß und sich die Haare raufte. Den Dichter führte die Not zum Ausdruck einer Innigkeit und Gottverbundenheit, die ihresgleichen sucht.

Staunenswert ist, dass das hinreißende Lied »Geh aus, mein Herz, und suche Freud« seine hochmögend-innige Freudensuche 1653, nur wenige Jahre nach dem Ende des grauenvollen Krieges, erstmalig veröffentlicht wurde. Ein fröhliches, weithin bekanntes Sommerlied, das die Natur preist, die Schönheit der Erde und das von Gott Gegebene. Es ist eines seiner einprägsamsten und bekanntesten Lieder, voller Genuss, im Takt des Ausschreitens eines munteren Sonnenzöglings, der an der Welt seine Lust hat, wie sie sich im wärmenden Schein der Sonne darbietet. Nicht Hitze, nicht Dürre hat der Sommer hervorgelockt, sondern eine schönheitsglitzernde Welt voller Anmut und Freude, hingebreitet vor den Augen des Wanderers. »Narzissus und die Tulipan, / die ziehen sich viel schöner an / als Salomonis Seide.« Eine paradiesische Anmutung und Zuversicht liegt über dem Ganzen, die Lerche steigt hoch in die Lüfte, die Bienenschar ist geschäftig im Einheimsen des Blütenstaubs, von Hirten und Schafen ertönt gar ein Lustgeschrei, natürlich zum Lobe des Herrn, denn von solchem Lob werden die Leiber froh und leicht und schwingen sich gedanklich in den zauberhaften Himmel empor. Eine beseelte Glaubenserfahrung kommt hier zum Ausdruck, die die gesamte Schöpfung feiert, in der sich ein Wanderer leichten Schrittes in der Zuversicht auf Gottes Gnade und Hut nach Herzenslust ergehen kann.

Wobei es hier nicht um den rein irdischen Genuss von schönem Wetter geht – die funkelnde Glanzwelt der Natur ist nur ein schwacher Abglanz der einst im Paradies auf den erlösten Menschen wartenden Schönheit. Im Paradies wird alles schön sein. Das Auge schaut Schönes, die Sprache ist anmutig und herzerhebend, in Gottes Kosmos waltet die Ethik, ohne dass tagein tagaus um deren Bestand gerungen werden müsste. Hierzulande manifestiert sich die holde himmlische Schönheit nur in Momenten, in welchen sie einen Abglanz auf unsere Erde wirft.

Vielleicht ist er schwach, dieser geliehene Glanz, doch er kann das menschliche Herz rühren und eine seelische Gestimmtheit hervorrufen, die sich mit auffangsamen Sinnen der höheren Weisheit und Ordnung öffnet. Bibelworte werden in dem Lied wachgerufen, etwa Worte aus dem Psalm 23, in welchem von einem neuen Kleid des Glaubens die Rede ist. Auch der Mensch wird einst grünen, sollte ihm der Aufenthalt im Paradies vergönnt sein.

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