Ein träumender Nachruf auf die untergehende Kirche

Reimer Gronemeyer beschreibt in »Der Niedergang der Kirchen« die Kirchenkrise im Horizont der Weltkrise und träumt von einer ohnmächtigen Kirche
Stefan Seidel
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Es ist eine harte Botschaft, die Reimer Gronemeyer in seinem neuen Buch für die hiesigen Kirchen bereithält. Im Stile biblischer Propheten hält er ihnen das unaufhaltsame und besiegelte Ende ihrer bisherigen Gestalt vor Augen. Ihre äußere Macht, ihr materieller Reichtum und gesellschaftlicher Einfluss zerrinnen in hohem Tempo – die Kirche in ihrer bekannten Gestalt schmilzt dahin wie die Polkappen unter dem erwärmten Klima.

Dabei leuchtet Gronemeyer mit schmerzhaft hellem Licht die Wirklichkeit aus: »Corona ist der Vorgeschmack auf das, was Nachdenkliche seit Jahren erwarten. Sichtbar werden die Umrisse eines in Trümmer geschlagenen Planeten.« Nicht nur die Gesundheit vieler Menschen ist derzeit in Gefahr, sondern die ganze Schöpfung dramatisch bedroht und die Welt hart gespalten in »eine winzige Gruppe Superreicher und eine gigantische Menge Verarmter« – »die Apartheid zwischen den Reichen und Armen, an der die untergehende Kirche nicht unschuldig ist«.

Allerdings haben die Kirchen hierzulande das Ausmaß der Krise nicht erkannt. Stattdessen klammern sie sich an die schwindenden Reste ihrer Macht und ihres übrigebliebenen gesellschaftlichen Einflusses. Angesichts des vorliegenden Befunds denkt Gronemeyer die Zukunft der Kirchen deutlich radikaler. Und er empfiehlt: Statt sich mit großem Aufwand in neue digitale Angebote zu stürzen (»digitale Trunkenheit«) sollten die Kirchen Abschied nehmen von Macht, Reichtum und Herrschsucht, und, ja, beispielsweise auch vom Modell des Pfarrers mit Pensionsberechtigung. Die Kirchen sollten wie Abraham aufbrechen ins Unbekannte – »ohne Sicherheiten, ohne Vorbereitung« – und eine »leidende und mitleidende Kirche« werden. Gronemeyer sieht in der kommenden Ohnmacht der Kirche eine große Chance. Denn heilsam geschrumpft, mit »weniger Geld und weniger Macht« könne sie entschiedener an die Seite der Schwachen, der Armen und der geschundenen Kreatur treten.

Jenseits des Konsumrausches werden christliche Gemeinschaften dann solidarische Mitmenschlichkeit leben – mit »Umsonstigkeit« inmitten »fressenden Kalküls«. Den Weg weisen die Schwachen: »Die Schwachen helfen uns, die Proportionen wiederzufinden, (…), sie konfrontieren uns mit unserer Fixierung auf Leistung, Konsum, Erfolg«. Es gelte, der herrschenden Egomanie und Selbstsucht mit Gemeinschaftlichkeit und Mitgefühl zu begegnen. Die Aufgabe der Kirche der Zukunft sei, ein »globales Hospiz« zu sein – für die sterbende Schöpfung, die leidende Menschheit. Widerstehend der Weltvernichtung und lindernd liebend alle Leidtragenden. So könnte die Ohnmacht der Kirche zu ihrer »Sternstunde« werden. 

Reimer Gronemeyer: Der Niedergang der Kirchen: Eine Sternstunde? Claudius Verlag 2020, 176 S., 18 Euro. 

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