Vertraut den neuen Wegen

Rückblick: Das Jahr 2020 war ein dramatisches Jahr. Trotz allem gilt es, am Vertrauen auf Gott festzuhalten – und von seinem Licht zu leben, um Licht zu werden.
Von Martin Hundertmark
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Plötzlich ist alles still. Kein Knabenchorgesang in der großen Thomaskirche. Von einem Tag auf den anderen wurde das öffentliche Leben heruntergefahren. Was nun? Etwas tun? Ja, unbedingt! So kurz und knapp waren Fragen und Entscheidungen im März dieses Jahres. Wenn niemand zu uns kommen darf, dann kommen wir zu den Menschen. Senioren wurden von Konfirmanden mit Predigten und »Gedanken zum Tag« versorgt; Online-Formate für Gottesdienste und Motetten entwickelt. Und über die digitalen Medien fanden zaghaft erste Gehversuche in Videokonferenzen statt. Kirche vor Ort war nicht abgemeldet. Wer diesen Vorwurf erhob, hatte meistens wenig Einblicke in den Alltag einer Gemeinde. Neue Wege entstanden dort, wo wir kreativ und flexibel waren und nicht ins Jammern verfielen, dass alles wieder so sein sollte wie im letzten Jahr.

Plötzlich war aber auch Sonnabendnachmittag, nachdem der Online-Gottesdienst abgedreht war, frei. Die Ruhe hat gut getan – zumindest in den ersten Wochen. Ich hörte Vögel zwitschern am sonst dicht befahrenen Dittrichring in Leipzig. Offensichtlich erholte sich die Natur vom Menschen, der ihr immer allzuviel abverlangen will. Ist der Ausbruch der Corona-Pandemie das letzte Warnsignal einer leidenden Schöpfung, wie es Paulus im Römerbrief schreibt (»Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt.« Römer 8)? Diese Frage lässt mich auch nach neun Monaten nicht los. Immer mehr schält sich als Antwort heraus, dass wir als ganz große Aufgabe das Überdenken unserer Lebensweise haben. »Immer weiter so« führt in vielerlei Hinsicht in einen gnadenlosen Abgrund. Ja, in der Corona-Krise habe ich die Demut neu gelernt und auch die Dankbarkeit. Bisher sind wir in unserer Familie von der Krankheit verschont geblieben. Vielleicht war es Glück oder Bewahrung – und sicherlich auch dem geschuldet, dass die sinnvollen Schutzmaßnahmen nicht nur gelesen, sondern beachtet wurden. Sehr früh haben wir verantwortlich Gottesdienste gefeiert – seit April immer mit Mund-Nasen-Schutz. Die Gemeinde hat sich daran gewöhnt und ist dankbar für das, was angeboten wird. Da schmerzt es sehr und macht auch wütend, wenn sich (Christen-)Menschen ausschließlich um ihre eigene Freiheit kümmern und dabei vergessen, dass alle von Gott geschenkte Freiheit an Verantwortung gebunden ist. Verantwortungslosigkeit habe ich hier viel erlebt, besonders im November, als Tausende ohne Schutzmaßnahmen vor meiner Haustür gemeinsam mit Rechtsradikalen demonstrierten, als die Verantwortlichen für Ordnung und Sicherheit sich um beides nicht scherten und als ein Gericht, dessen Aufgabe es ist, alle Belange abzuwägen, hier kläglich versagte. Nun ist der Katzenjammer groß. Wie stark lassen wir uns vom Egoismus das gesellschaftliche und kirchliche Leben zerstören? – Eine weitere Frage aus diesem Jahr. Als Antwort habe ich für mich das klare »Nein« der Nächstenliebe gefunden. Sie sagt »Nein«, wo es ausschließlich um mich und meine Interessen geht, denn sie fragt nach den Schwachen und Hilfebedürftigen. Die große Aufgabe von uns Christen ist, dieser Frage Gehör zu verschaffen und vor allem danach zu handeln. Predigten von der Nächstenliebe bzw. Fürbitten für meinen Nächsten bleiben hohl, wenn uns ein kleines Stück Stoff mehr Schwierigkeiten bereitet als der Schutz meines Gegenübers. Der Schrei nach Freiheit wurde in diesem Jahr vielfach zum Feigenblatt für einen gnadenlosen Egoismus. Weil wir aber selber auf die Barmherzigkeit unseres Gottes angewiesen sind, stünde es uns gut an, sie besonders denen gegenüber walten zu lassen, die er uns anvertraut hat. Dazu zählt auch, als Christen die Stimme zu erheben, wenn in Kirche und Gesellschaft unsolidarisch gehandelt wird in Bezug auf diejenigen, die unter der Coronakrise existenziell leiden.

»Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar. Dunkel muss nicht kommen drein, der Glaub bleib immer im Schein.« In der Adventszeit bin ich immer besonders empfänglich für Lieder. Meistens entdecke ich in jedem Jahr ein anderes Lied neu. Im Corona-Jahr 2020 ist es der Choral von Martin Luther und Ambrosius von Mailand »Nun komm, der Heiden Heiland.« Krippe, Licht, Dunkel – all das passt in diese Zeit. Aber: Wie konnte die Krippe, jenes grob zusammengezimmerte Holz, glänzen? Sie glänzt nur im Auge des Glaubenden, der in ihr eben nicht die Armseligkeit sieht, sondern seine Zukunft und Hoffnung. In unsere Finsternisse des Herzens und der angefochtenen Seelen scheint das Licht Gottes durch Jesus Christus hinein.

Es gibt viele lichtlose Momente. Besonders dunkel wird es dort, wo wir aus reinem Egoismus handeln und das auch noch als Freiheit verkaufen. Ganz finster ist es, wenn andere aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Liebe zueinander oder ihres Glaubens zu minderwertigen Menschen gemacht werden. Und tiefdunkel wird es, wenn diesbezüglich zu Gewalt aufgerufen wird. »Dunkel muss nicht kommen drein, der Glaub bleib immer im Schein« ist die hingebungsvolle Bitte des verunsicherten Menschen, in seiner Seelenfinsternis vom Lichte Gottes umfangen zu werden. Daran dürfen wir glauben.

Ich persönlich schöpfe aus der Zusage Gottes – »in deinem Herzen werde ich Wohnung nehmen« – all jene Kraft, die jetzt nötig ist. Diesbezüglich kann ich nur voller Dankbarkeit zurückblicken, weil mir neue Wege gezeigt und so mancher Horizont neu ausgeleuchtet wurde. Deshalb will ich mich auch am Ende dieses Jahres aufmachen, um Licht zu werden, weil mein Licht mir immer schon entgegenkommt.

Martin Hundertmark ist Pfarrer der Thomaskirchgemeinde Leipzig.

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