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Mit dem Körper glauben

Sexualität: Die Bibelwoche widmet sich dem Hohelied – und stellt sich dem Lobpreis des Leibes und der körperlichen Liebe. Passen Glaube und Sex zusammen?
Stefan Seidel
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Die Vorstellung, man sitzt beisammen im altehrwürdigen Gemeinderaum und spricht über Leibeslust und Liebesspiel, ist mindestens ungewöhnlich. Doch genau dazu fordert die diesjährige Ökumenische Bibelwoche heraus. Denn sie thematisiert das alttestamentliche Hohelied Salomos. »Deine Brüste sind wie zwei Kitzen, Zwillinge einer Gazelle, die unter Lotusblumen weiden«, heißt es da in einem Lobpreis auf die schöne Freundin (Kapitel 4). Freilich kann man die Debatte abbiegen, indem man betont: hier wird eigentlich die Liebe zwischen Gott und seinem auserwählten Volk symbolisch besungen. Doch dürfte das dem Text nicht ganz gerecht werden – und wäre auch etwas langweilig.

Keine Frage: Das Christentum tut sich schwer mit der körperlichen Liebe, vielleicht mit dem Körper überhaupt. Es hat eine lange Geschichte der Lust- und Leibfeindlichkeit. Dennoch hütet die Bibel auch eine Weisheit über das körperliche Dasein des Menschen – und über die Liebe.

Wenn heute das Hohelied wieder gelesen wird, trifft es nicht auf eine sexualfeindliche Welt, sondern auf eine übersexualisierte. Die Nacktheit ist beinahe zur Norm geworden im Medien- und Reklamebetrieb – und die Pornographie zu einem regelrechten Massenphänomen.

Möglicherweise ist die dem Chri­stentum eingewobene Hemmung im Umgang mit Sexualität auch eine Chance: sie könnte eine verlorengegangene Scham und einen Respekt der Körper wieder entdecken helfen. Doch dazu müssten die Christen zunächst einmal selbst einen positiven Bezug zu ihrem Körper gewinnen. Der ersten Schritt dazu wäre das Ernstnehmen neuer Erkenntnisse über den Menschen – die sich mit biblischem Wissen treffen: dass der Mensch Kreatur und Natur ist. Das heißt: Wir haben nicht die Natur um uns herum, sondern sind sie selbst. »Ein gleicher Atem ist in allen«, heißt es in Kohelet 3. Das Kreatürliche, Tierliche, Naturhafte, Triebhafte in uns ist nichts Abzuspaltendes und Niederzuringendes, sondern eine Schöpfungswirklichkeit und Leibdimension, die unter dem göttlichen Schöpfungssegen steht. Das Neue Testament hat diesen Gedanken gekrönt, indem es von der Fleischwerdung Gottes berichtet: dass Gott die Leiblichkeit wählte, um zu erscheinen.

Diese Heiligung der Körper widerspricht jener Tradition, die das Göttliche vergeistigt hat – und die Sexualität problematisiert hat. Demgegenüber könnte der Gedanke des Paulus stark gemacht werden, dass unser Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist (1. Korinther 6). Gott ist gegenwärtig – in unserer Leiblichkeit. Jeder Körper hat somit eine unantastbare Würde. »Jeder Teil unseres Körpers ist unserem Gott heilig und wir verherrlichen nach Paulus Gott, indem wir den Leib in allen seinen Dimensionen heilig halten«, schreiben die Theologen Silvia Schroer und Thomas Staubli.

Heilig halten – das bedeutet, den Körper hoch zu achten, seiner Verdinglichung und Verwertung ebenso zu widerstehen wie seiner Beschädigung. Heilig halten kann dann aber auch heißen, ihn heil zu halten, also ganz: dass er in all seinen Regungen und Bedürfnissen auch gelebt, ausgedrückt und gefeiert wird. Das ist ein großes Ja auch zur Sexualität als Verwirklichung einer Schöpfungswahrheit. Und das ist ein klares Nein zu jeder Reduzierung auf einen respektlosen Umgang mit dem eigenen Körper und dem Körper anderer. In der körperlichen Resonanz kann etwas von Gott erfahren werden. Und in der liebenden Beziehung der Körper kann sich etwas von Gott ereignen. So wie es der Theologe Peter Schellenbaum einmal ausgedrückt hat: »In jeder wirklichen Hingabe ist ein Wittern des Grenzüberschreitenden, Zauberhaften, Ekstatischen, Rätselhaften und Wunderbaren: ein Wittern ›Gottes‹«.

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4 Lesermeinungen zu Mit dem Körper glauben
L. Schuster schreibt:
21. Februar 2018, 15:12

Ich finde die Bibel sehr unverständlicher was das Thema Sex betrifft und daher sollte das jeder für sich, vor allen mit Vernunft entscheiden. Schon die Fragestellung hier, ob Sex und Glaube zusammen passen finde ich fast wie lächerlich - natürlich kann es das.
Sex wird jedoch schon mit der Frage hier völlig überbewertet und hier dürfen wir, auch vernünftigerweise keinesfalls mitmachen.
(So ist diese heutige absurde, dümmliche Überbewertung von Sex schuld, es an den vielen Auseinanderleben, den vielen Singles und Jugendlichen mit psychischen Problemen)
Ich finde dieses Thema daher betreff Bibelwoche falsch gewählt, u.a. auch weil wir in dieser Woche generelle Antworten erwarten, die zu diesen Thema hier nicht gegeben werden können. Z. B. ist Sex vor der Ehe eine Sünde.

Noch ein Hinweis zur Bibel.
Ich habe mir jetzt die neue katholische Bibel (Jahresedition 2018 –Einheitsübersetzung) gekauft und finde sie viel besser zu lesen als unsere. Ich bin begeistert von dieser Bibel, denn sie ist auch verständlicher.
Von der Bibelwochen sollten daher auch ausgehen, dass unsere Luther-Bibel dahin gehende sich verbessert, wenn wir begeistert von ihr sein sollen.

Beobachter schreibt:
22. Februar 2018, 9:11

Da haben Sie sicher Recht, die neuen Lutherausgaben kann man ja kaum noch empfehlen!

Manfred schreibt:
22. Februar 2018, 11:42

Sehr geehrter Herr Schuster, nennt diese neue Bibel sich Jahresedition 2018 –Einheitsübersetzung?
Ich würde mir auch gern eine Neue kaufen.
Danke für eine Information.
Manfred

Gert Flessing schreibt:
22. Februar 2018, 10:00

Sex ist nie eine Sünde. Vorausgesetzt, es ist Liebe, die ihre höchste und tiefste Erfüllung in der Sexualität findet.
Ansonsten ist Sex nichts. "Der Austausch von Körperflüssigkeiten", wie ich irgendwo mal las.
Aber wo Sexualität in Liebe gelebt wird, ist sie eines der wertvollsten Geschenke, die Gott uns machte.
Warum also sollte man sich scheuen, darüber in der Gemeinde zu reden?
Das Hohelied besingt, in dem es die Körperlichkeit und das Begehren und Erfüllen besingt, nichts anderes, als die Liebe und, wie es Johannes schrieb, lebt der, der in der Liebe lebt, in Gott und Gott in ihm.
Ich bin davon überzeugt, dass dieses Thema hoch interessant ist und wir es, in einer Bibelwoche, in seiner Tiefe kaum ausschöpfen können.
Gert Flessing

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