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Nicht lebenswert?

Von Renate Haller
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Seit 2012 gibt es einen Bluttest für Schwangere, der relativ sicher Auskunft darüber geben kann, ob das Kind im Mutterleib eine Trisomie 21 hat, ein Down-Syndrom. Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen prüft derzeit, ob dieser Test zur Kassenleistung werden soll. Zehn Bundestagsabgeordnete fordern eine ethische Debatte darüber.

Der sogenannte Praena-Test sei dazu da, behindertes Leben zu selektieren, warnen die Gegner. Befürworter argumentieren zum einen mit dem Recht auf Selbstbestimmung der Frauen. Zum anderen könnten sich betroffene Eltern bei frühzeitigem Wissen über einen Gendefekt früh informieren, welche medizinische Hilfen bei Schwangerschaft und Geburt notwendig sind.

Beide Seiten haben Recht. Es gibt in Deutschland keine Statistik darüber, wie viele Kinder mit Down-Syndrom zur Welt kommen und wie viele Schwangerschaften nach entsprechender Diagnose abgebrochen werden. Allgemein verbreitet ist die Zahl von neun Abbrüchen bei zehn Diagnosen. Aber das ist eine Schätzung. Es ist durchaus zu befürchten, dass diese Zahl bei einer Reihenuntersuchung weiter steigen wird.

Es ist verständlich, dass Eltern eine große Sehnsucht nach Sicherheit haben und sich ein gesundes Kind wünschen. Aber es gibt eine große Vielfalt von Leben. Wer die Akzeptanz dafür stärken möchte, muss werdenden Eltern das Gefühl geben, im Falle einer Gendefekt-Diagnose nicht allein zu sein, vor allem auch dann nicht, wenn sie sich für das Kind entscheiden.

Der Test an sich ist also nicht das eigentliche Problem, sondern der Gedanke, dass behindertes Leben nicht lebenswert ist. Die Forderung der zehn Bundestagsabgeordneten nach einer ethischen Debatte kommt spät. Aber nicht zu spät.

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17 Lesermeinungen zu Nicht lebenswert?
Britta schreibt:
08. August 2018, 15:06

Ich finde diese Diskussion bigott, solange Leute, die überall ihr "Superchristentum" herausstreichen, Tötungen ungeborener Kinder, vulgo Abtreibungen, als "Selbstbestimmungsrecht der Frau" ansehen - immerhin wird ja nach offiziellen Zahlen jedes 7. Kind hier abgetrieben. Das sind diesselben Leute, die sich nicht vorstellen können, daß man die Betreuung und Pflege der Eltern im Alter auch selbst übernehmen könnte, gemäß dem Gebot im Dekalog.
So ein Test ändert nicht die Gesellschaft: zuerst muß das Bewußtsein wieder entstehen, daß Abtreibungen Tötung sind und daß ich als Frau einen Teil von mir selbst umbringen würde, wenn ich mein Kind abtreiben würde. Solange alles dafür getan wird, daß Abtreibung als gesellschaftliche Normalität im Bewußtsein der Bevölkerung verankert wird, ist die obige Diskussion sinnlos.

Marcel Schneider schreibt:
10. August 2018, 20:58

Nun möchte ich auf den Kommentar antworten und beginne mit Grüßen von meiner Frau an Sie. Meine Gattin ist Humangenetikerin in einer Arztpraxis und hat täglich mit dem Thema Abtreibung zu tun.
Ich denke, wir sollten beim Thema Abtreibung zwei Gruppen aus der Diskussion ausklammern: die mit kriminologischer Indikation (Schwanger nach Vergewaltigung) und die mit medizinischer Indikation (Mutter oder Kind schwer krank).
Bleibt noch die Gruppe der Frauen übrig, die das Kind nicht wollen, weil sie vom Mann sitzengelassen wurden, weil sie gerade in Ausbildung sind, weil es nicht in die Lebensplanung passt. Hier könnte man ansetzen und sagen: wie kann man die Frauen besser unterstützen? Wie kinderfreundlich ist unser Land? Warum wird Frauen, wenn sie aus der Elternzeit zurückkehren, gekündigt? Warum werden Frauen, die bei der Kette H&M arbeiten und dem Arbeitgeber die Schwangerschaft melden, rausgemobbt? Warum hatte Deutschland 2015 die niedrigste Geburtenrate der Welt, trotz immenser Familienleistungen?
Was muss sich in unserem Land ändern, damit Frauen gerne Kinder bekommen? Ich denke, so wird ein Schuh draus.

