Rede von Gysi am 9. Oktober ist symbolische Gewalt

Brief des Direktors der Evangelischen Akademie Meißen, Stephan Bickhardt, an den Kirchenvorstand der Peterskirche Leipzig
Stephan Bickhardt
  • Artikel empfehlen:
Stephan Bickhardt, Pfarrer, Akademiedirektor
Stephan Bickhardt ist Direktor der Evangelischen Akademie Meißen und kritisiert die Entscheidung der Peterskirchgemeinde Leipzig, Gregor Gysi am 9. Oktober in der Kirche sprechen zu lassen. © Stefan Seidel

Sehr geehrte Frau Dr. Pietsch, lieber Pfarrkollege Dohrn, liebe Pfarrkollegin Dohrn, liebe Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher,

mich bedrängt und bedrückt die theologische Frage, die mit der Zustimmung zu einer Rede Gregor Gysis in der Peterskirche am 9. Oktober 2019 gestellt ist. Die Intention des Evangeliums hebt die Mühseligen und Beladenen, die Erniedrigten und Beleidigten, die Gefangenen und Gequälten, die Verletzten und Gedemütigten in Gottes Wirklichkeit hinein. Im nahgelegenen ehemaligen Untersuchungsgefängnis der politische Polizei »Staatssicherheit« waren die Glocken der Peterskirche von den zu Unrecht Inhaftierten zu hören – ein Zeichen von draußen und Trost aus anderer Wirklichkeit.

Unter denen, die protestieren gegen den Auftritt von Dr. Gysi am Symboldatum der Friedlichen Revolution sind Menschen, die sich verletzt fühlen, die verletzt sind. Mir begegnen Menschen, die wirklich erschüttert sind, dass ein solcher Auftritt möglich ist. Hier ist insbesondere ein Wort für die ehemaligen tausenden – die Zeitgeschichtsforschung spricht von 250 000 – politischen Gefangenen einzulegen. In seelsorgerlicher Wahrnehmung bleibt es für Menschen eine Zumutung und Qual etwas erneut aushalten zu müssen, dass sie an Verhör, psychischer Folter und Isolation erinnert.

Da Gregor Gysi SED-Vorsitzender war, ist er eben im Kontext der Parteigeschichte für diese Zustände mit verantwortlich gewesen. Da es Menschen gibt, die verletzt sind von der Ankündigung eines solchen möglichen Auftritts, sollte um des Evangeliums willen aus dieser Zumutung herausgetreten werden. Es gibt seelische Not, die zu verdrängen eine Einebnung der Gefühle bewirkt. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu spricht für solche Zusammenhänge von symbolischer Gewalt, die auf den Menschen einwirkt. Die Not derer wahrzunehmen, die verletzt sind, ist eine Berufung für das lebendige Zeugnis des Glaubens.

Ich selbst bin durch drei Äußerungen von Gemeindegliedern in vergangenen Jahren beschämt worden. Sie waren politische Gefangene. Sie äußerten, sie erwarteten von mir, dass ich in Predigt und anderer Weise den Schutz der Opfer der SED-Diktatur fordere, den Mangel an öffentlicher Anerkennung ausspreche, die verwundeten Seelen aufrichte. Ich habe über diese Aspekte auch das Gespräch mit Pfarrer Dohrn gesucht und die Rechtsauffassung im Blick auf unsere besondere Rolle in seelsorgerlichen Fragen und deren Geltendmachung auch mir bewusst gemacht.

Was in dieser Diskussion geschieht, berührt dermaßen den Kern unseres Berufes und Christseins, dass die öffentliche Diskussion geradezu ablenken kann vom frei gesprochenen und am christlichen Gewissen gebundenen Entscheid. Und wenn in diesem Moment die Rede von der Feindesliebe einen Sinn machen soll, dann möglicherweise so: Gregor Gysi darf reden und die Freiheit in Gebrauch nehmen, aber wirklich vor Altar, Kanzel, Kreuz an diesem Tag und in dieser Stadt?

Es gibt doch Menschen, die im Blick darauf vom Gewissen her berührt sind und das zu achten ist Aufgabe! Die Friedliche Revolution beweist bis heute die Friedlichkeit, indem ihre Gegner anerkannt als Bürgerinnen und Bürger leben. Das wurde und wird manchem zur Last. Und hier liegt aus meiner Sicht theologisch die positive Bedeutung der öffentlichen Diskussion um einen Auftritt von Dr. Gysi. Denn unter den vielen Menschen, die sich äußern, sind auch die, die Opfer waren. Warum sollten erlittene Demütigungen womöglich vertieft werden?

Aus Anwendung und Diskussion über das Grundgesetz unseres Landes kenne und höre ich immer wieder das Kriterium der Güterabwägung zwischen den Grundrechten, zum Beispiel dem der Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie dem der persönlichen Unversehrtheit und der damit einhergehenden Aufgaben des Staates. Gilt dies auch für das christliche Zeugnis, abzuwägen wie der Rechtsstaat es um der Freiheit und Unversehrtheit des Menschen willen tut? Ich denke nicht, denn es ist am letzten Grund der Bedeutung des Evangeliums die Barmherzigkeit, frei und mutig gelebt, die uns bedingungslos an die Seite derer stellt, die leiden. Und hier und im Blick auf den 9. Oktober 2019 leiden Menschen. Vielleicht ist meine weitere Überlegung etwas waghalsig. Könnte die Versammlung der Gemeinde gehört werden in dieser Frage, die heilige christliche Kirche in der Gemeinschaft der Heiligen? Die Kirchgemeindeordnung der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens gibt hier einen klaren Hinweis, dass dies im Blick auf schwierige Fragen sinnvoll ist (Artikel 26, 1 und 2).

