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Wie leben wir richtig?

Krise: Die Welt und die Seelen scheinen aus den Fugen. Eine Krise reiht sich an die nächste. Doch auf der Suche nach dem richtigen Leben gibt es Holzwege und Heilswege.
Von Stefan Seidel
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© Foto: terovesalainen stock.adobe.com

Die Frage, wie man richtig lebt, wird mittlerweile nicht nur am Jahresanfang gestellt und in Vorsätze fürs neue Jahr gemünzt. Sie bestimmt das ganze Jahr und hat eine ganze Beratungs- und Lebenskunst­industrie hervorgebracht. Offenbar gärt in den Seelen vieler Menschen ein Mangel, der behoben werden will – ein Unbehagen, ein Ungenügen, eine Angst oder ein Getrieben- und Überfordertsein.

Die Krise scheint zum bestimmenden Zustand der Gegenwart geworden zu sein. Sie hat viele Gesichter: Klima­krise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise. Und auch eine Innenseite: die seelischen Krisen dieser Zeit. Eine Umfrage ergab, dass sich jeder zweite Bundesbürger von Burnout bedroht fühlt und rund 60 Prozent über Erschöpfung und innere Anspannung klagen. Die Depressionen sind laut Weltgesundheitsorganisation WHO auf dem Weg, zur zweithäufigsten Volkskrankheit zu werden.

Kein Wunder also, dass viele Menschen nach Abhilfe suchen, um ihr Leben in einer zerbrechlich und bedrohlich gewordenen Welt zu meistern und einen Halt zu finden. Die Ratgeberregale der Buchhandlungen platzen aus allen Nähten. Viele versuchen Yoga, Zen-Meditation, Fa­sten, Achtsamkeit, Pilgern. Es sind Versuche, dem herrschenden Druck des »höher, schneller, weiter« zu entkommen und der Leere, in die alles zu münden scheint, etwas entgegenzusetzen. Die allgemein gültigen Maximen des Wachstums, der Beschleunigung und der Orientierung an Materiellem scheinen nicht das Heil zu bringen.

Doch bieten die Heerscharen der Ratgeber und Weisheitslehrer wirklich Auswege? Bisweilen erscheinen sie nur wie eine weitere Spielart der allgemeinen Forderung, immer besser, stärker und perfekter zu werden, um weiter mitspielen zu können in diesem Spiel des Lebens, das ein einziges Ha­sten und Hetzen geworden ist.

Der Jenaer Sozialphilosoph Hartmut Rosa hat diese Nöte des heutigen Menschen untersucht und auf einen Begriff gebracht: Wir leben im »Zeitalter der Beschleunigung«, diagnostiziert er. Das grundlegende Problem des modernen Menschen sei, dass es kein echtes Ziel aller Bestrebungen mehr gebe, kein Ankommen, keine Erlösung. Der Burnout sei deshalb eine typische Erkrankung der Gegenwart. Rosa schreibt: »Dass man immer schneller laufen muss, um seinen Platz zu halten, macht den Menschen fertig.« Der in der säkularen Moderne bestimmend gewordene »ziellose und unabschließbare Steigerungszwang« führe zwangsläufig zu einem Ausbrennen der Welt, der Gesellschaften und der Seelen, so Rosa.

Doch die guten Nachricht, die er verkündet, heißt: Der Mensch ist nicht einfach nur diesen Zwängen unterworfen, sondern kann selbst ein anderes Leben wählen. Dieses beschreibt Rosa als »Leben in Resonanz«: weniger ausgerichtet auf die Maximierung des eigenen Nutzens und die bloße Benutzung von Dingen und Menschen, sondern mehr auf Beziehung, Begegnung, Ansprechenlassen und Antworten ausgehend. Dass es da wieder einen »vibrierenden Draht« zum Leben, zu den Menschen, zur Natur und zu Gott gibt. Diese Resonanzen stellen sich ein, wenn man nicht bloß funktional und »verwertend« mit seiner Mitwelt umgeht, sondern sich berühren lässt, offen ist für Beziehungen und Begegnungen, sich ansprechen lässt und darauf antwortet. Musik, Gebet, Natur, Begegnungen, Solidarität können Orte dieser Resonanzen sein, die ein anderes Leben aufscheinen lassen und der Entfremdung und Erstarrung des einzelnen Lebens im Steigerungszwang etwas entgegensetzt.

Auf der Suche nach dem richtigen Leben könnte auch die Religion eine neue Bedeutung gewinnen. Denn sie spricht von einer anderen Art zu leben als der, die heute üblich ist, von einer anderen Hoffnung. Liebe, Ehrfurcht, Demut, Dankbarkeit, Achtsamkeit könnten Auswege sein. Und das Vertrauen auf ein echtes Ziel: ein Ankommen in der Liebe in Ewigkeit.

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