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Gottes Spuren im Rückspiegel

Innehalten: Die Tage des Jahresendes sind eine gute Gelegenheit, um Gottes Spuren im letzten Jahr zu entdecken – und getrost einen Blick nach vorn zu werfen.
Von Thomas Schönfuß
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Im Haus der Stille bieten wir in diesem Jahr wieder Besinnungstage zum Jahreswechsel an. Noch ehe der Frühling begann, waren die Plätze im Haus vergeben. Darin zeigt sich wohl eine Sehnsucht, am Jahresende nicht nur die feucht-fröhliche Feier zu suchen, sondern auch – oder alternativ – Zeiten zum Innehalten.

Der Jahreswechsel bietet sich zum Blick in den Rückspiegel geradezu an. Wir erleben die Zeit als immerwährenden Fluss. Aber doch gibt es in diesem Fluss Schwellen. Eine solche Schwelle mag für den Einzelnen auch der Geburtstag sein. Die unabweisbare Wahrnehmung: Wir werden Jahr für Jahr älter. Was Kinder und Jugendliche vielleicht noch mit Freude registrieren, wird, je älter wir werden, mehr und mehr zur Frage: Was kommt auf uns zu? Vor welche Probleme wird uns das Leben noch stellen?

Und eben solche Fragen nach der Zukunft sind natürlich zum Jahreswechsel viel verbreiteter anzutreffen. Geht es hier doch nicht um den Jahrestag einer Person, sondern um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Beim Jahreswechsel sind alle gleichermaßen betroffen. Wir halten an auf der Bahn und blicken einerseits zurück – wo komme ich her? – und andererseits blicken wir auch nach vorn: welche Wegstrecke wird sich nun anschließen?

Freilich kann man einen geistlichen Jahresrückblick auch zu Hause gestalten. Man muss dazu nicht unbedingt ins Haus der Stille kommen. Allerdings bietet ein Einkehrhaus einen Rahmen, der das Innehalten unterstützt. Zu Hause muss man den Rahmen selbst schaffen. Dafür im Folgenden einige einfache Anregungen.
Es empfiehlt sich, einen passenden Ort mit Bedacht zu wählen. Das Telefon sollte möglichst nicht stören. Eine Kerze und vielleicht auch ein Andachtsbild können helfen, sich zu konzentrieren. Es ist gut, für den geistlichen Jahresrückblick mindestens eine Stunde vorzusehen.

Der erste Schritt: Vor Gott still werden, sich seiner Nähe, seinem liebevollen Blick überlassen. Um sein Licht bitten. So kann ich das eigene Leben im zu Ende gehenden Jahr möglichst ohne Vorurteil ansehen. Und ich kann danach Ausschau halten, darin auch Gottes Spur zu entdecken.

Der zweite Schritt: Nun kann es gut sein, den Kalender zu nehmen und sich anhand der Eintragungen zu erinnern: Woche für Woche, Monat für Monat. Da steigen Zeiten und Orte vor dem inneren Auge auf – Menschen, Begegnungen, Ereignisse, Aufgaben, Schweres und Schönes. Möglichst nicht urteilen, sondern das, was erinnert wird, mit Aufmerksamkeit anschauen.

Dabei kann es hilfreich sein, sich einige Notizen zu machen, um es am Ende noch einmal wahrnehmen zu können. Und dann kann ich mich in der Stille fragen: Wo und wie habe ich Liebe und Leben von Menschen und von Gott erfahren? Wo fühle ich mich im Nachhinein von Gott entfernt – wo von ihm geführt? Vielleicht kommt mir dabei ein Lied, ein Psalm, ein Text in den Sinn. Vielleicht auch ein Bild oder ein Symbol für dieses mein Jahr. Vielleicht legt es sich nahe, am Ende etwas zu gestalten. Vielleicht ist es dran, ein Ereignis, eine Zeit ganz bewusst zu verabschieden. Vielleicht stellt sich dabei auch eine Idee ein, ob sich dieser Abschied mit einem kleinen Ritual verbinden lässt. Manche haben einen Zettel beschrieben oder einen Brief gestaltet, der zum Beispiel der Erde oder einem Fluss übergeben werden kann.

Der dritte Schritt: Schließlich kann ich mein Leben in diesem Jahr bewusst vor Gott stellen. Den Dank vor Gott bringen, an die Menschen denken, die mir nahe waren oder sind. Wenn es dran ist, bitte ich Gott um Licht und Heilung im Hinblick auf Versagen und Schuld. Vielleicht ergibt sich auch der Wunsch, einen Menschen aufzusuchen, um etwas auszuräumen, in Ordnung zu bringen. Und schließlich vertraue ich Gott, seiner liebevollen Nähe, die nächste Zeitspanne an – das neue Jahr, das wie ein weißes Blatt vor uns liegt.

Am Ende kann ich im Gebet danken für alles, was ich aus dem vergangenen Jahr noch einmal wahrgenommen habe. Und ich kann die Zeit, die ich aus Gottes Händen am 1. Januar empfing, auch wieder in seine Hände zurücklegen.

Pfarrer Thomas Schönfuß ist Leiter des Hauses der Stille in Grumbach.

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