Ich bitte Sie, liebe Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher, diese Worte hier nicht aufzufassen unter dem Gesichtspunkt, dass sie bedrängen sollen. Und ich bitte die Entscheidung, Dr. Gysi am 9. Oktober 2019 in der Peterskirche Leipzig sprechen zu lassen, zu überdenken und zu revidieren.

Mit herzlichen Grüßen, Stephan Bickhardt

Anzeige ehs

Impressionen Lausitz-Kirchentag


  • Görlitz begrüßt an diesem Wochenende zum »Lausitz-Kirchentag« © Steffen Giersch


  • Stark in der Region: Die Sorben, hier in typischer Tracht © Steffen Giersch


  • Mit viel Musik und zahlreichen Angeboten wurde gefeiert © Steffen Giersch


  • Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer besuchte zu diesem Anlass Görlitz © Steffen Giersch


  • Tausende Christen nahmen am Lausitz-Kirchentag teil © Steffen Giersch


  • Strahlender Sonnenschein und Hitze beim Lausitz-Kirchentag, die Stimmung blieb oben auf © Steffen Giersch


  • Gestaltet wurde der Lausitz-Kirchentag von der Sächsischen Landeskirche (EVLKS) und der Landeskirche für Berlin-Brandenburg und Schlesische Oberlausitz (EKBO) © Steffen Giersch


  • Tausende Christen nahmen am Lausitz-Kirchentag teil © Steffen Giersch


  • Stark in der Region: Die Sorben, hier in typischer Tracht © Steffen Giersch


  • Spiel, Spaß und Informationen an vielen Ständen und Veranstaltungsorten in Görlitz © Steffen Giersch


  • Spiel, Spaß und Informationen an vielen Ständen und Veranstaltungsorten in Görlitz © Steffen Giersch


  • Musik gehörte natürlich dazu, beim Gottesdienst und zahlreichen kleinen Teilveranstaltungen © Steffen Giersch


  • Spiel, Spaß und Informationen an vielen Ständen und Veranstaltungsorten in Görlitz © Steffen Giersch




  • Am gemeinsamen Stand der sächsischen Kirchenzeitung DER SONNTAG und der Berliner Zeitung DIE KIRCHE© Steffen Giersch


  • Austausch und Informationen boten viele Stände an – die Besucher nahmen das gerne und gut an © Steffen Giersch


  • Auch diakonische Einrichtungen, wie hier die Bahnhofsmission, informierten © Steffen Giersch


  • Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer besuchte Stände © Steffen Giersch


  • Und Ministerpräsident Kretschmer nahm an zahlreichen Gesprächen und Diskussionsrunden teil © Steffen Giersch


  • Spiel, Spaß und Informationen an vielen Ständen und Veranstaltungsorten in Görlitz © Steffen Giersch


  • Familie in Sorbischer Tracht – jede Stadt hat ihre eigene Tracht, die leicht voneinander variiert © Steffen Giersch


  • Austausch und Informationen boten viele Stände an – die Besucher nahmen das gerne und gut an © Steffen Giersch


  • Ministerpräsident Kretschmer nahm an zahlreichen Gesprächen und Diskussionsrunden teil – ein wichtiges Thema in der Region: Der Braunkohleausstieg © Steffen Giersch


  • Auch Bettina Westfeld nahm an der Diskussionsrunde zum Braunkohleausstieg teil © Steffen Giersch


  • Austausch und Informationen boten viele Christen an – die Besucher nahmen das gerne und gut an © Steffen Giersch


  • Am gemeinsamen Stand der sächsischen Kirchenzeitung DER SONNTAG und der Berliner Zeitung DIE KIRCHE© Steffen Giersch

Größer anschauen? Hier klicken!

Cover FamilienSonntag 2-2022

Folgen Sie dem Sonntag:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Plauen
  • Mittagsmusik im Orgelsommer
  • St.-Johannis-Kirche
  • , – Altenberg
  • Orgelmusik
  • Kirche Geising
  • , – Leipzig
  • 30 Minuten Orgelmusik
  • Michaeliskirche
Audio-Podcast

Logo LAGA Torgau 22

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
#Lausitz-#Kirchentag in #Görlitz – tausende Christen feiern. Hier unsere Impressionen vom Samstag:… https://t.co/P9l9QqsH22
vor 3 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Tausende Christen feiern heute gemeinsam den Lausitz-Kirchentag in Görlitz. https://t.co/6mPYUBKqAZ… https://t.co/6mPYUBKqAZ…
vor 3 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Auf der Höhe des Jahres erinnert die #Kirche an das Ende und die #Vergänglichkeit. Doch wie von Ferne und als Vorsc… https://t.co/Y6DiPnNgiH
vor 5 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
»Risiko eines Einsatzes ist nie auszuschließen.« – Der rheinische Präses Thorsten Latzel warnt vor den Gefahren… https://t.co/wV52FBJVXZ
vor 6 Tagen