Gert Flessing schreibt:
11. August 2018, 19:44

Lieber Herr Schneider,
ein Land, in dem sich Anwohner über spielende Kinder aufregen, ein Land, in dem Kinder, im Hotel, beim Frühstück, von anderen Hotelgästen als Grund zur Preisminderung angesehen werden, ist nicht kinderfreundlich.
Ein Land, in dem Schwangerschaftsabbruch als nachträgliche Verhütung betrachtet wird und weiterhin fröhlich, von Kampfemanzen, betont wird: "Mein Bauch gehört mir" und das von bestimmten politischen Gruppierungen, aufgegriffen und verstärkt wird, ist nicht kinderfreundlich.
Eine junge Frau, die in der Ausbildung ist, sollte genügend Verhütungsmöglichkeiten, von Pille, bis Spirale, kennen. Was lernen die jungen Leute denn in "Sexualkunde"?
Die jungen Männer sollten auch gelernt haben, dass man den Gummischutz nicht nur über Bananen ziehen kann.
Verhütung geht beide Teile einer Beziehung an.
Vor sehr vielen Jahren habe ich mir geholfen, KALEB zu gründen. Da ging es vor allem auch darum, wie man jungen Frauen helfen kann, zu ihrem ungeborenen Kind Ja zu sagen, auch dann, wenn ihre Umwelt dem ablehnend gegenüber seht.
Was H&M anbelangt, wäre zu fragen, was die Gewerkschaft dazu sagt. Aber vielleicht gehören deren Vertreter auch zu denen, die Abtreibung für eine gute Möglichkeit halten? Jedenfalls habe ich nicht gehört, das Gewerkschafsvertreter m "Marsch des Lebens" teilgenommen haben.
Ich glaube, es müsste vieles geschehen, damit Frauen, in unserem Land, gern Kinder bekommen und sie gut und liebevoll aufwachsen lassen können.
Gert Flessing

