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Vielleicht lässt jemand Wunder regnen

Eine Erzählung aus dem neuen Buch der Edition Chrismon
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Vielleicht lässt jemand Wunder regnen

Von Zuversicht erzählen die federleichten und poetischen Mutmachtexte des Buches »Vielleicht lässt jemand Wunder regnen«, das soeben in der edition chrismon erschienen ist. Mit Geschichten, Gedanken und Gebeten von Roger Willemsen, Susanne Niemeyer, Andreas Malessa, Susanne Breit-­Keßler, Frank Muchlinsky, Matthias Lemme, Martin Vorländer, Siegfried Eckert u. v. a. Und mit sechs liebevoll gestalteten Postkarten zum Verschicken von Hoffnungsgrüßen an Himmelssucher und Lebenspilger. Mit dem Auszug aus der Hiob-Erzählung »Das müde Glück« von Roger Willemsen endet die dreiteilige Serie zur Vorstellung des Buches. Wenn Sie Lust haben, mehr zu lesen, können Sie das Buch über den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung (Kontakt siehe unten) beziehen.

Roger Willemsen­­

Nein, Herr Gottlieb hat heute keinen guten Tag, und so geht es beim Frühstück gleich weiter: »Wie kommt man nur auf die Idee, Kondensmilch zu erschaffen, frage ich mich«, fragt er sich und klopft sich mit den Fingerspitzen auf die eigene Stirn, um das Wort »stirnverbrannt« darzustellen. »Kein Mensch mag Kondensmilch. Oder Schlaflosigkeit! Pferdefliegen! Und ein Knie kann man heute auch schon besser konstru- ieren.«

»Aber der Schluckauf ist gut gelungen«, mischt sich Viola ein, »und die Seifenblase …«

»… und dass manche Gedichte aufsagen und einen Fallrückzieher machen können«, ergänzt Margarete. »Wer hätte das dem Lehmkloß Mensch am Anfang zugetraut!«

»Und den Weltkrieg, die Windpocken, die Brennnessel, die Blauen Briefe, Staus? Die sind schon wieder vergessen, was? Da haben die Herren Damen mal wieder keinen Gedanken drauf verwendet!«

»Du bist so hart, Gottlieb«, sagt die Frau, die ihn geheiratet hat. »Du solltest mal deine weibliche Seite entdecken.«

»Dafür hab ich meine bessere Hälfte«, sagt Herr Gottlieb, nimmt die Wange seiner Frau zwischen Daumen und Zeigefinger, schlenkert sie hin und her, dass ihr Gesicht aussieht wie beim Zahnarzt.

»Vorhin hast du mich Fette Henne genannt«, klagt Margarete, als ihre Backe wieder frei ist. Doch das ist auch schon ihr ganzer Protest. Herr Gottlieb aber stolziert hinaus in den Garten mit der Hoheit eines Mannes, der schon als Kind von Beruf Alleinherrscher werden wollte. In der Einfahrt vor seinem Garten stand ein Dromedar.

»Guter Gott, ein Kamel!«, rief Herr Gottlieb. »Das frisst mir noch die Margerite ab!«

»Zwei Höcker, eine Seele, / so schuf der Herrgott die Kamele. / Die Hälfte nur von einem Paar / gab er dem braven Dromedar«, sagte strahlend Herr Hopp, der das Tier an einem Strick hielt. »Keine Sorge, es beißt nicht.«

»Fressen tut es aber schon«, meinte Herr Gottlieb.

»Keine Schnittblumen«, schwindelte Herr Hopp. Dromedare fressen sogar stachelige, bittere und salzige Pflanzen. Aber da es sich bei Herrn Hopp um einen aller Welt wohlgesonnenen Menschen handelte, betonte er auch an Gerda, seinem Dromedar, vor allem das Gute, und da Gerda ihn ihrerseits nicht enttäuschen wollte, rührte sie keine Schnittblumen an.

