Daran erinnern, dass es ein Licht gibt

Das Weihnachtsfest wird in Corona-Zeiten zu einer Herausforderung für Familien – ein Gespräch mit Psychologin Susanne Bakaus
Interview: Nicole Marten
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Susanne Bakaus leitet die Landesstelle der psycholologischen Beratungsstellen in Württemberg. © Foto: Pressefoto

Wie kommt es, dass manche Weihnacht alles andere als friedvoll ist?
Susanne Bakaus: Wir verbinden mit Weihnachten viele schöne Dinge. Aber das Leben ist begleitet von Irrungen und Wirrungen. Und dann soll zu Weihnachten alles schön sein. Das wird häufig enttäuscht, weil die Konflikte, die schon vor dem Fest da waren, nicht im Vorfeld bereinigt wurden. Außerdem wissen wir insgeheim, dass es an uns liegt, ob Weihnachten schön wird oder ob nicht. Das führt uns selbst in Stress.

Wie kann man denn mit Unperfektheiten zu Weihnachten umgehen?
In meiner Herkunftsfamilie war der jährliche Streitpunkt der Tannenbaum. Den hat immer mein Vater besorgt, und er war nie recht. Mal zu alt, mal zu krumm, mal hat die Spitze nicht gepasst. Aber um Punkt 18 Uhr wurde bei uns der Hebel umgelegt: Der Stress war weg, am Baum wurde nicht mehr herumkritisiert. Wir gingen in die Kirche, es gab danach Kartoffelsalat und Würstle. Der Stress, dass der Abend gut werden muss, hat sich vorher entladen, und das Fest selbst wurde schön. Das ist in vielen Familien so, und das ist ein guter Weg. Einfach einen Zeitpunkt festsetzen, an dem man die Unzufriedenheit beiseitelegt, kann helfen.

Wie kann ein Weihnachtsfest in Corona-Zeiten gelingen?
Wenn wir die Festtage – und auch die vorangehende Adventszeit planen, tun wir uns leichter. Wir können die Corona-Zeit auch als eine Fastenzeit sehen, und uns darauf vorbereiten. Dann kommt zu Heiligabend die Fülle auf den Tisch.

Das heißt für Singles ...
Wer alleine lebt, kann sich vornehmen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Ich schaue mir meine Beziehung zu mir selbst an. Welche Wunden gibt es da? Die Religion kann helfen, uns zu heilen. Beispielsweise gilt für jemanden, der sich nicht geliebt fühlt, dass Gott ihn oder sie sieht. Wir sind Kinder Gottes, wir bekommen davon auch etwas. Die Folge könnte eine Haltung sein nach dem Motto: Ich mache es mir besonders schön zu Hause. Das ist in Corona-Zeiten ganz wichtig. Ein Wechsel der Blickrichtung kann ebenfalls helfen: Alte Wunden brechen auf, vielleicht ja genau aus dem Grund, dass sie geheilt werden. Und: Egal, wie schlimm es gerade ist, es geht immer weiter. Wir sollten uns daran erinnern, dass es ein Licht gibt, das durch Jesus in die Welt gekommen ist.

Nun ist doch aber gerade Weihnachten ein soziales Fest. Alleine zu Hause zu sitzen, ist für viele keine besonders schöne Aussicht.
Ja, das stimmt. Wichtig ist, dass wir das Heft des Handelns in der Hand behalten. Dass wir uns überlegen, mit wem wir uns treffen können. Das muss nicht die Familie sein, sondern es sollten grundsätzlich Menschen sein, die uns guttun. Und wir können uns natürlich auch überlegen, wem wir etwas schenken wollen. Wem können wir etwas Gutes tun? Wenn wir solche Geschenke vorbereiten, geht es uns besser.

In Corona-Zeiten ist das ja edel gedacht, aber ungleich schwerer ...
Auch das stimmt. Aber wir können ja auch einfach mal jemandem eine Karte schicken. Wir können einander anrufen oder uns per Videokonferenz treffen. Das ist natürlich etwas anderes als ein gemütliches Beisammensein von zehn Personen zu Hause, aber es ist doch besser als nichts. Es geht darum, in Verbindung zu sein mit anderen Menschen. Fürs Weihnachtsessen empfehle ich, eine alte Idee wieder aufzugreifen: Früher hat man ein leeres zusätzliches Gedeck auf den Tisch gelegt. Damit können wir uns bewusst machen, dass Jesus hier bei uns am Tisch seinen Platz hat.

Was raten Sie Familien, die sich an Weihnachten streiten?
Stress gehört zu Weihnachten dazu. Auch Streit gehört dazu. Das ist normal. Wenn wir versuchen, uns nicht zu streiten, uns nicht zu stressen, dann kann es sein, dass es noch viel mehr »knallt«, als wenn wir es einfach zulassen. Wir sind nicht perfekt. Es geht auch darum, das, was einem nicht gefällt, auf ruhige, liebevolle Art zu sagen. Weihnachten darf unperfekt sein. Und es darf ruhig auch mal was schiefgehen. Wir können uns vornehmen: »Wir machen mal halblang«. Und schon ist das Fest etwas entspannter. Außerdem sollten wir Rituale, die wir nur befolgen, weil sie dazu gehören, einfach einmal lassen. Denn die Frage ist doch: Worum geht es eigentlich? Wir dürfen unsere eigenen Rituale entwickeln. Manchmal ist eine einzelne Kerze auf dem Tisch viel mehr als der ganze Schnickschnack drumherum. Außerdem kann die ganze Familie in die Vorbereitungen einbezogen werden, auch die Kinder. Warum sollen die nicht den Tannenbaum schmücken?

Susanne Bakaus betreibt den Internet-Kanal »Psychologie für zu Hause«:

https://www.youtube.com/channel/ UCnnFZ0OotnKC-DWHTPu7XXg n

 

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