Bonhoeffer wird umgedreht

Gedenken: Nicht erst der bevorstehende 75. Todestag Dietrich Bonhoeffers zeigt, dass er zunehmend von der Neuen Rechten vereinnahmt wird. Wie konnte es dazu kommen?
Von Thomas Klatt
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Dietrich Bonhoeffer
Der Theologe und Märtyrer Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) wurde am 9. April vor 75 Jahren im KZ Flossenbürgen von den Nationalsozialisten ermordet. © Foto: dpa

Wenn in diesem Jahr am 9. April des 75. Todestages Dietrich Bonhoeffers gedacht wird, ist es nicht nur die Evangelische Kirche, die an den berühmten Theologen erinnert, der kurz vor Kriegsende von den Nazis im KZ Flossenbürg ermordet wurde. Auch ganz andere Kreise haben Bonhoeffer mittlerweile für sich entdeckt. Längst werde er in anderen politischen Lagern geradezu benutzt, weiß der Theologe und Fernsehjournalist Arnd Henze: »Die religiöse Rechte in Amerika hat ihren eigenen Zugang zu Dietrich Bonhoeffer gefunden. Wir haben hier noch gar nicht gemerkt, wie Bonhoeffer politisch umgedreht und zur Waffe gemacht worden ist.« Nämlich zur ideologischen Waffe der Neuen Rechten gegen das vermeintliche Establishment und den liberalen Zeitgeist, gegen Abtreibungen oder die Aufhebung des Schulgebetes. So wie Bonhoeffer damals müsse man heute dem Rad in die Speichen fallen, heißt es dann. Wortführer ist dabei, so sieht es Arnd Henze, der US-amerikanische Erfolgsautor Eric Metaxas, der mit seiner Bestseller-Bonhoeffer-Biografie den sogenannten »Bonhoeffer-Moment« etabliert hat.

»Als Donald Trump 2016 Kandidat wurde, war Metaxas einer der ersten, der der evangelikal-fundamentalistischen Szene gesagt hat: ›Leute, der mag zwar mit seinen ganzen Affären, seiner sexistischen Sprache und mit allem, was sonst an dem Mann schmierig ist, nicht ein Vorzeigechrist sein. Aber das ist jetzt der Bonhoeffer-Moment, weil der Mann alles verspricht, was wir haben wollen‹«, so Henze. Trump sei zum Werkzeug gegen das ultimative Böse stilisiert worden – er musste handeln getreu dem Bonhoeffer-Zitat: »Schweigen im Angesicht des Bösen ist selbst böse.« Ähnlich werde der Widerstand gegen Hitler nun auch von der Neuen Rechten und der AfD in Deutschland fruchtbar gemacht. Das sieht so auch der katholische Theologe Gregor Taxacher von der TU Dortmund, der über Bonhoeffer geforscht hat. Die Neue Rechte in Amerika, aber auch die in Deutschland nehme sich von Bonhoeffer das, was ins eigene Weltbild passe. »Das ist eine Strategie, die in den USA rechte Bewegungen kultivieren. Irgendein Spruch, irgendein Fakt wird völlig aus dem historischen Kontext genommen. Da werden nun auch in Deutschland irgendwelche Bonhoeffer-Sprüche auf Facebook gepostet und dann wird darunter geschrieben: ›Warum muss ich da jetzt an die Flüchtlingskrise denken?‹«, erläutert Gregor Taxacher.

In vielen Pfarrämtern werde das aber nicht einmal bemerkt. Bonhoeffer werde von Gemeindetheologen ungelesen weitergepostet, ohne zu merken, dass sie damit AfD-Aussagen verbreiten. Denn wo Bonhoeffer drauf steht, das müsse ja gut sein. Zum Beispiel teilten AfD-Kreise den populären Bonhoeffer-Text »Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit« – so, als sei der Text wie auf Angela Merkel geschrieben worden. Und weil das ein sehr vertrauter Text ist, haben viele Pfarrer das einfach geteilt, obwohl die sicher nichts mit der AfD zu tun haben, berichtet Arnd Henze. »Und dann merken diese Pfarrer nicht, dass ergänzt mit 2 bis 3 Sätzen mit einer Anti-Merkel-Polemik das sofort einen ganz anderen ›spin‹ bekommt«, beklagt Henze die Arglosigkeit vieler Gemeindetheologen heute.