»Und?«, fragte Herr Gottlieb, »alles im Lack?«

»Und selbst?«

»Kann nicht klagen.«

»Wollen täten Sie aber schon, was?«, flaxte Herr Hopp.

Man sieht, die beiden begegneten sich nicht zum ersten Mal. Um genau zu sein, sie begegneten sich jeden Morgen, wenn Herr Gottlieb seine Laune nacheinander an seiner Frau, den Blumen, der Tochter, dem Wetter oder der Luft ausließ, während Herr Hopp seine Tiere ausführte und sich des Lebens freute. Warum hätte er sich auch nicht freuen sollen, war er doch ein glücklicher Mann, nicht jung, nicht alt, nicht arm, nicht reich, nicht klug, nicht einfältig. Einfach ein gesunder, feiner Kerl mit guten Absichten, einer, wie man ihn gern zum Freund hat. Dem leiht man auch mal sein Auto für eine Spritztour. So einer.

Warum Herr Hopp am frühen Morgen ein Dromedar spazieren führt? Warum nicht? Wer hätte nicht mal Lust darauf? Aber die meisten Menschen sterben, liegen da und denken: Nicht ein einziges Dromedar hab ich in meinem Leben ausgeführt. Das hätte mir auch früher einfallen können. Aber dann ist es zu spät. Vielleicht sagen sie aber auch: Ich bin zu wenig Riesenrad gefahren, zu selten durch Laubhaufen gelaufen.

Herr Hopp lebt jedenfalls für solche Menschen, und er lebt nicht schlecht. Denn immerhin gibt es nicht wenige, denen es nicht reicht, abwechselnd zur Arbeit, ins Bett, zur Bank und in Ferien zu gehen, und wenn sie damit durch sind, fangen sie von vorne wieder an. Nein, solche Leute haben vielleicht plötzlich Lust auf den Anblick eines Dromedars, das knien, oder auf einen Schimpansen, der Karten spielen kann, oder auf eine Dressurreiterin, die im rosa Röckchen auf dem Rücken des Pferdes steht und mit vollen Händen Küsse in die Menge wirft, und das mit einem Lächeln, schön wie eine Fen­sterscheibe voll Eisblumen. Ja, wenn dies alles eine Pizza wäre, man könnte es sich kommen lassen. Aber ein Dromedar?

Für diejenigen unter uns, die so etwas gut leiden können, hat Herr Hopp am Rande des Städtchens eine Manege aufgebaut, »Hopps Welt«, einen Zirkus, der nicht wanderte, sondern blieb, eine Welt für sich, mit ein paar Tieren, drei Artisten, einem Clown, drei Tierpflegern und einem Papagei, der Dinge sagen konnte wie »Prost Gemeinde, der Vorstand ist besoffen!«

»Wie laufen die Geschäfte?«, wollte Herr Gottlieb wissen.

»Große Geschäfte, kleine Geschäfte / nichts geht über meine Kräfte«, reimte Herr Hopp, und sein grimmiger Nachbar schüttelte den Kopf: »Schon am frühen Morgen einen Clown gefrühstückt, was? Ihnen wird die gute Laune auch noch vergehen.«

»Wenn es so weit ist, sage ich ihr, sie soll doch auf Sie überspringen. Bis dahin würde ich sie gerne behalten. Auch ist sie mir treu wie meine Frau.«

Da schüttelte Herr Gottlieb den Kopf und sagte: »Da kann ich nur den Kopf schütteln. Eines Tages werden Sie auch noch auf dem Boden der Tatsachen landen.«

»Ich liebe Tatsachen«, rief Herr Hopp. »Da habe ich immer etwas, was ich verdrehen kann. Sie glauben, ein Affe kann nicht Tango tanzen? Bei mir schon. Ein Goldfisch kann kein Vaterunser beten? Reingelegt, das kann er auch bei mir nicht! Kommen Sie doch einfach mal gemeinsam mit Ihrer Tochter in die Vorstellung. Sie werden sehen, von der guten Laune ist auch für Sie noch was da.«

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