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Eine bessere Welt ist möglich

Zukunft: Nichts bleibt wie es ist. Und das ist gut so. Es ist Zeit, in der Krise wieder eine Chance zu sehen, meint der Zukunftsforscher Harald Welzer.
Von Katja Schmidtke
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© Foto: Mihail/Fotolia

Früher war alles schlechter – unter dieser provokanten Umkehrung präsentiert das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« seit mehr als 160 Folgen das, was sich in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten auf der Welt verbessert hat. Zum Beispiel: Der Anteil der Menschen in extremer Armut ist stark gesunken. Immer mehr Menschen werden satt. Wer im Mittelalter über 35 Jahre alt war, war so gut wie tot – unsere Kinder hingegen werden wohl 100 Jahre alt werden.

Früher war alles schlechter. Wirklich? Es fühlt sich gar nicht so an. Schlagen wir die Zeitungen auf, klicken wir uns durch das Internet oder schalten den Fernseher ein, erfahren wir von Krisen allerorten: Regierungskrise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Umweltkrise, Glaubenskrise und natürlich die Krise der Europäischen Union.

Der Soziologe und Zukunftsforscher Harald Welzer, der auf der Leipziger Buchmesse sein neues Werk »Alles könnte anders sein« vorstellte, setzt dieser Kaskade einen Begriff entgegen: »Gerede«. All die düstere Schwarzmalerei sei statistisch nicht zu belegendes falsches Gerede, das zudem den Fakt verneine, dass die menschliche Zivilisation schon immer im Wandel begriffen war. Die Krise sei nicht die kurzfristige Unterbrechung eines stabilen Zustands, sondern eine Verwandlung. Es könne also kein Zurückschnippen in den Ausgangszustand geben. Kein Zurück auf Los. Denn: Nichts bleibt wie es ist. Und das, so Welzer, sei zunächst erstmal eine Chance.

Keineswegs verneint Welzer dabei die tatsächlichen Herausforderungen unserer Zeit: Die Migration von Millionen Menschen, die Zerstörung der Erde als unsere Lebensgrundlage, das Primat der Wirtschaft. Doch Welzer klagt an, dass wir abseits »der Krisen-Rhetorik nicht auf die Idee kommen, in unserer offenen, liberalen, demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft nicht re-aktiv, sondern pro-aktiv mit Veränderungen umzugehen«. Das Krisengerede verstelle den Blick dafür, dass Menschen die Welt auch ohne Druck zu einer besseren machen können.

Harald Welzer findet: Es ist Zeit für Utopien. In seinem Buch »Alles könnte anders sein« skizziert er Ideen, die sofort umsetzbar wären – und die natürlich auf Kritik stoßen, weil sie Routinen und Gewohnheiten hinterfragen, mit Traditionen brechen und Interessenkonflikte auslösen. Das mag in Deutschland besonders für die Utopie der autofreien Stadt gelten. Wer die Autos aus den Städten verbanne, so Welzer, erhöhe sofort die Lebensqualität, schaffe Raum für neue Begegnungsmöglichkeiten aller Generationen und vor allem für Kinder, die die Welt dann nicht mehr als gefährlichen Ort erleben. In einen überraschenden Zusammenhang stellt der Soziologe den Autoverkehr mit den steigenden Miet- und Immobilienpreisen. Beispiel München: Dort seien 47 Prozent der Flächen versiegelt, ganze 12,6 Prozent des Flächenverbrauchs gingen allein auf parkende Autos zurück.

An der Universität St. Gallen haben Studenten in einem Welzer-Seminar eine weitere Utopie entwickelt: das 80:20-Modell. 80 Prozent der Arbeits- und Ausbildungszeit sollen Menschen ganz normal in der Schule oder im Betrieb verbringen und in den restlichen 20 Prozent gemeinnützige Arbeit leisten – vom Kind bis zum Rentner. Die Schweizer Studenten sehen darin mehrere Vorteile: die Begegnung über Echokammern, Hierarchien und Strukturen hinweg, ein neues gesellschaftliches Klima und Zusammenhalt. Die Studenten arbeiten bereits daran, ihre Idee modellhaft umzusetzen, während ihr Lehrer fordert, damit aufzuhören, den Wert der (Lohn-)Arbeit ins Fetischhafte zu überhöhen.

Ob all dies gelingt? Mindestens genauso entscheidend wie das Ziel selbst scheint für Harald Welzer der Weg dorthin: Wer den ersten Schritt aus der Komfortzone nicht wagt, wird ziemlich wahrscheinlich auch den zweiten, dritten und vierten Schritt nicht machen.

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