Gott ist offen für alle

Jahreslosung: In einer Zeit des scharfen Gegeneinanders, lädt die Jahreslosung 2022 ein zu Offenheit und Annahme. Mit unserer Aufgeschlossenheit gegenüber Anderen sollen wir zeigen, wie Gott ist.
Von Landesbischof Tobias Bilz
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Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen (Joh 6,37). Der Evangelist Johannes überliefert uns einen Ausspruch von Jesus. Wie so oft liebt er es weiterzugeben, was Jesus über sich selbst gedacht und gesagt hat. Johannes möchte, dass durch sein Evangelium die Menschen die Einzigartigkeit von Jesus dem Gottessohn erkennen können. Niemand repräsentiert für ihn Gott so deutlich wie der, der als das Licht der Welt buchstäblich von Gott gekommen ist.

Ein Aspekt wird hier benannt, den wohl kein Normalsterblicher leben und durchhalten kann: Offenheit für alle, die sich ihm nähern. Wir Menschen sind von Sympathien und Antipathien bestimmt. Wir haben Sehnsucht nach gemeinsamer Zeit mit denen, die wir lieben und meiden andere, die wir schwer ertragen. Wir bilden Gruppen mit Gleichgesinnten und distanzieren uns von denen, die fremde Ansichten vertreten. Wir warnen einander vor Menschen, die wir als gefährlich betrachten und informieren uns gegenseitig darüber, wem man vertrauen kann.

Jesus hat diese Form von Auswahl zwischen Guten und Bösen nicht mitgemacht. Das war wohl weniger innere Stärke als vielmehr ein ganz bewusst gesetzter Akzent. Die Menschen sollten an seiner Person erkennen, wie Gott ist. Damit wollte er dazu beitragen, gängige Verhaltensmuster in religiösen Angelegenheiten zu hinterfragen. Gott sollte nicht länger jemand sein, den man durch Wohlverhalten, Opfer oder Verehrung gnädig stimmen muss, um bei ihm gut anzukommen und gesegnet zu werden. Stattdessen sollten Sehnen und Kommen, Bitten und Empfangen wichtig werden. Ehrliche Gebete statt komplizierte Rituale, gelebte Nächstenliebe statt formale Gesetzlichkeit und herzliches Miteinander statt moralische Urteile sollten die neue Gemeinschaft derer prägen, die sich von ihm inspirieren lassen.

Dieses Jesuswort wird uns nun als Leitgedanke mit auf den Weg ins neue Jahr gegeben. Es inspiriert uns in Zeiten, die wir als besonders herausfordernd erleben. Kirche und Gesellschaft ringen um Zusammenhalt und richtiges Verhalten in der Krise gleichermaßen. Wir spüren eine große Verantwortung füreinander und für diese Welt. Von der Kirche wird erwartet, dass sie Orientierung gibt und zugleich dazu beiträgt, dass niemand vergessen wird. Sie selbst ringt um Attraktivität und Relevanz, kämpft gegen Mitgliederschwund und zurückgehende Bedeutsamkeit. Könnte ihr die neue Jahreslosung dafür einen wertvollen Impuls geben?

Ich fühle mich angesprochen! In der Nachfolge von Jesus Christus sind wir dafür da, Akzente zu setzen, die gängige Verhaltensweisen in Frage stellen. Im Moment heißt das für mich, dass wir die Offenheit Gottes für alle Menschen mit unserer eigenen Aufgeschlossenheit zum Ausdruck bringen. Es sollte uns nichts ausmachen, Kommende willkommen zu heißen und aufrichtig über unsere aktuelle Situation zu sprechen.

Ich wünsche mir, dass wir unsere Schwächen zum Anlass für bittende Gebete und unsere Stärken für fröhlichen Einsatz nehmen. Genau genommen wünsche ich mir eine Zeit des »Open Space«. Man bezeichnet damit eine Methode, wie man in großen Gruppen über komplexe Fragestellungen nachdenken kann. Dabei gelten einfache Prinzipien: Wer kommt, ist willkommen und richtig. Es herrscht Offenheit für neue Erkenntnisse und Einsichten. Das, was Energie entwickelt, wird umgesetzt. Jede und jeder kann sich beteiligen, niemand muss da bleiben.

Ich denke, dass der »Offene Raum« nicht nur eine Methode ist. Es ist auch eine Haltung, die ich bei Jesus entdecke. Wir könnten damit rechnen, dass er mit seinem Geist unter uns wirken würde und neue Anziehungskraft entstünde.

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