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Kirche zu klein gehofft?

Kürzungen: Die Prognose der Kirchenleitung über stark zurückgehende Mitgliederzahlen und Finanzen stößt auf Zweifel – ebenso wie die Kürzungen. Politiker bedauern bereits ihren strengen Sparkurs.
Von Andreas Roth
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Unterschiedliche Prognosen über die evangelischen Kirchenmitglieder Sachsens im Jahr 2040: Das Statistische Landesamt (grün) geht von mehr aus als die Landeskirche (rot). © Grafik: Symbolische Darstellung

Man kann nicht sagen, dass die Kirche keine Erfahrung hätte mit unsichtbaren Dingen. Doch das hier ist selbst für viele Christen in Sachsen kaum zu glauben: Ihre Landeskirche fährt von Jahr zu Jahr neue Rekordeinnahmen ein – und gleichzeitig kürzt sie mit Verweis auf sinkende Mitgliederzahlen schon jetzt manchen Gemeinden faktisch Pfarrstellen.

Den vogtländischen Pfarrer und Krankenhausseelsorger Rainer Zaumseil plagt da schon lange ein Zweifel. »Theologen sind meist keine Mathematiker und wenn es um Millionen-Beträge geht, klinken sie sich aus«, hat er in seiner langjährigen Arbeit als Mitglied der Landessynode, in der er auch die Arbeitsgruppe zur Verwaltungsreform leitete, beobachtet. Er kritisiert, dass die Prognosen des Landeskirchenamtes nicht hinterfragt würden. Dass sie viel zu pessimistisch seien – und mit Frustration und Austritten einen Abwärtstrend erst in Gang brächten. »Seit 2003 nehme ich eine Ängstlichkeit wahr, die den Tatsachen nicht entspricht. Die Prognose des Landeskirchenamtes wirkt schon jetzt wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.«

Der Leubnitzer Pfarrer hat kurzerhand das Statistische Landesamt um eine Berechnung gebeten. Die Antwort: »Je nach Ansatz erhalten wir für das Jahr 2040 eine voraussichtliche Zahl von 490 000 bis 550 000 evangelischen Christen in Sachsen.« Das Konzept der Kirchenleitung »Kirche mit Hoffnung« sagt 416 000 Gemeindeglieder voraus.

Die staatlichen Statistiker aus Kamenz haben ihre Prognose aus zwei Elementen ermittelt: aus ihrer Vorausberechnung über die sächsische Gesamtbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten und mit einem je nach Geburtsjahr und Geschlecht konstanten Anteil der Evangelischen in ihr. »Doch die Mitglieder unserer Landeskirche sind im Durchschnitt viel älter als die Gesamtbevölkerung und die Taufzahlen sinken drastisch«, hält der Finanzdezernent der Landeskirche, Oberlandeskirchenrat Michael Klatt, den staatlichen Berechnungen entgegen. »Das ist in ihrem Modell nicht drin.«

Die Fakten zeigen einen Trend. Gab es im Jahr 2000 noch 6032 Taufen von Kindern bis zum 14. Lebensjahr, waren es 2015 noch 5140 – trotz steigender Geburtenzahlen. Zugleich aber konnte sich etwa 2011, als die Landeskirche mit einigem Aufwand das »Jahr der Taufe« ausgerufen hatte, die Entwicklung auch umkehren. Der Abwärtstrend ist offenbar kein Naturgesetz.

Das gilt ohnehin für die Einnahmen der Landeskirche. Vor elf Jahren sagte das Landeskirchenamt für 2017 einen stark gesunkenen Haushalt von 125 Millionen Euro voraus – tatsächlich wurden es dank blühender Wirtschaft und Steuern 100 Millionen Euro mehr. »Ein Strohfeuer, leider«, warnt der Finanzdezernent Michael Klatt.

Der vogtländische Pfarrer Rainer Zaumseil rät noch an einem anderen Punkt zum genaueren Hinsehen, bevor gekürzt wird. Wohin ist all das zusätzliche Geld geflossen? Um 55 Millionen Euro erhöhten sich die landeskirchlichen Einnahmen in den letzten zehn Jahren. Die kirchliche Sozialarbeit und Diakonie bekam davon nur 1,6 Millionen Euro ab – trotz stark steigender Kosten sank ihr Anteil an den Gesamtausgaben der Landeskirche. Auch anderen kirchlichen Einrichtungen geht es so. Dagegen wuchsen die Ausgaben für Leitung und Verwaltung von 12,9 Millionen Euro auf 19,4 Millionen Euro. Und um 40 Millionen Euro steigerte sich der Etat, aus dem vor allem das Personal für Gemeinden und Kirchenbezirke sowie Pensionen bezahlt werden.

Nach dem hohen AfD-Ergebnis bei der Bundestagswahl wird in der Politik gerade heftig über die gesellschaftlichen Folgen eines strengen Sparkurses diskutiert. Der galt vor kurzem noch als alternativlos.