Britta schreibt:
11. August 2018, 19:49

Herzliche Grüße an Ihre Frau zurück - ich bin Ärztin und betreibe eine Arztpraxis und habe somit auch mit dem Thema zu tun. Die Fälle Vergewaltigung/medizinische Indikation liegen im unteren einstelligen Prozentbereich. Bei allem anderen ist es unsere Gesellschaft, die Abtreibung zunehmend als Normalität hinstellt. Es begann mit den sog. Emanzen (wo sind die - ausgenommen A. Schwarzer - beim Thema Frauenrechte im Islam?) und dem Spiegeltitelblatt anfang der 70er, wo mehr oder weniger prominente Frauen selbstbewußt herausposaunten "Wir haben abgetrieben" (so daß Lieschen Müller denken mußte, daß es ein Kennzeichen der Reichen und Schönen sei, derart mit ihrem Nachwuchs umzugehen) bis hin zu der Forderung, für Abtreibung werben zu dürfen oder solchen Auswüchsen, wie neulich von einer Hinterbänklerin aus einem bestimmten politischen Spektrum zu vernehmen, daß die Frauen hier gefälligst gar keine Kinder mehr zu kriegen hätten - wegen des Klimaschutzes. (Derartiges Ansinnen gab es schon aus dem Ausland in Form des Vorschlages einer aprämie, wenn die europäische Frau mit 50 kinderlos wäre) Dazu die Kirchen (z.B. Landeskirche Berlin-BB-schlesische Oberlausitz), die den "Marsch für das Leben" offen ablehnen und sich mit dem AntiFa-Spektrum gemein machen, die diese Demonstration als Stimme für die, die in unserer Gesellschaft gar keine Stimme haben, als "Nazi" und sonstwas bekämpfen. (Dabei ist es ja immer wieder erstaunlich, für was man hierzulande Nazi oder rechtsextrem - ein Anachronismus an sich, ist). Auch Sie sehen ja, wie in einem anderen Thread von Ihnen erwähnt, Abtreibung als Selbstbestimmungsrecht der Frau. Hat also das ungeborene Kind keine Rechte? Sie sind doch derjenige, der bei jeder Gelegenheit seine guten Taten betont und bei anderen das Christsein anzweifelt. Finden Sie Abtreibungen wirklich in Christi Sinne? Sehen Sie denn nicht, wohin das führt? Da freue ich mich, daß unser Landesbischof, Herr Dr. Rentzing, neulich klare Worte zum Thema fand.
Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem: es soll normal sein, seine alten Eltern von Fremden pflegen zu lassen (ebenfalls Ihr Standpunkt), es ist normal, seine ungeborenen Kinder zu töten, es ist normal Ehe zu brechen, man läßt sich einreden, daß das Geschlecht anerzogen sei (Ihre Frau als Genetikerin müßte es besser wissen, und der Fall Bruce/Brenda Reimers hat der Welt die Gefahr dieser Gender-Irrlehren vor Augen geführt), Kinder sollen immer früher mit allen Spiel- und Abarten menschlicher Sexualität konfrontiert werden, obwohl schon Freud schreibt, daß frühsexualisierte Kinder nicht mehr erziehungsfähig sind, man opfert letztlich gewachsene Gemeinschaften dem Multikultiwahn und sieht nicht, wem man damit einen Gefallen tut (das (in allen Beziehungen) heimat - und haltlose Individuum ist der ideale Globale Arbeitssklave.
Deshalb, ja, für das Bewußtsein des Ja zum eigenen Kind muß in diesem Land mehr getan werden. Als Selbständige hatte ich für jedes Kind ca. 3 Wochen Mutterschutz, kein Beschäftigungsverbot etc. Es ging auch!
Das Bewußtsein der Abnormalität der Tötung des eigenen Nachwuchses muß wieder gefördert werden, das ist zunächst der Kernpunkt - da vermisse ich um Großen und Ganzen die Kirche! Dann muß es natürlich Unterstützung für Alleinerziehende, Geringverdiener etc. mit Kindern geben. Es darf nicht die Überlegung geben, kann ich mir noch ein Kind leisten. Die Abgabenlasten für Familien mit Kindern müssen deutlich sinken. Da die Steuereinnahmen sprudeln, sollte endlich einmal etwas dafür getan werden. Denn unsere Politik scheint die Gier nach deutschen Steuergelder in aller Welt mit Wertschätzung zu verwechseln.

Marcel Schneider schreibt:
13. August 2018, 8:05

Hallo Britta,
danke für Ihre Nachricht.
Ich habe das schon durch die Blume verstanden, dass Sie mich meinen mit den Leuten, die ständig ihr Superchristentum herauskehren.
Darauf muss ich Ihnen antworten, dass ich mich eher als schlechter Christ fühle. Ich grüble oft darüber nach, ob ich Gottes Willen tue. Ich denke, dass ich nicht so bin, wie Gott mich haben will und ich noch einen weiten Weg mit Gott vor mir habe. Eher zermartere ich mich selbst, als dass ich mich für einen Superchristen halte.
Was mir aber wichtig ist: mich für andere Menschen einsetzen, ihnen Gehör verschaffen, anderen Menschen dienen. In jedem Menschen, der mir begegnet, Gottes Ebenbild zu sehen.
Ein profanes Beispiel: wir kamen abends nach Hause und wollten mit dem Fahrstuhl in unsere Wohnung fahren. Nun hatte sich wohl im Laufe des Tages jemand in den Fahrstuhl übergeben. Keiner nutzte mehr seitdem den Fahrstuhl, weil es roch und es keiner wegmachen wollte. Ignoranz pur.
Na und mir war klar: ich hole jetzt Handschuhe und wische den Fahrstuhl, was sonst? Und bin ich deswegen nun ein Superchrist? Ich denke nicht.

Britta schreibt:
13. August 2018, 17:12

Lieber Herr Schneider,
die Situationen, die Sie schildern, erlebt m.E. jeder in ähnlicher Weise und es ist für mich als Christ auch ohne Worte selbstverständlich, da so zu handeln, wie Sie es mitunter beschreiben. Daß Zweifel sehr wohl auch zum Christsein gehören, halte ich für ebenso selbstverständlich. Vielleicht ein paar kleine Punkte, wo wir auf einen gemeinsamen Nenner kommen.
Jedoch Ihre geschilderte Haltung zu Abtreibung und Altenpflege kann ich aus christlicher Sicht nicht nachvollziehen, diese Themen betrüben mich sehr. Denn ist so ein Ungeborenes nicht auch Gottes Ebenbild und verdient es nicht auch, daß man sich dafür einsetzt, ihm Gehör verschafft, wo es doch nicht schreien kann? Ist das nicht vor allem anderen unsere Christenpflicht? Da kann ich nicht akzeptieren, daß dies abgelehnt wird, nur weil es womöglich im Programm der AfD steht.

