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Armut ist weiblich

Gerechtigkeit: Frauen haben oft die kleineren und die schlechter bezahlten Jobs – auch in der Kirche. Die Risiken sind Armut bis ins Alter. Dabei ginge es auch gerechter.
Andreas Roth
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Ohne Frauen wäre das Leben in vielen sächsischen Kirchgemeinden wohl schon tot. Zwei Drittel der ehrenamtlichen Arbeit lei- sten sie, zeigt der EKD-Gleichstellungsatlas. Für Gotteslohn. Doch wenn es um bezahlte Arbeit und höhere Löhne geht, haben die Männer die Nase weit vorn. Das ist auch in der Wirtschaft so. Nur in der Kirche ist es besonders gravierend.

63 Prozent der landeskirchlichen Mitarbeiter in Sachsen sind Frauen – und 65 Prozent von ihnen arbeiten in Teilzeitstellen, so der Gleichstellungsatlas. Die männlichen Mitarbeiter der Landeskirche dagegen arbeiten zu 70 Prozent Vollzeit. In der Diakonie, die in Sachsen zu rund 80 Prozent Frauen beschäftigt, sind sogar bundesweit fast drei Viertel von ihnen in Teilzeit-Jobs. Besonders stark sind Frauen in den niedrigsten Lohngruppen vertreten. In den gut bezahlten Positionen der Diakonie dagegen dominieren: Männer.

Frauen sind in allen Altersgruppen häufiger als Männer von Armut betroffen, zeigt eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. »Es darf nicht sein, dass Frauen die größeren Risiken zugeteilt werden, nur weil sie Frauen sind« sagt Kathrin Wallrabe, die Gleichstellungsbeauftragte des sächsischen Landeskirchenamtes. Bei den Planungen zur neuen Struktur von kirchlichen Verwaltungs-, Kantoren- und Gemeindepädagogenstellen legt sie deshalb Wert auf die Schaffung größerer Arbeitsumfänge statt vieler zersplitterter Teilzeitanstellungen. »Kirche muss armutssichere Arbeitsplätze bieten.« Das Problem ist nur: Viele Frauen gerade mit Kindern können oder wollen nicht Vollzeit arbeiten – besonders in christlichen Kreisen. Größere Stellen seien schlecht mit einer Familie vereinbar, gaben einige sächsische Kirchenmusikerinnen in einer informellen Umfrage an, die auf einem Fachtag im Juni vorgestellt wurde. Das Ergebnis: Unter den 18 sächsischen Kirchenmusikdirektoren findet sich keine einzige Frau – dagegen arbeiten viele gut ausgebildete Kantorinnen auf kleinen Teilzeitstellen unter ihrer Qualifikation. Bei Gemeindepädagogen dürfte es ähnlich sein.

»Es ist noch immer nicht bei Frauen angekommen, dass Teilzeitbeschäftigung ein Armutsrisiko im Alter ist«, sagt Eva Brackelmann, die Geschäftsführerin der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen in Sachsen. »Wieso ist Vollzeittätigkeit für Väter möglich, für Mütter ein Problem? Hier muss sich viel in den Rollenbildern verändern.« Sie verweist auf Dänemark und Schweden, wo eine gleichberechtigte Aufgabenteilung in der Familie selbstverständlich ist und damit das Armutsrisiko letztlich nicht einseitig bei den Frauen liegt.

»Es muss auch im kirchlichen Familienbild eine gerechtere Verteilung zwischen Männern und Frauen geben«, fordert die landeskirchliche Gleichstellungsbeauftragte Kathrin Wallrabe. »Wenn die Kinder groß sind, kommen Frauen oft nicht mehr aus einer Teilzeitstelle heraus – und sie wird zur Falle.« Die neueste Statistik der sächsischen Kirchenbezirkssozialarbeiter zeigt ein Bild der Ungerechtigkeit: 63 Prozent der Hilfesuchenden sind Frauen – 61 Prozent von ihnen sorgen sich um ihre materielle Existenz.