Die AfD und die Neue Rechte beziehen sich aber nicht nur auf Bonhoeffer. Der AfD-Saalekreisverband wirbt beispielsweise mit dem Slogan »deus vult – Gott will es« – ein Spruch, mit dem Papst Urban II. zum ersten Kreuzzug gegen die ungläubigen Muslime ins Heilige Land rief. Und auf der erzkatholischen Internetseite findet sich der Wahlspruch des in der Nazizeit widerständigen Kardinals Clemens August Graf von Galen: »Nec laudibus nec timore!« – »Weder Lob noch Angst.« Graf von Galen hatte öffentlich gegen die Euthanasie protestiert. Heute wird der katholische Widerständler gegen Hitler wie ein Persilschein für die eigenen kruden Aussagen benutzt.

Andere Neurechte beziehen sich auf die Geschwister Scholl oder auf Stauffenberg. Das Erzählmotiv lautet dann: So wie die guten Nationalkonservativen damals Widerstand gegen Hitler leisteten, so müssten die guten Deutschen heute Widerstand gegen den vermeintlich »links-grünen Mainstream«, den »Gender-Wahnsinn« und die »Merkel-Diktatur« leisten.

Natürlich gebe es kein Copyright auf Bonhoeffer und andere. Nur dürften die Kirchen solch wichtige Theologen nicht den neuen Rechten überlassen, mahnt Arnd Henze, der auch EKD-Synodaler ist. Gerade Bonhoeffer sei ein Kronzeuge dafür, dass sich die Kirchen gegen jede Form der Menschenverachtung wehren müssten. Es brauche endlich bei den verfassten Kirchen ein Bewusstsein, dass sich auch in Deutschland eine religiöse Rechte bildet, die die Bekennende Kirche, Bonhoeffer und andere Gestalten der deutschen Geschichte für sich vereinnahmt.

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Impressionen Lausitz-Kirchentag


  • Görlitz begrüßt an diesem Wochenende zum »Lausitz-Kirchentag« © Steffen Giersch


  • Stark in der Region: Die Sorben, hier in typischer Tracht © Steffen Giersch


  • Mit viel Musik und zahlreichen Angeboten wurde gefeiert © Steffen Giersch


  • Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer besuchte zu diesem Anlass Görlitz © Steffen Giersch


  • Tausende Christen nahmen am Lausitz-Kirchentag teil © Steffen Giersch


  • Strahlender Sonnenschein und Hitze beim Lausitz-Kirchentag, die Stimmung blieb oben auf © Steffen Giersch


  • Gestaltet wurde der Lausitz-Kirchentag von der Sächsischen Landeskirche (EVLKS) und der Landeskirche für Berlin-Brandenburg und Schlesische Oberlausitz (EKBO) © Steffen Giersch


  • Tausende Christen nahmen am Lausitz-Kirchentag teil © Steffen Giersch


  • Stark in der Region: Die Sorben, hier in typischer Tracht © Steffen Giersch


  • Spiel, Spaß und Informationen an vielen Ständen und Veranstaltungsorten in Görlitz © Steffen Giersch


  • Spiel, Spaß und Informationen an vielen Ständen und Veranstaltungsorten in Görlitz © Steffen Giersch


  • Musik gehörte natürlich dazu, beim Gottesdienst und zahlreichen kleinen Teilveranstaltungen © Steffen Giersch


  • Spiel, Spaß und Informationen an vielen Ständen und Veranstaltungsorten in Görlitz © Steffen Giersch


  • Am gemeinsamen Stand der sächsischen Kirchenzeitung DER SONNTAG und der Berliner Zeitung DIE KIRCHE© Steffen Giersch


  • Austausch und Informationen boten viele Stände an – die Besucher nahmen das gerne und gut an © Steffen Giersch


  • Auch diakonische Einrichtungen, wie hier die Bahnhofsmission, informierten © Steffen Giersch


  • Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer besuchte Stände © Steffen Giersch


  • Und Ministerpräsident Kretschmer nahm an zahlreichen Gesprächen und Diskussionsrunden teil © Steffen Giersch


  • Spiel, Spaß und Informationen an vielen Ständen und Veranstaltungsorten in Görlitz © Steffen Giersch


  • Familie in Sorbischer Tracht – jede Stadt hat ihre eigene Tracht, die leicht voneinander variiert © Steffen Giersch




  • Austausch und Informationen boten viele Stände an – die Besucher nahmen das gerne und gut an © Steffen Giersch


  • Ministerpräsident Kretschmer nahm an zahlreichen Gesprächen und Diskussionsrunden teil – ein wichtiges Thema in der Region: Der Braunkohleausstieg © Steffen Giersch


  • Auch Bettina Westfeld nahm an der Diskussionsrunde zum Braunkohleausstieg teil © Steffen Giersch


  • Austausch und Informationen boten viele Christen an – die Besucher nahmen das gerne und gut an © Steffen Giersch


  • Am gemeinsamen Stand der sächsischen Kirchenzeitung DER SONNTAG und der Berliner Zeitung DIE KIRCHE© Steffen Giersch

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