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Spuren der Schuld

Völkisch: Ein neues Buch zeigt die Wurzeln der »Deutschen Christen« – sie liegen im sächsisch-thüringischen Wieratal. Und sind kaum bekannt. Die völkische Versuchung war damals groß – und blieb in der Kirche lange unaufgearbeitet.
Von Matthias Caffier
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Spurensucher: Joachim Krause der frühere Umweltbeauftragte der Landeskirche hat das Buch »Im Glauben an Gott und Hitler« geschrieben. © Foto: Wiegand Sturm

Im ostthüringischen Wieratal, nahe Meerane, entstand vor rund 90 Jahren eine kirchenpolitische Bewegung, die nach 1933 deutschlandweit Bedeutung erlangte: die »Deutschen Christen«. Deren Spuren hat der sächsische Theologe und frühere Umweltbeauftragte der Landeskirche, Joachim Krause, sorgfältig verfolgt und recherchiert und in dem Buch »Im Glauben an Gott und Hitler. Die »Deutschen Christen« aus dem Wieratal und ihr Siegeszug ins Reich von 1928 bis 1945« veröffentlicht.

Er wollte herauszufinden, »wie die Menschen im Wieratal die Zeit von 1933 bis 1945 erlebten (…), wo und wie sie beteiligt gewesen [waren]«. Dabei nimmt die Wiedergabe von Dokumenten, die für sich sprechen, breiten Raum ein.

Die Geburt dieser Bewegung ist eng mit zwei befreundeten jungen Pfarrern aus Bayern verbunden: Siegfried Leffler und Julius Leutheuser (beide Jahrgang 1900). Sie kamen 1927 nach Thüringen in die Kirchgemeinden Niederwiera und Flemmingen, traten zwei Jahre später in die NSDAP ein und verstanden es, die Jugend, die Lehrer und die Bauern ihrer Dörfer in wenigen Jahren für den Nationalsozialismus und die von ihnen ins Leben gerufene Bewegung der »Deutschen Chri­sten« zu begeistern. Ihr Credo: Eine erstrebenswerte »Synthese zwischen Nationalsozialismus und Christentum« (Leffler).

Anfang der 1930er Jahre entstanden auch an anderen Orten in Deutschland ähnliche Gruppierungen mit der Bezeichnung »Deutsche Christen«. Die Thüringer Organisation aber »entwickelte sich in den Jahren 1933 bis 1939 zur reichsweit führenden Kraft«, zitiert Krause einen Historiker und erinnert daran, dass die »Deutschen Christen« durch die Übernahme des Arierparagraphen in die Kirchenverfassung den »Kirchenkampf« mit anderen Gruppierungen innerhalb der evangelischen Kirche auslösten.

In kürzester Zeit änderten sich so die innerkirchlichen Mehrheitsverhältnisse drastisch zugunsten der »Deutschen Christen«. Deren beide Vorkämpfer, die Pfarrer aus dem Wieratal, machen dabei schnell (Partei)-Karriere: Julius Leutheuser ist seit 1937 stellvertretender Leiter der »Kirchenbewegung Deutsche Christen« und dort zuständig für Propaganda; 1942 fällt er in Stalingrad. Siegfried Leffler wird 1939 Leiter des eigens gegründeten »Entjudungsinstitutes« in der Lutherstadt Eisenach. 1945 wird er verhaftet und für drei Jahre in Ludwigsburg interniert, legt ein Schuldbekenntnis ab und kehrt danach in den Dienst der bayerischen evangelischen Kirche zurück.

Joachim Krause hält diese zweite Chance für problematisch, genau wie bei anderen thüringischen »deutsch-christlichen« Pfarrern, mit denen ähnlich verfahren wurde.

In Thüringens Kirche gab es während der NS-Zeit nicht nur die »Deutschen Christen«; das zeigte sich unter anderem bei den Kirchenwahlen Anfang der 1930er Jahre, bei denen auch andere Kirchenparteien beziehungsweise Wahllisten antraten. Als innerkirchlicher Gegner dominierend wurde die »Bekennende Kirche« (BK), von der Krause ein differenziertes Bild skizziert: Die BK sei bei weitem nicht so einheitlich und stark gewesen, wie sie bis heute wahrgenommen wird. Um Relationen sichtbar zu machen, nennt der Autor folgende Zahlen: »Eine Schätzung aus dem Jahr 1935 ergibt bei einem Bestand von 700 (Thüringer) Pfarrern im Amt 300 Mitglieder der ›Deutschen Christen‹, 160 der ›Bekennenden Kirche‹, 150 des ›Wittenberger Bundes‹, 90 neutral.« Für die Zeit der Kriegsjahre 1939 bis 1945 konstatiert Joachim Krause ein faktisches Ende des »Kirchenkampfes«, zumal das NS-Regime damals »an einem Burgfrieden mit den Kirchen interessiert« gewesen sei.

Zu Recht bemängelt er trotz des 1945 gegebenen kirchlichen Stuttgarter Schuldbekenntnisses eine bis heute weithin fehlende Aufarbeitung der Mit-Schuld von Kirchen und Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Deren bisher nur bruchstückhafte Aufarbeitung – nicht nur die der »Deutschen Christen« – ist durch diese äußerst sorgfältige Publikation um einen wichtigen, lesenswerten Beitrag bereichert worden.

Christian Lehnert: Cherubinischer Stab. Gedichte. Suhrkamp 2018, 20 Euro.

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1 Lesermeinungen zu Spuren der Schuld
Marcel Schneider schreibt:
31. August 2018, 12:26

Ich war gerade zur Ausstellung "Rassismus" im Hygienemuseum Dresden und war erschüttert. Nach dem Besuch der Ausstellung konnte ich nicht anders als mich auf die Stufen zu setzen und zu weinen. Darüber, was deutscher Kolonialismus und Rassismus anderen Menschen angetan hat: Farbigen, Juden, Behinderten, vermeintlich "Minderwertigen".
Der Mensch neigt leider immer dazu zu kategorisieren, Schubladendenken zu betreiben. Anhand von Äußerlichkeiten eines Menschen schließen wir auf Eigenschaften, Intelligenz, Kriminalität.
Weil wir uns selber zutiefst fremd sind und das aber verdrängen, suchen wir lieber die Unterschiede zu anderen Menschen, um uns zu erheben. Rassismus hat immer viel mit Macht zu tun.
Erschütternd, was ich in der Ausstellung gesehen habe. So viel Schuld lastet auf unseren Schultern...

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