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»Herr, dies ist mein Psalm«

Literatur: Der Dichter Uwe Kolbe überrascht mit seinem neuen Buch. Es heißt »Psalmen«. Er sucht darin das Gespräch mit Gott, obwohl er nicht mit ihm aufwachsen durfte.
Von Stefan Seidel
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Einsamer Psalmbeter: Uwe Kolbe hat die Form der biblischen Psalmen entdeckt und ein Buch mit eigenen Psalmgebeten geschrieben. © Foto: Gaby Gerster

Selten wird der normale Literaturbetrieb unterbrochen von der Religion. Selten schleicht sich eine Glaubenssprache in die Bücher, die jedes Frühjahr und jeden Herbst über die Buchmessen gejagt werden. Gelinde gesagt, fremdeln die meisten Gegenwartsautoren mit der Frage nach Gott. Gemeinhin wird sich an das Bonmot Ludwig Wittgensteins gehalten: »Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.« Meistens aber dürfte die Wahrheit einfacher sein: Die Gottesfrage hat sich im Leben der meisten Zeitgenossen so weit verflüchtigt, dass es auch keinen Anlass zu geben scheint, sich darauf einen Reim in Form von Lyrik oder Prosa machen zu müssen. Und wenn Gott dennoch einmal zu Buche schlägt, dann steht das schnell unter Ideologieverdacht: Will der Autor den Leser etwa durch die Hintertür der Kunst missionieren, bepredigen oder belehren?

Umso auffallender ist es, wenn es dennoch ein renommierter Gegenwartsschriftsteller wagt, Gott in die Mitte eines Buches zu stellen. So geschehen im letzten Jahr mit Uwe Kolbe. Der 60-jährige Dichter zählt zur Speerspitze deutscher Gegenwartslyrik, hat zahllose Literaturpreise gewonnen und war eigentlich schon angekommen – auf der Höhe seiner Dichtkunst, im Erfolg, im Literaturbetrieb. Doch mit seinem neuen Gedichtband erfindet er sich gewissermaßen noch einmal neu – als moderner Gottesdichter.

»Psalmen« hat Kolbe sein neues Buch genannt. Und es sind tatsächlich heutige Psalmgebete, die sich – mal mehr, mal weniger – an das biblische Original anlehnen und Sprachversuche im Angesicht des Höchsten sind. Ist Uwe Kolbe plötzlich fromm geworden? Darüber rätseln seit Monaten die deutschen Feuilletons.

Dabei hat Kolbe selbst versucht, diese Frage in seinem Geleitwort zu beantworten – soweit das eben geht. Darin bezeichnet er seine Psalmen als »Ansprache dessen, der Gott traf, an ihn, an Gott in seinen tausend Gewändern.« Doch es wird schon deutlich, dass es die Gottesannäherung nicht in einer ungebrochenen Weise gibt. Unter seinen Psalmen seien »keine von der sicheren Seite gesprochen«, heißt es. Vielmehr seien es »Psalmen eines Heiden, der Gott verpasste, weil keiner bei dem Kinde ging, der sagte, hörst du die Stimme?«

Kolbe betrachtet sich als ein Nachzügler in Glaubensdingen, vielleicht sogar als ein Zu-Spät-Gekommener. 1957 in Ost-Berlin geboren, gehört er zu jener ersten DDR-Generation, die ideologiebedingt von der christlichen Glaubenstradition abgeschnitten wurde. Doch Kolbe deutet an, dass das Göttliche ihn dennoch früh gepackt hat, er es aber lange verschwiegen habe: »Irgendwann schrieb ich Gedichte. Und all das Schweigen in dem, was ich schrieb, das darin Verschwiegene, das allerdings immer damit Gesagte – glaube es oder glaube es nicht – galt von Anfang an dem größeren Gegenüber«, so Kolbe im Geleitwort. Doch weil er seine Poesie verraten habe »an die banale Zeit«, »an jede Menge lachhafter Figuren« sieht er sich als ein Verräter. »Die Liebe, die Hand fasste ins Leere.«

Seine nun vorgelegten »Psalmen« seien deshalb »Ketzer-Psalmen«, weil er den Kinderglauben verraten habe. Das klingt nach Reue, nach Bedauern darüber, bislang nicht offener Gott in den Gedichten angesprochen und ausgesprochen zu haben. Es klingt nach der Verleugnung des Petrus. Oder aber einfach nach einem Lebensweg innerhalb der Wirren des letzten halben Jahrhunderts. Nach der jahrzehntelang geformten schmerzhaften Erkenntnis: »Das Lied ohne Gott ist tonlos, / es langweilt sich bei sich selbst.« Doch die Geschichte geht weiter. Uwe Kolbe hat sich aufgemacht, ein heutiger Psalmdichter zu werden. »Das Lied ohne dich ist tonlos, / Herr, dies ist mein Psalm.«