»Bei uns melden sich sehr viele Frauen, die sich ihr Leben lang nach der Kinderbetreuung mit kleinen Jobs, Zuverdiensten und Arbeitsmaßnahmen über Wasser gehalten haben und jetzt ihre geringe Rente mit staatlicher Grundsicherung aufstocken müssen«, sagt Nicola Neumeier, Sozialberaterin in der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative Leipzig. »Seit durch die Einführung von Hartz IV das Einkommen der Partner bei der Berechnung der staatlichen Unterstützung hinzugezogen wird, fühlen sich viele Frauen zu Bittstellern gegenüber ihren Männern degradiert. Das fühlt sich wie ein erster Schritt in die Armut an.«

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3 Lesermeinungen zu Armut ist weiblich
Gert Flessing schreibt:
17. August 2016, 17:56

Ja, wie ist denn das möglich?
Ich kann mich daran erinnern, dass ich einst schief angesehen wurde, unter Kollegen und auch von höheren kirchlichen Chargen, als ich mich darum bemühte, einen Arbeitsplatz für meine Frau, immerhin examinierte Krankenschwester, zu bekommen.
Dass man damals, in den Siebzigern, sich staatlicherseits quer stellte, hätte mich nicht gewundert, aber dass ich auch kirchlich keine Unterstützung bekam, - nun ja.
Es hat dann doch irgendwann geklappt, aber es blieb ein Makel, dass eine Pfarrfrau arbeitet.
Natürlich haben wir uns im Haushalt vieles geteilt und natürlich habe ich mich um die Kinder gekümmert.
Natürlich habe ich hinter ihr gestanden, als sie sich später dann, als die Wende kam, qualifizierte und erst ihren Abschluss als Gemeindeschwester und später als Pflegedienstleiterin machte.
Warum? Weil es ja um die Rente ging, die sie mal beziehen würde.
"Die Kirche" kann so viel armutssichere Arbeitsplätze bieten, wie sie will. Wenn in den Familien nicht begriffen wird, dass eine Frau entlastet werden muss, und auch Männer Windeln anlegen und Fläschen geben können, ja sogar erlernen können, eine Waschmaschine und einen Trockner zu bedienen, tun mir die Männer leid, die damit die Armut von Frauen mit verschulden.
(Nur nebenbei und zum rechten Verständnis: Das mit dem "leid tun" ist Sarkasmus.)
Gert Flessing

Gert Flessing schreibt:
18. August 2016, 9:44

Ich fürchte, ich muss mich, in dem, was ich zu obigem Thema geschrieben habe, korrigieren.
Mein Ansatz war die Verärgerung über das Thema "Rollenverteilung".
Nun funktioniert das nicht in jedem Beruf so, wie es in dem eines Pfarrers funktionieren kann.
Schichtarbeit erschwert das sehr.
Zum anderen kenne auch ich Frauen, die ein Kind haben und bei denen es nichts zu verteilen gibt, weil sie allein erziehend sind.
Das, was in der DDR, durch Krippen und Kindergärten, für wenig Selbstbeteiligung, aufgefangen wurde, ist heute schwer zu erreichen. Das ist eine der Lasten, die junge Frauen heute tragen.
die andere ist, dass es schwer ist, nach einer gewissen Auszeit, wieder im Beruf fuß zu fassen. Es gibt Entwicklungen in manchen Berufen, die es sehr schwer machen, wieder den Anschluss zu gewinnen.
Außerdem eines, was ich, im Blick auf diese ganze Frage, als eine große gesellschaftliche Ungerechtigkeit empfinde: Frauen verdienen weniger als Männer, bei gleicher Arbeit und gleicher Leistung. Das verstößt, m.E. gegen den Gleichstellungsgrundsatz und wäre, wenn ich es richtig sehe, von der Politik mit einem Federstrich, zu bereinigen.
Dass es dennoch immer wieder, in Partnerschaften, darum geht, gemeinsam, auch bei den Aufgaben in der Familie, zu handeln, so dass nicht ein Teil doppelte Lasten tragen muss, ist, aus meiner Sicht, selbstverständlich.
Gert Flessing

Roswitha M. schreibt:
22. August 2016, 18:07

"als ICH mich darum bemühte, einen Arbeitsplatz für meine Frau, immerhin examinierte Krankenschwester, zu bekommen.
So viel zum Thema Rollenverteilung...

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