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Wehret den Gerüchten

Ausgrenzung: Die Erinnerung an frühere Ausgrenzungen von Minderheiten kann den Blick für die Gegenwart schärfen. Oft sind die gleichen Vorurteile am Werk, angewendet auf eine andere Gruppe.
Von Stefan Seidel
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© Foto: Gina Sanders/Fotolia

Wenn am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird, geht es nicht nur um die Erinnerung an die Gräuel, die Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Andersdenkenden und Andersliebenden angetan wurden. Sondern auch um die Frage: Wie ergeht es den Minderheiten heute?

Der Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz geht zwar derzeit nicht von einer Zunahme antisemitischer Haltungen in Deutdschland aus – diese seien seit Jahren konstant. Wohl aber stellt er die dramatische Zunahme einer negativen Einstellung gegenüber Ausländern fest. »Der Hass gegen Fremde hat sich in der Gesellschaft festgesetzt«, bemerkt er.

Das bedeutet nicht, dass Antisemitismus kein Problem ist. Insbesondere im Internet sei eine »exorbitante Zunahme des Antisemitismus« zu verzeichnen, so die Wissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel. In der Mitte der Gesellschaft werde das Thema Antisemitismus allerdings bagatellisiert.

Doch das Klima wird nicht nur für jüdische Mitbürger rauer, sondern auch für andere Minderheiten. So erfasste das Bundesinnenministerium im Jahr 2017 950 islamfeindliche Straftaten, bei denen 33 Menschen verletzt wurden. Dazu zählen Anschläge auf Moscheen oder Hetze im Internet.

Bereits vor Jahren hat Wolfgang Benz im Zuge seiner Vorurteilsforschungen darauf hingewiesen, dass unaufgearbeitete und tabuisierte Vorurteile gegen Juden auf andere Minderheiten übergehen – und heute zu deren Ausgrenzung beitragen.

Die diskriminierenden Vorurteile gegen Juden seien heute insbesondere auf die Gruppe der Muslime übergegangen, bemerkt Benz. »Aus der Perspektive der Vorurteilsforschung ist das Phänomen der Islamfeindschaft deshalb interessant, weil mit Stereotypen argumentiert wird, die aus der Antisemitismusforschung bekannt sind: etwa der Behauptung, die jüdische bzw. die islamische Religion sei inhuman und verlange von ihren Anhängern unmoralische oder aggressive Verhaltensweisen gegenüber Andersdenkenden«, schreibt Benz in seinem Beitrag in dem Buch »Wir oder Scharia – Islamfeindliche Kampagnen im Rechtsextremismus«.

So wurde den Juden im 19. Jahrhundert unterstellt, ihre Religion verpflichte sie zu Betrug, Diebstahl, Wucher und sexueller Lüsternheit gegenüber Nichtjuden. Außerdem wurde der Talmud als geheimnisvolle Gebrauchsanweisung jüdischer Heimtücke denunziert. Diese Gerüchte und Vorurteile seien heute laut Benz in überraschender Ähnlichkeit auf die Muslime übergegangen. »Die Islamfeinde sind mit großem zeitlichen Abstand von den gleichen Ängsten getrieben wie die Antisemiten des späten 19. Jahrhunderts: der Furcht vor Überwältigung und Überfremdung.« Bei der beschworenen Gefahr einer »Islamisierung Europas« seien jahrhundertealte Deutungsmuster am Werk, mit deren Hilfe sich eine verunsicherte Mehrheit ein Feindbild und eigene Aufwertung verschaffe. »Wurde einst vom »lüsternen jüdischen Jüngling« fabuliert, gelte heute der angeblich »triebgesteuerte Araber« als Negativfigur für alle Flüchtlinge, so Benz. Ein Hauptproblem heute sei auch, dass nicht zwischen der Mehrheit friedlicher Anhänger der islamischen Religion und einer Minderheit gefährlicher Islamisten unterschieden werde. Das Gerücht über die Anderen sei dabei das wichtigste Mittel, um Vorurteile zu etablieren und zu verbreiten, sagt Benz mit Blick auf die sozialen Medien.

Eine solche Analyse könnte dabei helfen, das Gedenken zu einem »Gegendenken« zu machen, wenn wieder eine absichtsvolle Verbreitung von Gerüchten über Minderheiten im Gange ist. Der jüdische Autor Max Czollek schreibt in seinem Buch »Desintegriert euch!«: »Wer sich ein Deutschland ohne Muslim*innen wünscht, der wünscht sich auch ein Deutschland ohne Juden und Jüdinnen.«

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