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Die Erde braucht uns

Umkehr: Die fortschreitende Zerstörung der Erde drängt Christen zum Handeln. Viele fordern eine dringend nötige ökologische Umkehr. Und versuchen sie in kleinen Schritten.
Von Stefan Seidel
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In diesem Jahr war der 29. Juli der Tag, an dem der Erde die Puste ausging – der sogenannte Welterschöpfungstag. Nach Berechnungen der Nachhaltigkeitsorganisation Global Footprint Network (GFN) sind an diesem Tag – statistisch gesehen – die sich selbst erneuernden natürlichen Grundlagen unseres Lebens verbraucht. Alles, was seither an Wasser, Wald oder Luft verbraucht wird, erneuert sich nicht mehr und ist unwiderbringlich verbraucht. »Mittlerweile nutzt die Menschheit die Natur derzeit 1,75-mal schneller, als sich Ökosysteme regenieren können«, erklärte die Organisation GFN.

Der Weltklimarat warnte bereits in seinem Sonderbericht Ende letzten Jahres vor den Folgen für die Umwelt, sollte es nicht gelingen, den weltweiten Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen: extreme Hitze- und Dürreperioden, verheerenden Stürme und Millionen Klimaflüchtlinge.

Die systematische Überschreitung der Grenzen des Planenten sind mittlerweile derart gravierend, dass die Wissenschaft von einem neuen erdgeschichtlichen Zeitalter spricht: dem Anthropozän. In diesem ist der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde geworden. Die Merkmale dieses Zeitalters sind nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Übersäuerung der Ozeane, das Artensterben und die Entwaldung. Der brasilianische Theologe Leonardo Boff hat das so formuliert: »Wir haben die Erde gekreuzigt.«

Boff steht für einen Aufbruch, den immer mehr Christen beginnen mitzuvollziehen: ein neues Denken und Handeln, das von dem Bewusstsein einer großen Verbundenheit allen Lebens ausgeht und eine neue Achtsamkeit und Kooperation mit allem Leben auf der Erde kultivieren möchte.

Viele Umsteuerungen müsste eine solche ökologische Umkehr zur Folge haben: von der raschen Entkohlung der Wirtschaft, über eine nachhaltigere Mobilität, bis zur ökologischen Energiewirtschaft in Kirchgemeinden (»Grüner Hahn«) oder der Änderung von Verbrauchergewohnheiten. Bei einem voll besetzten Kirchentags-Forum in Dortmund vor zwei Monaten unter dem Motto »Wenn wir nicht handeln, ist es zu spät« wurde deutlich, dass viele Christen bereit sind für eine solche Umkehr. Eine Teilnehmerin forderte, Pfarrer mit ökologischen »Fairphones« auszustatten und kein Fleisch aus Massentierhaltung in kirchlichen Einrichtungen mehr zu verabreichen. Ein anderer mahnte die Reduzierung der Weihnachtsbeleuchtung und den Verzicht auf das Silvesterfeuerwerk an.

Mittlerweile findet der »Ruf aus Wuppertal« (»Wuppertal Call«) immer mehr Verbreitung. Diesen hatten 52 Theologinnen und Theologen aus 22 Ländern im Juni in Wuppertal als »Aufruf an die Kirchen und die Zivilgesellschaft zur ökologischen Umkehr« formuliert. Darin wird eine Wende zu einem Lebens- und Wirtschaftsmodell gefordert, welches die ökologischen Grenzen nicht überschreitet. In dem Aufruf heißt es: »Wir rufen die globale ökumenische Bewegung, christliche Weltbünde und alle anderen Kirchen dazu auf, gemeinsam eine 10-jährige Dekade des ökologischen Lernens, Bekennens und Handelns gegen den Klimawandel zu planen.«

Dabei solle eine neue ökologische Sensibilität in Liturgie und Bibelauslegung eingeübt werden, das Klima­bewusstsein in Kirchgemeinden gestärkt, nachhaltige Lebensstile und nachhaltige Alternativen zu den aktuell dominanten Produktions- und Konsum­formen gefördert werden.

Außerdem sollen die Kirchen dabei helfen, die globalen Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass der Anstieg des globalen Treib­hausgas-Ausstoßes so bald wie möglich gestoppt und drastisch reduziert werden muss, um das 1,5-Grad-Ziel doch noch zu erreichen. Das Bemühen um eine rechtlich verbindliche »Erdrechte-Charta« und die Schaffung eines internationalen Rechtssystem für die Umweltrechte soll unterstützt werden.

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