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Als Bücher noch geholfen haben

Friedrich Schorlemmer beschreibt das Leseland DDR – und sichert bleibende Erkenntnisse ohne dabei ostalgisch zu werden
Stefan Seidel
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Manches von dem, was das Leben in der DDR geprägt hat, gerät knapp 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution in Vergessenheit. Zum Beispiel die Bedeutung der Bücher für das Leben und Überleben in dem engen Land. Friedrich Schorlemmer hat der oft erwähnten ostdeutschen »Lesesucht« in seinem neuen Buch »WORTmacht und MACHTworte« nachgespürt. In den überwiegend persönlich gehaltenen Erinnerungen an Leseerlebnisse und Autorenbegegnungen stellt Schorlemmer fest: »Bücher waren Kostbarkeiten, Freiheitsboten, Erkenntnisbeförderer, Mutmacher.« Literatur sei ein »Lebensmittel« gewesen. Mancher Ostdeutsche habe buchstäblich von Buch zu Buch gelebt.

Ein nahezu »symbiotischen Verhältnis« habe zwischen den Autoren und ihren Lesern geherrscht, so Schorl­emmer. Die Schriftsteller hätten »ein Stückchen aufrechten Gang vorgelebt«. Weshalb es stets ein großer Schmerz und Verlust war, wenn wieder einer der Autoren das Land gen Westen verließ.

Besonders hebt Schorlemmer Chri­sta Wolf hervor. Sie sei Vordenkerin, Sprachgeberin, Orientierungsperson gewesen. »Mit dieser Schriftstellerin waren besonders wir ›Ostler‹ auf der Suche nach der unmöglichen Freiheit mitten in einem Land, in dem man stets auf Beton stieß.« Besonders hoch rechnet er ihr an, dass sie geblieben ist und mit ihren Lesern »das beschattete Dasein« geteilt habe.

Aber auch Reiner Kunze, Wolf Biermann, Thomas Brasch, Stefan Heym und Erich Loest würdigt Schorlemmer in besonderer Weise. Auch die »West-Autoren« Max Frisch, Heinrich Böll und Hermann Hesse seien von großer Bedeutung gewesen. Manches, was Schorlemmer da zitiert, erscheint immer noch aktuell. Etwa Christa Wolfs 1972 geschriebene Zeilen: »Vielleicht liegt den Menschen, die heute da sind, nicht wirklich – oder nicht genug – daran, als Gattung zu überleben; vielleicht genügt ihnen die Aussicht auf ein relativ ungestörtes Dasei für die eigene Lebensdauer?« Auch die damalige Bekämpfung der Feindbilder in den Köpfen habe eine aktuelle Dimension, die Schorlemmer selbst ausspricht: Heute komme die ganze muslimische Welt unter Terrorismusverdacht. »Alte Fragen stellen sich neu. (…) Gegenseitige Feindbilder werden neu in Stellung gebracht.« Und er zitiert Ingeborg Bachmann: »Sucht den Feind nicht zu besiegen, sucht ihn zu verwandeln. Dann seid ihr selbst Verwandelte.«

Schorlemmer empfiehlt die DDR-Autoren auch für die Überwindung der ost-westdeutschen Entfremdung durch die 40-jährige Trennung. Diese Aufgabe werde noch zwanzig Jahre andauern.

Schorlemmer ist eine großartige Liebeserklärung an das Buch gelungen, die auch Lust macht, heute zu lesen. Dabei empfiehlt er, jenseits der Bestsellerlisten nach bedeutsamen Büchern zu suchen. Ein Qualitätsmerkmal bleibt für ihn damals wie heute gleich: Bücher sollen einen besonderen Mut erwecken.

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