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An Tagen wie diesen

Uwe Naumann
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Haben Sie Ihren Kindern oder Enkeln schon erzählt, was Sie im Herbst 1989 gemacht haben? Was Sie empfunden haben, gehofft, befürchtet? Mehr als eine Generation hat schon keine Erfahrungen mehr mit der DDR gemacht. Sie kennt die Verhältnisse und Ereignisse oft nur aus Geschichtsbüchern oder Filmen. Aber welche Geschichte wird dort erzählt?

Es gibt sie nicht, die einheitliche, gemeinsame Sicht auf die Geschichte. Besonders nicht auf die Zeitgeschichte. Viel zu unterschiedlich deuten allein schon die Zeitzeugen die Entwicklungen, viel zu unterschiedlich sind ihre Erfahrungen. An Schlüsselmomenten der Geschichte, die dann auch den Sprung in die Geschichtsbücher schaffen, wird das jedes Jahr wieder deutlich: etwa am Herbst 1989 oder der Wiedervereinigung, wo mancher auch von Angliederung oder Übernahme spricht.

Diese verschiedenen Deutungen der Ereignisse sind wichtig, die Diskussionen zum Beispiel um das Einheitsdenkmal in Leipzig oder das Gedenken an die Friedliche Revolution, den Bau oder auch den Fall der Mauer. Sie sind wichtig dafür, wie wir oder vielmehr unsere Kinder mit der Geschichte umgehen. Sie sollten lernen, dass Ereignisse viele Facetten haben. Dass Geschichte nicht eintönig ist – und auch nicht ein-deutig.

Tage wie der 3. oder 9. Oktober und der 9. November bieten die Gelegenheit, in dem Zusammenhang von eigenen Erfahrungen zu erzählen. Unser gemeinsames, kollektives Gedächtnis braucht diese Geschichten. Damit der Einzelne im großen Lauf der Geschichte nicht vergessen wird. Und damit unsere Nachfahren unser Handeln verstehen. Sie sind Zeitzeuge. Nutzen Sie die Chance, Ihre Erfahrungen weiterzugeben. Das stiftet Identität.

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4 Lesermeinungen zu An Tagen wie diesen
Gert Flessing schreibt:
10. Oktober 2018, 19:38

Haben Kinder, haben Enkel, überhaupt ein Interesse, zuzuhören?
Ich habe an den Lippen meiner Oma gehangen, wenn sie aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg erzählte. Ich habe meiner Mutter sehr genau zugehört, wenn sie von ihrer Kindheit in den zwanziger Jahren und von ihrer Jugend im dritten Reich berichtete. Ich habe auch meinem Vater gern zugehört, wenn er von Krieg und Gefangenschaft erzählte.
Aber ob die Kinder und Jugendlichen heute auch noch hören möchten, was Menschen erlebten und wie es ihnen dabei erging?
Ich weiß es nicht, aber ich habe, wenn ich auf meine eigenen Kinder schauen, so meine Zweifel. Sie leben zu sehr im hier und jetzt, um das, was war, überhaupt wahr zu nehmen. Womit ich nicht sagen möchte, dass sie oberflächlich sind. Aber sie sehen in der Vergangenheit keinen Nutzen für die Zukunft.
Gert Flessing

Gert Flessing schreibt:
11. Oktober 2018, 17:16

"Warum bist du hier geblieben?"
Das war in Herbst 1989 eine Frage, die mir gestellt wurde, jedenfalls bevor Herr Schabowski mit seiner gestammelten Nachricht tausende von Menschen in Bewegung setzte.
Ich habe den Bau der Mauer erlebt und es hat mich, obwohl ich noch sehr jung war, tief bewegt. Ich habe ihren Fall erlebt und bin dafür dankbar.
Es war mir vergönnt, obwohl ich kein Rentner war, "in den Westen" fahren zu dürfen. Auch im September 1989. Da war ich zu einer Hochzeit eingeladen. So weilte ich also in der Nähe von Erlangen. Die Aufnahme bei der lieben Verwandtschaft war freundlich, ich hatte ein schönes Zimmer und wohnte einer schönen Hochzeitsfeier bei.
Danach blieben mir noch einige Tage, um mit dem Fahrrad die Gegend zu erkunden, bei schönem Wetter in einem Biergarten zu sitzen und die Zeit zu genießen.

Dann, wir hatten gerade gefrühstückt, kam eine Freundin der Familie, eine Iranerin, völlig aufgelöst ins Haus. "Herr Pfarrer, sie können nicht wieder zurück. In Ungarn ist die Hölle los, da ist die Grenze geöffnet worden. Viele, aus ihren Land fliehen. Das wird schlimm enden. Es erinnert mich an die zeit im Iran, als wir auch fliehen mussten (als der Shah abgesetzt worden war)." Natürlich war ich erst einmal geschockt. Wenn man so etwas hört, geistern einem ja etliche Szenarien durch den Kopf. Aber ich wiegelte erst einmal ab. Dann fuhr ich mit dem Fahrrad nach Erlangen rein. Ging zum Chinesen essen und sah mir die Stellenangebote, die dort aushingen, an. Es war ja nicht so, das keine Arbeit zu finden wäre. Noch war ich in einem Alter, in dem man sich auch anders orientieren könnte, wenn man müsste. Aber musste ich denn?
Die schlechte Lage der DDR kannte jeder, sie war jeden Tag zu spüren. Die Selbsthudeleien der politischen Führung war albern und realitätsfern. Aber war das ein Grund, sich leise abzusetzen? Die Familie, die Gemeinde, zurück zu lassen? Nein. Das konnte nicht Gottes Wille sein, der mich von Brandenburg nach Sachsen geführt hatte, damit dafür gesorgt hatte, das es mir auch gesundheitlich wieder gut ging.
Als ich wieder bei der Verwandtschaft war, machte ich deutlich, warum ich wieder zurück fahren würde. Man flieht gerade dann nicht, wenn sich düstere Schatten am Horizont zeigen. Man schaut sie sich von nahem an und man sieht dann oft, wie gering sie sind, verglichen mit dem ewigen Fundament, das Gott uns gibt.
Wenig später war der Kirchengegner Honecker auf die Barmherzigkeit eines Pfarrers angewiesen. Auch das, in meinen Augen, ein Zeichen für das, was mehr Bestand hat.
Wenn Menschen heute mutlos sind und sich um die Zukunft sorgen, dann denke ich an den alten Mann mit dem Hut im Garten eines Pfarrers, elend und machtlos, und daran, das uns allen, durch Gott, neue Wege geöffnet wurden.
Gert Flessing

Beobachter schreibt:
11. Oktober 2018, 22:55

Ja , der alte Mann mußte den Hut nehmen! Gibt es eigentlich auch für mittelalte Frauen Hüte?

Gert Flessing schreibt:
12. Oktober 2018, 9:55

Es gibt da sone und solche. Für manche wäre wohl das passend, was man bestimmten, höhergestellten "Damen", wenn sie nicht mehr konvenierten, empfahl. Sie mussten dann "den Schleier nehmen".
Gert Flessing

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