Damit die Puste nicht ausgeht

Fastenzeit: Die diesjährige kirchliche Fastenaktion steht unter dem Motto »Üben. Sieben Wochen ohne Stillstand«. Es sollten die Schritte gewagt werden, die aus Lähmung und Leere herausführen.
Von Stefan Seidel
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Es ist merkwürdig, nun bereits zum dritten Mal die Fastenzeit in einer Pandemie zu durchleben. Die üblichen Aufrufe zu Verzicht und Selbstdisziplin, die mit dem Aschermittwoch kirchlicherseits gern erklangen, fallen deutlich leiser aus. Zu groß waren und sind die dauerhaften Verzichte und Einschränkungen der letzten Jahre – so, als nähme die Fastenzeit gar kein Ende. Vielleicht wählte die Fastenaktion der evangelischen Kirche deshalb in diesem Jahr das Motto »Üben! Sieben Wochen ohne Stillstand«. Das ist die Botschaft: Nicht stillstehen, nicht aufgeben, nicht resignieren, sondern sich üben in Durchhalten, Seelenstärke, Hoffnung, Vertrauen, Geduld und Lebensfreude – trotz allem.

Die Aktion liefert auch einen Schlüssel dafür, wie der Lockdown der Seele überwunden werden könnte: Üben! Das gute Leben kann auch ein Stück weit aktiv hergestellt werden, indem man sich zum Beispiel bewusst entscheidet, in welchem Maß man sich düsteren Nachrichten aussetzt; ob man hadert wegen dem, was fehlt oder auch das entdeckt, was dennoch da ist; ob man sich der manchmal süßen Versuchung übergroßer Wut überlässt oder auch Gutes sieht und sich daran nährt; ob man sich einigelt in den eigenen Schmerz oder sich immer wieder öffnet – für die kleinen Wunder des Lebens und für das Ergehen anderer.

All das ergibt sich oft nicht von selbst. Es scheint gerade in bedrückenden Situationen eine Schwerkraft der Passivität zu geben, dass man sich fügt, abtaucht und hofft, dass es sobald wie möglich wieder so schön werden möge, wie es nie gewesen ist. Doch die Tücke dieses Rückzugs ist: er lähmt die Lebenskräfte, mindert die Lebensfülle und gibt viele Steuerungsmöglichkeiten ab an eine ominöse äußere Instanz, die gefälligst für ein gutes Leben zu sorgen habe.

Die Fastenzeit will seit jeher das Gegenteil: Aus dem Verzicht Kraft ziehen und der äußeren Leere mit innerer Fülle begegnen; sich nicht der großen Lähmung überlassen, sondern den Rhythmen des Lebens auf die Spur kommen; Inventur halten, Aussortieren, Innehalten, Neues probieren, Klarheit gewinnen, Loslassen – und neu zugreifen. Das Fasten – in seinen vielfältigen Formen – ist eine Übung. Die evangelische Fastenaktion versucht im Geiste der alten Fastenübungen der Kirche mit ihrem Kalender für die sieben Fastenwochen sieben Impulse zu setzen. Sie stehen unter den Überschriften »Mein Ziel«, »Loslegen«, »Dranbleiben«, »Freuen«, »Knoten lösen«, »Stille« und »Neu vertrauen«. Die ganze Fastenzeit wird unter das Bibelwort aus Jesaja 2 gestellt: »Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. (…) Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!« Die Suche nach dem guten Leben ist keine Suche im Nebel. Sie ist ausgerichtet an den Weisungen und Zeichen Gottes. Und diese zeigen sich dem, der aufbricht, der sucht, der versucht, nach diesen Weisungen zu leben. Das wäre die Spur: Auch die Worte der Bibel neu auf sich und sein Leben zu beziehen und immer wieder neu zu versuchen, im Licht des Herrn zu wandeln. Alles käme auf den Aufbruch an: »Kommt!«, ruft der Prophet – »Geht los, brecht auf!« Das ist das Geheimnis: »Wer aufbricht, der kann hoffen / in Zeit und Ewigkeit. / Die Tore stehen offen. / Das Land ist hell und weit«, so schrieb Klaus-Peter Hertzsch im Lied »Vertraut den neuen Wegen«. Die Verheißung ist: Gott selbst kommt uns entgegen.

Die Fastenzeit hat ein Ziel: Ostern. Wir gehen nicht auf das Grabesdunkel zu, sondern auf das Auferstehungslicht des Ostermorgens und dem, der uns auch an dieser letzten Grenze entgegenkommt und zuruft: »Kommt, wandelt in meinem Licht!« Es ist eine Gnade, nicht den Lähmungen ausgeliefert zu sein, sondern sich auf- und ausrichten zu dürfen an diesem Licht, das vom Ostermorgen her in unsere Herzen leuchtet und – immer wieder neu – Kraft, Zuversicht, Gewissheit und tiefe Freude stiftet. Das führt in die Fülle des Lebens, auch wenn Schwere herrscht.

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