Unerhört?

Gehörlosenseelsorge: Ihre Gemeinden gibt es seit 100 Jahren in ganz Sachsen. Heute wollen sie selbstbestimmter werden. Der Pfarrerwechsel in Leipzig ist für die gehörlosen Christen schmerzlich – und führt zu Resignation.
Uwe Naumann
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Sie wollen auf Augenhöhe mit Hörenden sein: Gemeindevertreter und diakonische Mitarbeiter der Gehörlosengemeinde Leipzig vor der Taborkirche. Sie fordern mehr Mitbestimmung. Ihre Ämter haben sie niedergelegt. © Uwe Naumann

Sie lassen die Köpfe hängen, ihre Worte sind voller Trauer und Schmerz, ihre Gebärden erzählen aber auch von Wut. Die sechs Gemeindevertreter sowie diakonische Mitarbeiter der Gehörlosengemeinde Leipzig haben aufgegeben – und ihre Ämter im April niedergelegt. Denn seit Jahren kämpfen sie für mehr Eigenständigkeit und Mitbestimmung – und dass ihr Pfarrer bleiben kann. Doch das scheint nicht möglich. Das Landeskirchenamt bleibt trotz der Proteste der Gemeinde bei seiner Linie: Pfarrer Martin Weithaas wird nach 14 Jahren aus der Gemeinde verabschiedet.

Auch Pfarrer Raik Fourestier musste vor fünf Jahren seine Gehörlosengemeinde in Dresden verlassen, nach 15 Jahren. Auch dort hatten die Gehörlosen kein Verständnis für die Entscheidung des Landeskirchenamts. Nun gehört Fourestier zur Landessynode und möchte sich für die Rechte der Gehörlosen einsetzen. »Ich teile das Anliegen der Gemeinden für mehr Eigenständigkeit«, sagt er. Dazu bedürfe es eines längeren Prozesses der Vorbereitung zusammen mit den Gehörlosen, was Fourestier gern unterstützen möchte.

Leipzig und Dresden sind die einzigen Gehörlosengemeinden in Sachsen mit hauptamtlichem Pfarrer. Seit nunmehr genau 100 Jahren trägt die Landeskirche Sachsens die Verantwortung für die Gehörlosengottesdienste und die Ausbildung der Pfarrer. »Wir gehören zur Sonderseelsorge. Da sind die Pfarrstellen immer befristet«, sagt die Leipziger Gemeindevertreterin Ilona Troeger. »Wir wünschen uns dabei Ausnahmen und wollen gehört werden«, betont sie und richtet sich dabei auf. Doch mitbestimmen dürfen sie nicht. Die Gemeinden sind rechtlich nicht selbständig, die gewählten Gemeindevertreter ohne Befugnisse. So sind die Gehörlosen nur Gast in einer Kirchgemeinde und Kirche. »Wir sind immer nur Bittsteller«, ärgern sich die Gemeindevertreter. Sie wollen endlich auf Augenhöhe mit den Hörenden.

»Die Gemeinden wünschen sich die Selbständigkeit«, weiß die Landespfarrerin für Gehörlosenseelsorge Sachsen, Kerstin Kluge. »Das wäre ein großer Schritt nach vorn«, sagt sie. In der Landeskirche Bayerns ist das seit über drei Jahren schon Realität: Eine selbständige landesweite Gehörlosengemeinde mit 16 Gemeindeteilen. In Sachsen wären es derzeit 13. »Ich habe den Eindruck, dass das Landeskirchenamt da offen zuhört«, so Kluge. »Aber das bayerische Modell lässt sich nicht einfach auf die sächsische Landeskirche übertragen. Da muss ein individueller Weg gefunden werden.«

Die Leipziger nehmen das anders wahr. »Pfarrer Martin Weithaas hat für und mit uns gekämpft, uns auch allein entscheiden lassen«, blickt Ilona Troeger zurück. 2012 hatten sie eine Eingabe an die Landessynode geschrieben, 2018 ein Gespräch im Landeskirchenamt. Doch verändert habe sich rechtlich nichts. Dabei habe die Gemeinde seit 2006 mit Pfarrer Weithaas einen Aufschwung und viel Zu­lauf erlebt. Es habe Nach­wuchs gegeben und eine besonders gute Kommunikation. Mike Michaelsen-Collatz drückt mit Worten und Gebärden seine Betroffenheit aus: »Ich fühle mich nun allein und bin sehr traurig.« Er erzählt zum Beispiel vom Arbeitsamt, wohin ihn der Pfarrer begleitet habe, ihn beraten habe. »Die neue Situation macht mir Angst«, sagt er und muss dabei tief durchatmen.

»Die Rolle des Pfarrers ist bei Gehörlosengemeinden größer«, bestätigt Kerstin Kluge. »Es braucht mehr Vertrauen und Zeit, auch um sich mit der Gebärdensprache richtig zu verstehen«, erklärt die Landesleiterin die Unterschiede zu Hörenden-Gemeinden. Nach einigen Jahren sei die persönliche Bindung zu den Gemeindegliedern dann aber intensiver. Das mache den Pfarrerwechsel schwer, aber es biete auch Chancen für Veränderung.

Pfarrer Martin Weithaas hätte gern mit den Gehörlosen weitergearbeitet. Öffentlich möchte er sich aber nicht zu seiner Versetzung äußern. Er sagt nur, dass er die Situation für die Gehörlosen, für die Landeskirche und für sich zutiefst bedauere. Pikant ist, dass er nicht – wie langfristig angekündigt – zum August versetzt wurde, sondern kurzfristig schon im Mai. Grund war vermutlich der Protest von Gemeindegliedern gegen die Versetzung, den Weithaas selbst unterstützt haben soll. Daraufhin legten alle Gemeindevertreter – wie 2015 bei ihrer Wahl angekündigt – ihre Ämter nieder.

Schon ab September steht aber ein neuer Pfarrer bereit: Andreas Konrath, bisher Landespfarrer der Gehörlosen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Er könnte anknüpfen, wo die Leipziger resignieren. Schon vor über zehn Jahren sagte er zum Amtsantritt: »Ich möchte die Arbeit mit den Gehörlosen aus der Nische holen.«

Dieser Artikel erschien im DER SONNTAG, Nr. 34 | 23.8.2020. Möchten Sie mehr lesen? Alle Sonntagsthemen finden Sie bequem in unserem Abo. Ob gedruckt oder digital – Verpassen Sie keinen Artikel mehr. Bestellen Sie jetzt unter: https://www.sonntag-sachsen.de/aboservice

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