Kolbe wird zu einem Autor, der nicht nur nach den Spuren und Bildern Gottes in dieser Welt tastet. Sondern auch zu einem, der die Anrede Gottes wieder wagt, der fleht. »Noch singe ich nicht, / ein Stammler der Liebe, / ich bitte dich, lasse / mich sehen den Weg / und singen dein Lied«, heißt es im »Morgenpsalm«. Jene flehenden Verse sind dabei die stärksten im ganzen Buch: »Lass nur den Weg mich, der noch bleibt, / an deiner Hand zu Ende gehen.«

Uwe Kolbe, der versierte und brillante Wortkünstler, bekennt in seinen »Psalmen«, dass die alten Worte und Formen der Bibel eine bleibende Bedeutung haben. Um wirklich zu Gott zu reden, brauchte er den Anschluss an die Tradition, erläuterte er bei einer Gesprächs-Lesung mit dem EKD-Kulturbeauftragten Johann Hinrich Claussen in der »Zeitzeichen«-Redaktion in Berlin: »Meine Psalmen sind nah dran an der Geste und Haltung der ursprünglichen Psalmen. Ich brauche die Geste, die Anrede, ich muss ›Herr‹ sagen, sonst geht das nicht.« Gleichzeitig betet er aber nicht bloß alte Worte nach, sondern trägt sich selbst ein. »Ich gestehe, ich bin in meinen Gedichten anwesend«, bekennt er schmunzelnd. Seine »Psalmen« seien »Zeugengedichte«.

Doch wie stieß der atheistisch aufgewachsene Kolbe überhaupt auf die verschüttete biblische Tradition? »Ich bin bibelfrei groß geworden und musste mir im Alter von zwölf Jahren erst einmal eine Bibel erwerben«, erinnert er sich. Zunächst wollte er dabei nur die Geschichten hinter den berühmten Gemälden der Kunstgeschichte kennenlernen. Doch dann geriet er in den Sog der biblischen Sprache. »Die Sprache hat mich beeindruckt, hat mich angefasst, aber nur deshalb, weil hinter dieser Sprache etwas war, ein existenzieller Anspruch, etwas, das nicht in Religion aufgeht.« Der Nachhall dieser Wort-Begegnung mit dem Göttlichen fand sich dann auch in seiner eigenen Dichtung – aber eben versteckt, wie er sagt. Mit seinem »Psalmen«-Buch beugt sich Kolbe nun weit aus dem Fenster und zeigt sich als einer, der am »Tropf der Bibelworte« (Eva Zeller) hängt. Als einer, der bezeugt, dass Wesentliches fehlt, wenn Gott fehlt. Dass Wesentliches fehlt, wenn der Mensch nicht zu einem Gespräch findet mit etwas, das ihn übersteigt.

Und dennoch lässt sich Kolbe nicht vereinnahmen. Er zeigt sich  – und bleibt ein Einzelner. Er zeigt sein Tasten nach Gott, sein Flehen. Und er verleiht damit Worte – wie es einst die Psalmisten taten. Und wie es wohl die großen Dichter durch die Jahrhunderte alle taten. Deshalb sieht sich Kolbe auch in einer Reihe anderer moderner Psalmisten, wie etwa Georg Trakl, Stefan George, Else Lasker-Schüler, Wolfgang Hilbig, Ezra Pound. Gedichte von diesen Dichtern las Kolbe auch während seiner eigenen »Psalmen«-Lesung in Berlin. Und er schloss diesen Abend mit den Worten: »Das ist die Hoffnung, dass man zu diesem Chor der einsamen Psalmdichter gehört.«

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1 Lesermeinungen zu »Herr, dies ist mein Psalm«
Gert Flessing schreibt:
16. März 2018, 10:00

Manchmal frage ich mich, ob denn in der kirchlichen Medienlandschaft überhaupt nach "christlichen" Dichtern unserer Tage gesucht wird.
Aber es mag wirklich daran liegen, das man sehr schnell ideologieverdächtig wirkt oder einfach nicht "zeitgemäß" erscheint.
Schön, das sich dann doch hin und wieder mal einer wagt, das zu ignorieren und etwas bietet, was neu ist.
Gert Flessing

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