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Vielleicht lässt jemand Wunder regnen

Zwei Erzählungen aus dem neuen Buch der Edition Chrismon
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Von Zuversicht erzählen die federleichten und poetischen Mutmachtexte des Buches »Vielleicht lässt jemand Wunder regnen«, das soeben in der edition chrismon erschienen ist. Mit Geschichten, Gedanken und Gebeten von Roger Willemsen, Susanne Niemeyer, Andreas Malessa, Susanne Breit-Keßler, Frank Muchlinsky, Matthias Lemme, Martin Vorländer, Siegfried Eckert u.v.a. Und mit sechs liebevoll gestalteten Postkarten zum Verschicken von Hoffnungsgrüßen an Himmelssucher und Lebenspilger. In der letzten, dieser und der nächsten Ausgabe stellen wir Ihnen das Buch mit einer Textauswahl vor.

SIE STIRBT ZULETZT

Susanne Niemeyer­­

Die Hoffnung soll immer zuletzt sterben. Egal, ob Flutkatastrophe oder Lottogewinn, Hirntumor oder Liebeskummer. Immer muss sie ausharren bis zum bitteren Ende. Egal, wie hoch die Chancen stehen. Das arme Ding.

Ich stelle mir vor, dass sie hier und da gern sagen würde: »Leute, es tut mir leid. Nehmt’s mir nicht übel, aber hier kann ich wirklich nichts mehr ausrichten. Lena wird Holger nicht küssen, auch in hundert Jahren nicht. Nicht jeder Lahme wird gehen können. Sorry.« Sie meint das nicht böse, sie traut sich nur, der Realität ins Auge zu sehen. Und deren Augenfarbe ist manchmal eben nicht rosa. Sie würde dann gern weitergehen. Weil sie sieht, was nach der Katastrophe kommt. Denn ein »Danach« gibt es immer. Darin ist die Hoffnung eine Meisterin. Egal ob Himmel oder Holger, sie ist schon zwei Schritte voraus. Unsereins kann sie da schnell mal aus dem Blick verlieren. Aber das macht nichts. An der nächsten Ecke wartet sie geduldig, bis man wieder aufgeholt hat und dann führt sie einen in ein Land, das man sich nicht hätte träumen lassen.

Die Hoffnung hat ihre Augen überall, am liebsten aber in der Zukunft. Und da gibt es immer irgendetwas Rosiges. Auch, wenn man selber noch schwarzsieht.

MÜSSEN CHRISTEN IMMER ZUVERSICHTLICH SEIN?

Burkhard Weitz/Lisa Rienermann­­

Eine junge Frau fährt Mahlzeiten aus, als Fahrradkurierin. Bei der Einstellung war von viel Trinkgeld die Rede. Tatsächlich geben die Leute wenig. Oft kommt sie abends übermüdet und durchnässt heim in ihre dunkle und feuchte 24-Quadratmeter-Wohnung. Das Essen, das sie ausfährt, kann sie sich selbst nicht leisten. Was andere auf Dauer zermürbt, trägt die junge Frau gelassen. Sie studiert Jura. Noch einige Jahre, dann leistet sie sich ein besseres Zuhause.

»Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft«, heißt es in der Bibel (Hebräerbrief 11,1), »und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« Gemeint ist nicht, dass christlicher Glaube gegen jede Notlage innerlich wappnet. Sondern Glaube ist wie das, was der Jurastudentin das karge Leben erträglich macht: die Aussicht auf etwas Besseres. Ob er wirklich trägt, stellt sich erst in der Not heraus, wenn es drauf ankommt.

»Glaube ist Gnade«, sagten deshalb die Reformatoren. Und der Theologe Dietrich Bonhoeffer formulierte aus seiner Haft heraus: »Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen.«

In jedem Fall ist die Zuversicht, von der die Bibel spricht, keine Realitätsverweigerung. Im Gegenteil. Christen müssen nicht immer zuversichtlich sein. Sie sollen die Welt realistisch und illusionslos sehen, wie die Studentin auch ihre kargen Lebensumstände sehr nüchtern beschreibt. Wie andere Menschen auch müssen Christen lernen, in Konflikten eine eigene Position zu finden und für sie einzustehen. Sie sollen sich nicht nach außen liebevoll und sanftmütig geben, wenn sie in Wirklichkeit mit ihrer Umwelt heillos über Kreuz sind.

Sie sollen in der Familie nicht von Frieden säuseln, wenn sich gerade alle miteinander verkrachen. Sie sollen weder die drohende Klimakatastrophe noch die ungerechte Verteilung der Vermögen schönreden.

Glaube und Zuversicht sind Teil einer Haltung, die über Ärger und Streit hinausweist. Sie helfen, eine Perspektive über die verbreitete Wut, über den Hass und die Egozentrik hinaus zu finden. Ob man Glaube und Zuversicht wirklich in sich trägt, zeigt sich, wenn man im Stress des Streits ruhig bleibt und die Verhältnismäßigkeit wahrt. Und wenn die Not einen selbst trifft und man dann nicht verzagt.

Glaube ist Gnade, ein Geschenk. Das schließt ein, dass er sich wecken und kultivieren lässt. Man kann durchaus versuchen, im Glauben zu wachsen – auch wenn man sich immer im Klaren darüber sein muss: Glaube lässt sich weder erarbeiten noch verdienen.

Das Christentum hält – wie auch andere Religionen – für solches innere Wachstum eine Reihe von Techniken bereit. Etwa die, dass man sich auf Gott hin ausrichtet, um der Egozentrik zu entkommen. Dass man innere Zwiesprache (auch »Gebet« genannt) hält, um sich selbst zu erforschen.

Wer früh zu verzichten lernt, und sei es nur auf Essen während der Fastenzeit, übt sich gleichzeitig darin, materiellen Dingen weniger Bedeutung beizumessen. Man kann sie ohnehin nicht ins Jenseits retten. Wer innere Konflikte frühzeitig bearbeitet und aus Fehlern lernt (früher geschah das mit »Beichte« und »Buße«), den quält nicht späte Reue. Wer im Kleinen vergeben kann, lernt auch irgendwann, im Großen mit erlittenem Unrecht seinen Frieden zu schließen.

Sterbenden helfen Bilder der Ewigkeit, sicher auf die enge Pforte des Todes zuzugehen. Den einen gibt die Vorstellung Zuversicht, dass Ewigkeit die Aufhebung der Zeit sei, reine Gegenwart also, ohne all die Rastlosigkeit und innere Unruhe, die einen treiben. Andere wünschen sich die große Stille des Todes herbei, die endlose Ruhe. Wieder andere finden es tröstlich, wieder in den Kreislauf des Lebens einzugehen. Aber diese Bilder helfen im Ernstfall nur, wenn man sie sich frühzeitig eingeprägt hat. »Ars Moriendi« (Sterbekunst) nannte man im Mittelalter daher das Bemühen um das eigene Seelenheil, solange noch Zeit dazu ist. Dahinter steht der lebenslange Wunsch, zu reifen und erwachsen zu werden – ganz ohne die Garantie, dass das auch gelingt.

Susanne Breit-Keßler/Frank Muchlinsky (Hrsg.): Vielleicht lässt jemand Wunder regnen. Ein hoffnungsfrohes Lesebuch. 120 Seiten + 6 Postkarten | Broschur, EUR 12,00.
Jetzt bestellen über den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung (0 36 43) 24 61 61, per Mail <shop@eva-leipzig.de> oder in Ihrer Buchhandlung.

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