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4 Lesermeinungen zu Kirche zu klein gehofft?
manuel schreibt:
20. Oktober 2017, 9:29

Ihr Artikel ist sehr interessant, sehr geehrter Herr Roth. Ich gehe freilich davon aus, dass das Statistische Landesamt ggf. künftige Austrittswellen nicht eingepreist hat, die es vermutlich aber immer mal geben wird, so dass die Zahlen um 2040 vermutlich auch nicht auf Landesamtshöhe liegen werden. Andererseits ist die finanzielle Entwicklung der letzten Jahre schon bemerkenswert.
Ich empfinde die Landeskirche mit ihren Prognosen trotzdem nicht als verantwortungslos. Manchmal gewinnt man ja den Eindruck, als ob die Landeskirche mit ihren Sparvorhaben den zahlenmäßigen Niedergang überhaupt erst geschaffen hat. Das stimmt doch so aber nicht.
Besonders spannend ist der vorletzte Absatz: "Der vogtländische Pfarrer RZ rät...."
Was ergibt das genaue Hinsehen? Nach Ihrer Darstellung folgendes:
Von 55 Mio Mehreinnahmen bekam die Diakonie und andere kirchliche Einrichtungen leider wenig, die Verwaltung wuchs um 6,5 Mio (= knapp 12% der Mehreinnahmen), und 40 Mio (= reichlich 70%) gingen an die Personalkosten für Gemeinden / Kirchenbezirke / Pensionen. Das ist doch ziemlich in Ordnung - zeigt es doch, dass die Landeskirche keineswegs blindwütig spart, sondern Mehreinnahmen zum größten Teil an die Basis weitergibt. Das finde ich ziemlich verantwortungsvoll. Sie nicht? Über den Anteil der Diakonie kann man reden - aber insgesamt ist das doch völlig in Ordnung. Oder? Es zeigt auch, dass das Gros der Einnahmen nicht in irgendwelchen basisfernen "anderen kirchlichen Einrichtungen" versickert, sondern dort landet, wo es hingehört - in die Gemeinden.

Britta schreibt:
20. Oktober 2017, 13:48

Vor allem sollte in der Kirche die frohe Botschaft und keine Parteipolitik verkündet werden. Denn ersteres erwarten gläubige Gemeindeglieder. Zudem irritiert es immer wieder, wenn die Kirche horrende Summen an kirchenfremde Zwecke verteilt, z.B. NGOs oder andere Glaubensrichtungen.
Und dann ist auch Gottvertrauen angebracht, bevor man mit den Zahlen jongliert. Unsere prächtigsten Kirchen wurden in einer Zeit erbaut, wo an die heutigen technischen Möglichkeiten nicht zu denken war und die Einwohnerzahl der entsprechenden Stadt vielleicht 5-10% der heutigen Einwohnerzahl entsprach. Natürlich waren es prozentual mehr Christen, aber unsere Vorfahren haben es mit Gottes Hilfe gestemmt, dann müßte es heute auch zu schaffen sein - natürlich mit Gottes Hilfe.
Ich hatte eine Predigt unseres Landesbischofs dazu gehört und fand sie trotz realistisch anmutender Zahlen gesund optimistisch.

Bettina Westfeld schreibt:
23. Oktober 2017, 8:30

Die Grafik über dem Artikel ist irreführend. Bei allen Überlegungen zu grundlegenden Strukturreformen ist nicht die Frage unser Problem, ob wir 500000 oder 415000 Gemeindeglieder sind. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, dass wir heute knapp 700000 Glieder in unserer sächsischen Landeskirche haben und diese Zahl bis 2040 nach den Prognosen auf 415000 Menschen sinken wird. Seit nunmehr 15 Jahren gibt das Landeskirchenamt Hochrechnungen auf die zu erwartende Gemeindegliederzahl ab, die leider immer am unteren Rand eingetroffen sind. Das hat meiner Ansicht nach nichts mit sich selbst erfüllenden Prophezeiungen zu tun. Vielmehr ist die Situation von großer Dynamik gekennzeichnet. Die Austrittswelle bei der Abgeltungssteuer war nicht vorherzusehen.
Eine große Aufgabe stellt sich für uns als Gemeindeglieder. Wir sollten vor allem in der Familien- und Kinderarbeit das Gespräch über das großartige Geschenk der Taufe stärker in den Mittelpunkt stellen.

Gert Flessing schreibt:
23. Oktober 2017, 9:22

"Hauptamtliches" Personal kostet Geld. Wer anderes vermutet, der irrt. Wer nicht bereit ist, dieses Geld zu zahlen, der muss damit rechnen, dass sich für die notwendige Arbeit, niemand findet, oder zumindest nur diejenigen, die anderswo keine Chance sehen.
Immer wieder höre ich, aus Pfarrerkreisen, man wäre doch nicht, wegen des Geldes Pfarrer geworden. Man sei einer Berufung gefolgt.
Schön recht. Aber wer, als Pfarrer, eine Familie hat und seine Familie versorgen möchte und seinen Kindern eine Zukunft ermöglichen will, der merkt sehr schnell, das er dafür Geld benötigt.
Es gibt Landeskirchen, die besolden großzügiger, als es Sachsen tut.
Man muss mehr für Pensionskosten aufbringen? Ja, das glaube ich gern. Das ist etwas, von dem auch ich mittlerweile profitiere.
Gehört das nicht zu dem, was einfach Teil der Verantwortung von Kirche ist, das man denen, die ihren Dienst getan haben (und oft noch immer tun), einen abgesicherten Lebensabend gibt?
Ich weiß nicht, ob Britta Recht hat, die beklagt, das wir, als Kirche irgend welche NGOs unterstützen. Ich weiß, das es auch bei "Kirchens" manche Bauvorhaben gibt, wie ein Zentralarchiv, die in ihrem Sinn ebenso zu hinterfragen sind, wie in der Höhe der Kosten. Die Erfahrung lehrt, dass, bei solchen Projekten schnell Kosten in die Höhe schießen und sich wunderbar vermehren.
Gewiss kann man auch da einsparen. Das würde ich sinnvoller finden, als es bei den Menschen tun zu wollen, die, in Treue ihren Dienst leisten.
Gert Flessing

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