Meine Zeit in Gottes Hand

Johannistag: Auf der Höhe des Jahres soll auf das Ziel der Zeit geblickt werden: Das Ende ist nicht das Ende, sondern Christus setzt einen neuen Anfang. Gelingt dadurch ein bewussterer Umgang mit Zeit?
Von Stefan Seidel
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Es ist Halbzeit. Nein, nicht im Fußballspiel, sondern im Jahreslauf. Der Johannistag markiert die Mitte des Jahres. Wenn die Tage am längsten und die Nächte am kürzesten sind, soll innegehalten werden. Auf der Höhe der Zeit erkennt man die lange Strecke, die vergangen ist. Und am Horizont kommt das Ende in den Blick.

In gewisser Weise stellt der Johannistag die »Midlife Crisis« (»Krise der Lebensmitte«) des Kirchenjahres dar: mitten in der Blüte des Lebens soll der Vergänglichkeit gedacht werden. Die Tage sind gezählt. »Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.« Doch blickt heute ein Mensch in der Blüte seiner Jahre auf das Ende, ist die Krise näher als die Lebensklugheit. Es ist ein geradzu typisches Krankheitsbild geworden, dass der Mensch in seiner Lebensmitte nicht ganz auf der Höhe ist. Denn ihm wird klar: die Zeit verrinnt – noch ein, zwei größere Schritte nach vorn und das Spiel des Lebens ist vorbei. Zu den Symptomen der »Midlife Crisis« zählen laut Lexikon »Grübeleien, innere Unsicherheit, Unzufriedenheit mit dem bisher Erreichten«. Grenzen kommen in den Blick – und die Frage: worauf kommt es eigentlich an? Lebe ich richtig?

In diesen turbulenten Zeiten ist es schwer innezuhalten. Wir leben in einem Zeitalter der Beschleunigung, dessen Atemlosigkeit alle und alles erfasst. In die große Maxime der Zeit – »höher, schneller, weiter, mehr« – scheint jeder Einzelne auf seine Weise hineingenommen. Wie Gejagte erscheinen viele, wenn sie ungeduldig in der Warteschlange zappeln müssen oder sich mit Aufputschgetränken auf Trab halten. »Die heutige Zeitkrise hängt nicht zuletzt mit der Absolutsetzung der vita activa zusammen«, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Buch »Duft der Zeit«. Es herrsche ein Imperativ zur Arbeit, der den Menschen zum animal laborans (arbeitenden Tier) degradiere. Verlorengegangen seien dabei Zeiten der Kontemplation, des Innehaltens. Die viel beschworene »Entschleunigung« stellt sich nicht mehr von selbst ein. In atemlosen Zeiten fehlt die Zeit zum Atemholen. Die Bibel möchte aber genau dazu einladen. Sie weiß: Alles hat seine Zeit. Und sie kündet vom wöchentlichen Ruhetag als Gottesgesetz und Gottesgeschenk. Denn es ist so, wie der Philosoph Byung-Chul Han schreibt: »Wo die Zeit jeden Rhythmus verliert, wo sie halt- und richtungslos ins Offene verfließt, verschwindet auch jede rechte oder gute Zeit.«

Der Johannistag könnte solch eine heilsame Unterbrechung sein. Er entschleunigt den Jahreslauf, indem er auf das Jenseits der Zeit blickt, auf den, der zu uns kommt, wenn wir einmal gehen. Der Puls der Zeit wird auf Gott ausgerichtet – und der ewigen Hast entzogen. Der Johannistag ist ein Medikament gegen die »Midlife Crisis«. Denn er lädt dazu ein, die Zeit nicht als verrinnende Zeit zu verstehen, sondern als eine von Gott gehaltene Zeit: Bei ihm liegen Ursprung und Ziel. Und die vergängliche Zeit hat teil an seiner Ewigkeit.

Mit dem auf Christus verweisenden Johannes der Täufer, dessen an diesem Tag gedacht wird, sollen wir ein Vertrauen auf die biblischen Zusagen einüben: dass meine Zeit in Gottes Händen steht und sein Reich kommt. Dass die Lebenszeit nicht auf das große Ende zuläuft, sondern auf ihre Vollendung – die Verwandlung in die Ewigkeit.

Sterben sei heute schwieriger denn je, bemerkt Byung-Chul Han. Denn in unserer Zeit werde damit gerechnet, dass nichts den Tod überdauert. »Der Tod setzt dem Leben als richtungslos fortlaufende Gegenwart ein Ende, und zwar zur Unzeit.« Christus, der in der Mitte des Jahres zur Mitte jedes Menschen werden möchte, gibt dagegen unserer Zeit ihre verloren gegangene Tiefendimension zurück – und die entscheidende Hoffnung, die alle Zeit übersteigt. Und die gleichzeitig gelassen und erfüllt leben lässt.

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