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Die ALTernative

Plädoyer für eine sonnige Zukunft von Franz Alt
Franz Alt
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© Axel Thomae

In welcher Welt werden unsere Kinder leben? »Die effektivste Art, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu gestalten«, sagt Franz Alt. Sein Buch »Die ALT-ernative« stellen wir heute und in den nächsten beiden Ausgaben durch einen auszugsweisen Abdruck vor.

Was sind die großen Fragen unserer Zeit? Wie gelingt ein gutes Leben für alle bei mehr Gerechtigkeit? Wie organisieren wir die weltweiten Wanderbewegungen ohne Bürgerkriege? Wie lösen wir die Überlebensfrage der Klimaerhitzung? Wie lernen wir, was nachhaltiges Wirtschaften ist? Wie schaffen wir einen Ausgleich zwischen Arm und Reich? Wie wollen wir wohnen und wie uns in Zukunft fortbewegen? Die Digitalisierung sowie die Künstliche Intelligenz verändern nicht nur unsere Arbeits-, sondern unsere gesamte Lebenswelt. Wie bestimmen wir in Anbetracht dieser Entwicklung Wert und Würde des Menschen? Wenn Ihnen eine dieser Fragen nicht mehr aus dem Kopf geht, ist dies ein Hinweis darauf, dass sie Ihnen eine Herzensangelegenheit ist.

Diese Fragen sind auch die Ur-Fragen der abendländischen Philosophie, die schon Platon, Aristoteles und Sokrates vor mehr als 2.000 Jahren gestellt haben. Platon hat als erster Abendländer eine ökologische Ethik entwickelt, indem er die Frage stellte, wie ein gutes, wahres Leben gelingt. Der griechische Philosoph plädierte für ein Leben in Harmonie mit der Natur. Allerdings: Zu Platons Zeiten lebten etwa 200 Millionen Menschen, heute sind wir 7,7 Milliarden und bald über zehn Milliarden.

Nach meiner Lebenserfahrung ist eine ökosoziale Marktwirtschaft das effektivste System, in dem Milliarden Menschen ihre Träume von einer besseren Welt verwirklichen können, menschliche Kreativität freigesetzt, Ungerechtigkeit verringert und Freiheit gegen diejenigen verteidigt werden kann, welche sie einschränken wollen. Für diese globale ökosoziale Marktwirtschaft haben das Pariser Klimaabkommen sowie die Millenniumsziele der UNO bereits den Grundstein gelegt. Ich weiß natürlich, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen positiv klingenden Zukunftspapieren mit schönen Zielformulierungen und der weit schwieriger zu erreichenden Umsetzung dieser Ziele. Aber ohne Ziele gibt es keinen Fortschritt. Zukunft ist möglich.

Das bewiesen auch die Väter der sozialen Marktwirtschaft im Nachkriegsdeutschland. Zwischen 1950 und 1980 hat das erfolgreiche Modell der sozialen Marktwirtschaft dazu geführt, dass Deutschland eine Aufstiegsgesellschaft wurde. Alle, oder zumindest die meisten, fuhren im Fahrstuhl nach oben. Heute, so diagnostiziert der Publizist Ilija Trojanow, sind wir eher eine »Rolltreppengesellschaft«: Einige fahren nach oben auf der Rolltreppe, sehr viele aber nach unten. Heute sind wir eher eine »Abstiegsgesellschaft«.

Auf- oder Abstieg – gesellschaftliche Zusammenbrüche waren in der Vergangenheit fast alle ökologisch bedingt. Klar ist: Eine neue Umwelt können wir nicht schaffen, aber wir können intelligenter mit ihr umgehen und sie schützen – auch aus Eigeninteresse. Natürlich kannst du allein nicht alles tun, was die Welt braucht. Aber alles, was du tun kannst, braucht die Welt.

