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Dem Osten Gehör verschaffen

Ein Gesprächsband sieht noch immer starke Nachwirkungen der Wende im Osten – und belebt die Ost-West-Debatte neu
Von Matthias Caffier
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Wir müssen uns viel eindeutiger der Nachwendezeit zuwenden (…), weil die Erfahrungen der letzten dreißig Jahre [hier] tiefgreifender waren«, postuliert Jana Hensel an einer Stelle ihres in Buchform erschienenen Gesprächs mit Wolfgang Engler. Der Frage, was diese letzten drei Jahrzehnte mit den Ostdeutschen gemacht haben und wer sie heute sind, gingen die beiden aus Sachsen stammenden Autoren in einem intensiv geführten Dialog nach«.

Ihr gemeinsames Nachdenken über die ostdeutsche Gesellschaft beginnt mit dem Herbst 1989 und den danach gemachten Erfahrungen. Sodann werden die Hartz-Reformen thematisiert – und Angela Merkel, bei der Hensel bedauert, dass sie ihre Machtposition »nicht ausreichend genutzt hat, um den deutsch-deutschen Dialog zu vervielfältigen.

Schließlich geht es auch um die Gegenwart. Engler spricht über Pegida und die AfD. In deren Erfolg bei der Bundestagswahl 2017 sieht er »gänzlich wertfrei gesagt, die bisher größte Emanzipationsleistung der Ostdeutschen«, während Hensel die AfD als Partei sieht, »die den Geist von Pegida ins Parlament getragen hat«, und sie als erste erfolgreiche Ost-West-Partei bezeichnet. Sie hält das für »eine schockierende Wiederkehr der Geschichte« und Engler macht die »fragile Mitte der Gesellschaft« als Schlüssel dieses Phänomens aus.

Zur Trennlinie ihres Dialogs wird die unterschiedliche Bewertung des Herbstes 2015 und Angela Merkels einsamer Entscheidung vom 4. September, die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge unkontrolliert nach Deutschland einreisen zu lassen. Während Jana Hensel das Handeln von Angela Merkel in dieser Frage mit allen Folgen vehement verteidigt, kritisiert Wolfgang Engler das als unprofessionelle Ersetzung der Politik durch Moral und wirft ihr vor, »die Folgen ihrer [damaligen] Entscheidung« nicht mitbedacht zu haben. Er argumentiert dabei allerdings selbst moralisierend.

Nicht nur an dieser Stelle droht der Diskurs partiell zu entgleisen. Aber das Bemühen der Autoren, Meinungsverschiedenheiten zu thematisieren und Differenzen zu akzeptieren obsiegt letztlich. Bedauerlich ist, dass die Autoren die Rolle der Kirchen in Ostdeutschland marginalisieren und es dazu bei einem Verweis auf »Massenatheismus« als SED-Hinterlassenschaft belassen. Trotzdem: Ein wichtiges Buch zur rechten Zeit, nicht nur für Ostdeutsche. Angelegt als Ermutigung, sich den Problemen unserer Tage im Diskurs zu stellen.

Wolfgang Engler; Jana Hensel: Wer wir sind: Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Aufbau Verlag 2018, 288 S., 20 Euro.

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