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Lesen in stürmischen Zeiten

Buchmesse: Unterschiedliche politische Einschätzungen sowie die Suche nach Selbstvergewisserung in unübersichtlichen Zeiten bestimmen die neu erschienenen Bücher. Neben Alarmsignalen gibt es aber auch Hoffnungszeichen.
Von Stefan Seidel
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© Foto: geniuskp/Fotolia

Wenn die Leipziger Buchmesse am Donnerstag ihre Pforten öffnet, werden die stürmischen Zeiten auch anhand der neu erschienenen Bücher sichtbar. Wie kaum anders zu erwarten, dominieren im Wahljahr 2019 die Bücher mit politischen Themen.

Dabei werden von den Autorinnen und Autoren unterschiedliche Signale ausgesendet. Während die einen eindringlich auf die dramatischen Auswirkungen der Finanz- und Flüchtlingskrise hinweisen, wie Antje Hermenau, sehen andere diese Sichtweise als überzeichnet an. So kritisiert der Journalist und Medienkritiker David Goeßmann in seinem Buch »Die Erfindung der bedrohten Republik«, dass die Medien ein einseitig flüchtlingskritisches Bild zeichnen, das allein auf Dramatisierung und Abschottung ziele. Auch Christen beurteilen die politische Lage sehr unterschiedlich, wie unsere Buchauszüge auf Seite 3 zeigen.

Die Theologen Simone Sinn und Christian Staffa versuchen am Freitag, 15 Uhr, auf der Leseinsel Religion (Halle 3, Stand A 200) mittels eines nüchternen Blickes das Verhältnis zwischen Populismus und Kirche zu klären. Immerhin zeigt der Historiker Frank Biess in seinem neuen Buch »Republik der Angst«, dass wir nicht zum ersten Mal in verunsicherten Zeiten leben. Und der Soziologe Heinz Bude legt in seinem Buch »Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee« dar, dass noch nicht alle Messen über den sozialen Zusammenhalt gelesen sind und der Wert des Teilens noch eine Chance hat. Über all diesen Themen schwebt die Suche nach Selbstvergewisserung. Jana Hensel und Wolfgang Engler stellen ihr vieldiskutiertes Buch »Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein« am Donnerstagabend in der Paul-Gerhardt-Kirchgemeinde Leipzig vor. Und der deutsch-bosnische Schriftsteller Sasa Stanisic thematisiert in seinem Buch »Herkunft« die vielen Schichten der Identität und fragt nach den Wurzeln und dem Zuhause-Sein in der Fremde.

Schließlich ist das Buch »Die Muslime und der Islam. Wer oder was gehört zu Deutschland?« neu erschienen, in dem der Theologe und Politik­wissenschaftler Hanna Nouri Josua einen genaueren Blick auf die Frage des Zusammenlebens verschiedener Religionen in Deutschland wirft.

Auch auf dem Weg der Geschichte scheint eine Antwort gesucht zu werden auf die Frage, wer wir heute sind und was heute eigentlich gilt. Neue Bücher zu Leonardo da Vinci, Johann Jacob Bach oder Dietrich Bonhoeffer erinnern an bis heute prägende geschichtliche Zusammenhänge.

Doch das soll nicht über den Zustand der Verwirrung und Verunsicherung hinwegtäuschen, in der sich Europa derzeit befindet. Vielleicht am treffendsten wird das in dem Roman »Ein empfindsamer Mensch« des tschechischen Autors Jáchym Topol in Szene gesetzt. Beschrieben wird die aufregend-groteske Reise einer tschechischen Künstlerfamilie durch immer feindseliger und nationalistischer werdenden europäischen Länder.

Dass es nicht bei diesen wachsenden Gräben in Europa bleiben muss, versucht die Buchmesse durch ihren Fokus auf das Gastland Tschechien zu befördern: 55 tschechische Autorinnen und Autoren, darunter auch Jáchym Topol, stellen ihre Bücher bei Lesungen in Leipzig vor. Insgesamt werden 70 aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzte Neuerscheinungen präsentiert. Für den an der Theologischen Fakultät Prag lehrenden Philosophen Jan Kranát liegt in diesen wechselseitigen Übersetzungen neuer Bücher eine Hoffnung. Er sieht das auch als Auftrag: »Übersetzen wird von uns – von der Bildungsschicht – erfordert, und nicht nur im rein sprachwissenschaftlichen Sinne. Anders bleiben wir in unseren einzeln abgetrennten Nationalismen gefangen.«

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