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Der verbrannte Reformator

Ein Jahrhundert vor Luther machte Jan Hus schon Reformation – doch 600 Jahre nach seiner Verbrennung schweigt die Reformationsdekade meist über den Tschechen.
Andreas Roth
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Dass Jan Hus Reformator war auf Augenhöhe mit Martin Luther, wusste der Zeichner dieser Illustration von 1717 – Gans und Schwan sind ihre legendären Symbole. © Rijksmuseum Amsterdam

Was blieb, waren Gans und Schwan. Ein selten lyrisches Bild von zwei Theologen. Geprägt hat es der Sprachvulkan Luther, wobei klar war, wer der Schwan ist. Und wer die Gans. »Johannes Hus hat von mir geweissagt, als er aus dem Gefängnis ins Böhmerland schrieb: Sie werden jetzt eine Gans braten. Aber in hundert Jahren werden sie einen Schwan singen hören«, notierte der Wittenberger 1531. Genau so kam es. Bis heute.

Unwichtig, dass Hus – dessen Name sich mit Gans übersetzen lässt – diese Worte wahrscheinlich nie gesprochen hat. Fakt ist: Er wurde im Feuer hingerichtet am 6. Juli vor 600 Jahren in Konstanz. Und Fakt ist, dass der Schwan Luther bis heute singt und gefeiert wird – in der Reformationsdekade, die für viele nur eine Lutherdekade ist, seit 2008 so laut wie lange nicht. Die Gans aber mit Namen Jan Hus bleibt im Schatten.

Da half es auch nichts, dass renommierte Theologen, Historiker und Sprachwissenschaftler aus Deutschland und Tschechien die Verantwortlichen der Jubelfeiern vor zwei Jahren in einem offenen Brief mahnten, dass sie »offensichtlich am wichtigsten Wegbereiter der deutschen Reformation kein Interesse zeigen.«

Bis heute können die Vorbereiter des deutschen Reformationsjubiläums in Hus allenfalls einen »Vorläufer Luthers« sehen, einen »Vordenker und Wegbereiter der Reformation«. Dabei war bei dem Prager Theologen schon das meiste da, womit Martin Luther 1517 Weltgeschichte schrieb. Allein die Bibel sei »ganz wahr und hinreichend zur Seligkeit des Menschengeschlechts«, nur sie sei »das Maß, nach dem jeder geistliche Richter zu richten und zu messen habe«, hatte Hus schon über 100 Jahre früher geschrieben – und damit das Tor geöffnet für eine geharnischte Kritik an Papst, Ablass, Macht und Reichtum der Kirche.

Als Luther sich bei der Leipziger Disputation 1519 zu einigen von Hus’ Thesen bekannte, die das Konstanzer Konzil als Ketzerei verurteilt hatte, war genau dies der endgültige Bruch mit Rom. Und die Initialzündung der deutschen Reformation. Der Schwan flog mit Gänseflügeln.

Jan Hus war ein Kind aus armem Hause, geboren um 1369 in der böhmischen Provinzstadt Husinec. In Prag brachte er es zum Priester, Theologieprofessor und Rektor der Universität. Geschult an den Schriften des englischen Kirchenkritikers John Wyclif, wetterte er gegen die Macht- und Geldgier des Klerus’ – und begann, in der Prager Bethlehemskapelle auf Tschechisch zu predigen, mit der Gemeinde auf Tschechisch zu singen und die Bibel in seine Muttersprache zu übersetzen. Auch der Wein des Abendmahls sollte nicht mehr den Priestern vorbehalten bleiben. Die Prager liebten ihn dafür.

Bis in die sächsische Hauptstadt reichte seine Ausstrahlung. An der Kreuzschule ermöglichte deren Rektor Peter von Dresden freie, Rom-kritische Diskussionen. Als er 1411 auf Drängen des Bischofs die Stadt verlassen musste, ging er mit Kollegen und Schülern nach Prag, gründete dort eine »Dresdner Schule«, aus der einige der ersten hussitischen Priester hervorgingen.

Am Ende aber stand Jan Hus auf dem Konstanzer Scheiterhaufen. Und blieb standhaft. Er wollte Gott nicht enttäuschen, sein Gewissen nicht – und auch die Menschen nicht.

Was ging, anders als bei Luther, schief? Der Wittenberger hatte den technischen Fortschritt auf seiner Seite, den Buchdruck und eine explodierende Öffentlichkeit – bei Hus war noch Mittelalter. Luther hatte Fürsten als Beschützer – Hus’ Schutzherr König Sigismund, der ihm freies Geleit zum Konzil zugesagt hatte, ließ ihn im Stich.

Die Gans war zu zeitig, der Schwan hatte Glück. Auch das ist Geschichte.

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2 Lesermeinungen zu Der verbrannte Reformator
A.Rau schreibt:
03. Juli 2015, 19:25

"Allein die Bibel sei »ganz wahr und hinreichend zur Seligkeit des Menschengeschlechts«, nur sie sei »das Maß, nach dem jeder geistliche Richter zu richten und zu messen habe«, hatte Hus ... geschrieben."

Wer so etwas behauptet, gehört ja wirklich verbrannt. Zumindes könnte solch ein Fundamentalist heute nicht Theologieprofessor geschweige denn Rektor einer Universität werden.

Britta schreibt:
06. Juli 2015, 21:36

Lieber Herr Rau,
als ich letzten Sonntag im GD weilte und der Geschichte Mt. 14, 13-33 lauschte, kam mir der Einfall daß Vers 30 eigentlich ein Gegenargument zur HKM ist: Petrus will übers Wasser laufen und weiß als Mensch, daß dies nicht möglich ist. Einen Moment überwiegt das Vertrauen und der Glaube über das Wissen und die Erfahrung um die Unmöglichkeit und die Sache scheint zu gelingen. Doch dann siegt die menschliche Vernunft, die besagt, es ist nicht möglich, auf dem Wasser zu laufen, und Petrus versinkt und kann gerade noch um Hilfe winseln.
Wie u.a. die Diskussion um die demokratische Bischofswahl zeigte, gibt es durchaus Menschen, die den Zeiten hinterherzutrauern scheinen, wo mißliebige Leute dem Scheiterhaufen übergeben wurden. Meist sind es die, die sonst soviel Toleranz einfordern....
Viele Grüße
Britta
P.S. Eine Frage kam mir auch noch: Wenn die Biel nicht Gottes Wort ist, was ist dann Gottes Wort, was in jedem GD mehrfach erwähnt wird?

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