Klar ist aber auch: Der Zusammenbruch der Natur hat bereits begonnen – direkt vor unserer Haustür. Die Klimaerhitzung und das Artensterben sind die deutlichsten Hinweise darauf. Jeden Tag verlieren wir zurzeit 150 Tier- und Pflanzenarten. Viele Arten verschwinden, bevor wir sie überhaupt entdeckt haben! Wir vergrößern die Wüsten täglich um 50 000 Hektar, verlieren 86 Millionen Tonnen fruchtbaren Boden und emittieren 150 Millionen Tonnen Treibhausgase – jeden Tag. Das machen wir morgen so und übermorgen und an jedem Tag der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Nur: Auf Dauer geht das halt nicht! Es ist ja richtig: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – aber ein Sommer ohne Schwalben und Schmetterlinge ist eben kein Sommer.

Die US-Raumfahrtbehörde NASA hat im Februar 2019 auf drastische und anschauliche Weise den Klimawandel beschrieben: Danach waren die letzten fünf Jahre die heißesten seit 1880. Die Geschwindigkeit des Temperaturanstiegs hat sich bereits nahezu verfünffacht gegenüber dem letzten Jahrhundert. Das alles hält der Planet auf Dauer nicht aus. In Frankfurt und München, in Hamburg und Berlin könnte es bis 2080 so heiß werden wie heute im südlichen Afrika oder gar in Zentralafrika. Die Frage ist nicht mehr, ob dieses System zusammenbricht. Die einzig realistische Frage heißt: Wann bricht dieses System zusammen, wenn wir nicht noch rechtzeitig gegensteuern? Die Welt gerät aus den Fugen. Was also müssen wir ändern, wenn wir bleiben wollen?

Schon 1972, Willy Brandt war Bundeskanzler, hat uns der Club of Rome mit seinem Buch »Die Grenzen des Wachstums« auf die bedenkliche Lage der Menschheit hingewiesen. Aber seither fährt die ganze Welt mehr und größere Autos, die Anzahl der Flugreisen hat sich verfünffacht, die Zahl der Menschen hat sich beinahe verdoppelt, wir brauchen dreimal so viel Energie. 2018 produzierten wir eine Billion (1000 Milliarden) Plastiktüten und haben sie weggeworfen. Aber in den deutschen Medien war die Enttäuschung über ein frühes Ausscheiden aus der Fußball-WM größer als die Sorgen über Umweltbelastung und Klimawandel. Und wer an Silvester bei unserer heutigen Feinstaubbelastung noch immer viel ballert, hat einfach einen Knall.

Die Zahl der in Deutschland durch Feinstaub verursachten Todesfälle ist weit höher als bisher angenommen, sagt im Januar 2019 eine Studie des Max-Planck-Instituts in Mainz, welche meine Kollegen von »Monitor« publiziert haben. Demnach sterben in Deutschland jedes Jahr 120 000 Menschen vorzeitig durch Feinstaub. Hauptverursacher ist die Landwirtschaft, so die Studie. Vor allem durch die Massentierhaltung. Nach dieser Untersuchung sterben an Feinstaub jedes Jahr etwa so viele Menschen wie durchs Rauchen.

Wir brauchen rasch eine hundertprozentige Energiewende. Und das heißt: ein solares Energiesystem, ökologisches Bauen, eine andere Landwirtschafts-, Ressourcen- und Wasserpolitik sowie ein nachhaltiges Verkehrssystem. Dagegen wehren sich viele Vertreter und Nutznießer des bisherigen Wirtschaftssystems heftig. Wir werden Geduld brauchen, bis wir wirkliche Veränderungen erreichen. Die Evolution zeigt, dass Veränderungen Zeit brauchen. Das gilt auch für menschliche Verhaltensmuster. Doch was, wenn erst die Bäume, die Fische und die Insekten sterben und dann wir selbst? Nur wenn immer mehr Menschen ihre lebendige Verbundenheit mit der Natur wiederentdecken, kann die Erde auch gesunden.

Franz Alt, Jahrgang 1938, bekannt geworden als Moderator des Politmagazins Report, engagiert sich der Journalist und Theologe seit Jahren für die Ökologie, insbesondere für die Förderung alternativer Energien. 80 Jahre geballte Lebenserfahrung und über 55 Jahre Erfahrungen im politischen Journalismus machen Franz Alt zu einem unverzichtbaren Mahner und einer engagierten Stimme in den Debatten unserer Zeit.

Buch: Franz Alt: Die ALTernative. Plädoyer für eine sonnige Zukunft. 128 S. 10 Euro.

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