Marcel Schneider schreibt:
13. August 2018, 21:36

Hallo Britta,
zur Sache mit der Elternpflege im Alter: hier liegt ein Missverständnis vor. Meine Eltern leben nicht mehr. Sie sind gestorben, als ich ein Baby war.
Ja, ich würde meine Eltern selber pflegen und nie in ein Heim geben.
Mit meinem Kommentar meinte ich: gut ausgebildete Flüchtlinge könnten den Mangel an Fachkräften in der Pflege schließen. Und wenn sich irgendjemand (nicht Sie!) vehement gegen Flüchtlinge einsetzt, dann kann sein, dass er, wenn er alt ist und ins Heim muss, weil die Kinder weit weg wohnen oder er Pflegegrad 5 hat, im Heim unter dem Fachkräftemangel wird leiden müssen, der vermeidbar gewesen wäre.
So meine Theorie.

Marcel Schneider schreibt:
13. August 2018, 17:47

Vielleicht noch etwas Persönliches: wir möchten noch ein drittes Kind. Sollte sich beim Ersttrimesterscreening herausstellen, dass es Down-Syndrom hat, nehmen wir es natürlich, so, wie es ist.

Marcel Schneider schreibt:
13. August 2018, 20:29

Es gibt viele Gründe, warum Frauen sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Häufig liegt es an ihrer ökonomisch unsicheren Situation. Im Vergleich zu Männern bekommen Frauen doppelt so häufig einen Niedriglohn. Allein ist damit ein Kind einfach nicht finanzierbar und bedeutet für die Frau, sich entweder von ihrem Partner oder vom Staat abhängig zu machen. Hinzu kommt nicht selten, dass Frauen von häuslicher Gewalt betroffen sind, psychisch oder körperlich von ihrem Partner oder Ehemann misshandelt werden. Oder gar durch eine Vergewaltigung schwanger wurden.
Ein striktes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen würde aber nicht dazu führen, dass tatsächlich weniger Abbrüche vorgenommen würden. Vielmehr würden diese dann auf illegale Weise, in irgendwelchen Hinterzimmern durchgeführt. Das bedeutet für die Frauen ein enormes gesundheitliches Risiko und kann sogar zum Tod führen. 
Was wiegt schwerer: Der Schutz des ungeborenen Lebens - oder das Recht der Mutter, über ihren Körper selbst zu bestimmen? Ich glaube, eine richtige Antwort wird man auf diese schwierige ethische Frage nicht finden.

Britta schreibt:
13. August 2018, 22:17

Deshalb, lieber Herr Schneider, betone ich regelmäßig, daß die Veränderungen primär am Bewußtsein ansetzen müssen: es muß den Frauen bewußt gemacht werden, daß sie mit ihrem Kind einen Teil von sich töten, daß es ein Mensch ist, der getötet wird - nämlich der, der der Frau am nächsten stehen würde. Es muß klar sein, daß der Schwangerschaftsabbruch keine Fortsetzung der Familienplanung/Verhütung sein kann und daß es keineswegs ein trotziges "Selbstbestimmungsrecht" ist. Und das muß unabhängig von irgendwelchen politischen Ansichten klar sein. DAS ist eben ein wahres Betätigungsfeld für die Kirche, die aber eben leider kaum klar Position dazu bezieht. Zu DDR-Zeiten wurden wir jungen Christen noch in der Kirche über Schwangerschaftsabbrüche aufgeklärt, da gab es z.B. "Das Tagebuch der Ungeborenen" usw.
Und ja, auch wir waren uns einig, daß bei dem Verdacht auf eine Behinderung in der Pränatalphase eine Abtreibung keinesfalls in Frage gekommen wäre, denn es ist ja trotzdem unser Kind, das uns geschenkt wurde.

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